2013_02_28

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Kirche muss noch viel lernen

Tagesthema 27. Februar 2013

Osnabrücker Theologe, Arnulf von Scheliha, sieht wichtige Chance im Themenjahr der EKD vertan

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) nutzt ihren diesjährigen Themenschwerpunkt der Luther-Dekade zu einer beeindruckenden Kritik des eigenen Umgangs mit Toleranz. Unter dem Stichwort „Lerngeschichte“ macht sie darauf aufmerksam, dass die Reformatoren mit ihrer Berufung auf die Gewissensfreiheit zwar die religiöse Grundlage der Toleranzidee gefunden hatten, sich aber in der Praxis vielfach selbst intolerant verhalten und Andersgläubige bedrängt haben. Erst durch Impulse der Aufklärung hat man Toleranz als eine sozialethische Norm erkannt und für die Gegenwart theologisch aufbereitet. Der Verweis auf eine erfolgreiche Lerngeschichte ist das eine, die profilierte Umsetzung dieser Norm in der Gegenwart das andere.

Wie wenig sich religiöse Toleranz von selbst versteht und wie hoch der soziale Lernbedarf noch immer ist, geht aus einer kürzlich veröffentlichten Studie hervor. So kommt ein repräsentativer Ländervergleich zu dem Ergebnis, dass die Deutschen dem Islam kritischer gegenüberstehen als andere Europäer. Nur 28 Prozent der Befragten befürworten demnach den Bau von Moscheen, lediglich 18 Prozent wollen den Anblick von Minaretten dulden und nicht einmal ein Drittel der Befragten stimmt zu, dass Mädchen Kopftücher als Teil ihrer religiösen Tradition tragen dürfen. Solche Befunde erklären, warum sich religiöse Minderheiten noch immer nicht akzeptiert und in Deutschland beheimatet fühlen. Ein tolerantes Klima von Respekt vor dem Anderen und guter Nachbarschaft sieht anders aus.

Wer kann zur Verbesserung dieses Klimas beitragen? Die evangelischen Kirchen wären dafür prädestiniert, denn ihnen wurde der Respekt vor der Freiheit des Gewissens des Anderen in die reformatorische Wiege gelegt. Im Jahr der Toleranz hat man die Möglichkeit, den Ertrag der Lerngeschichte konkret umzusetzen, in Hamburg leider gerade verschenkt.

Wie naheliegend wäre es gewesen, die Übernahme der vormaligen Kapernaum-Kirche in Hamburg-Horn durch die muslimische Gemeinde Al-Nour positiv zu begleiten. Stattdessen ist von Beschwichtigungen („Bleibt ein Gotteshaus“) und von Rücksichten auf kirchendistanzierte Menschen, die Kirchen für heilige Räume halten, zu lesen. Warum aber sollte ausgerechnet diese Gruppe einer Aktion entgegenstehen, die gute Nachbarschaft ermöglicht? Hier tut Aufklärung not!

Der vor uns liegende Kirchentag in Hamburg legt einen Schwerpunkt auf den interreligiösen Dialog. Da hätte eine offensiv-einladende Geste zur Beheimatung von Muslimen gut gepasst, nicht aber das theologisch abwegige Argument „Auch Steine predigen“, mit dem sich ein hochrangiger EKD-Vertreter gegen die Umwandlung der längst aufgegebenen Kirche in eine Moschee wandte. Evangelische Christen haben sich ihre Freiheit gegen die intolerante Mehrheitskonfession errungen. Protestanten verstehen sich als Motor für die Entwicklung einer humanen Gesellschaft.

Zur Beförderung von Toleranz kann dazu heute auch gehören, eine Kirche in die Hände von Muslimen zu legen. Sicher, es wäre eine riskante Vorleistung; zugleich aber auch eine mutige. Wer nichts wagt, darf sich auch nicht wundern, wenn sich das soziale Toleranz-Klima nicht verbessert oder die eigene Glaubwürdigkeit in der Toleranz-Debatte in Zweifel gezogen wird. Übrigens: Ein Ergebnis jener Studie besagt, dass gerade Menschen, die fest im Glauben stehen, toleranter gegenüber Andersgläubigen sind. In der Tat, denn Christenmenschen wissen: Toleranz bedeutet keine Vergleichgültigung des Evangeliums, sondern ist dessen höchste Konkretion.

Prof. Dr. Arnulf von Scheliha lehrt Systematische Theologie an der Universität Osnabrück.

In diesen Tagen erscheint im Verlag MohrSiebeck (Tübingen) seine 400seitige „Protestantische Ethik des Politischen“, eine historische und systematische Gesamtdarstellung.

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Was heißt „Lerngeschichte“?

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Jochen Bohl

Derzeit wird im Zusammenhang mit dem dem EKD-Themenjahr „Reformation und Toleranz“ von der „Lerngeschichte der Toleranz“ gesprochen. Was verbirgt sich hinter dieser Formulierung?

Jochen Bohl, der Landesbischof der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens, antwortet in der Evangelischen Zeitung:

Eine zentrale Einsicht der Reformation war es, dass sich jeder Christ und jede Christin durch den Glauben im unmittelbaren Gegenüber zu Gott wissen darf. Die Reformatoren haben darauf vertraut, dass sich die Wahrheit allein durch das Wort der Heiligen Schrift durchsetzt und damit auf die friedliche Durchsetzungsmacht Gottes. Auch die Leitungsverantwortung in der Kirche stand für sie unter diesem Zeichen; und das war gegenüber damals üblichen Vorgehensweisen ein großer Fortschritt.

Dennoch wird man nicht sagen können, dass die Reformation die Toleranz „erfunden“ hätte; und wir werden uns 2013 an die maßlos – wütenden Aussagen des späten Luther über die Juden seiner Zeit oder zu den sog. „Wiedertäufern“ erinnern. Zugleich vergewissern wir uns dankbar, dass seit einigen Jahrzehnten das christlich – jüdische Gespräch segensreiche Wirkungen zeitigt und der Lutherische Weltbund vor zwei Jahren die gewaltsame Unterdrückung der Mennoniten in der Reformationszeit öffentlich bedauert und um Vergebung gebeten hat.

Das sind Ergebnisse einer Lerngeschichte, die weitergehen soll und insofern ist es ein wichtiges Anliegen des Themenjahres, die positiven Impulse der Reformation in Erinnerung zu rufen, um sie in aktuellen Fragestellungen zu bewähren. Das ist auch nötig, denn es ist nicht immer leicht zu akzeptieren, wenn andere ihre Sicht der Wahrheit leben. Mühsam sind wir im Begriff, das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen zu lernen.

Durch die Einwanderungsbewegungen der letzten Jahre ist Deutschland verändert und vielgestaltiger geworden – und damit stellen sich elementare Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Welche Werte sollen gelten? Toleranz meint ja etwas anderes als gleichgültige Beliebigkeit, in der gänzlich Unvereinbares beziehungslos nebeneinander steht. Die Lerngeschichte der Reformation geht weiter, und dazu wird das Themenjahr einen Beitrag leisten.

„Respekt ist das bessere Wort“

Hans Koschnick war einst Deutschlands jüngster Ministerpräsident. Nach seinem Rücktritt als Bremer Regierungschef und Bürger- meister 1985 engagierte sich der damalige SPD-Bundestagsabgeordnete vor allem in der Außen- und Sicherheitspolitik.

Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst äußert sich der 83-Jährige zur Toleranz als zentralen Begriff der Lutherdekade der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in diesem Jahr. Toleranz beginnt im Elternhaus und in der Nachbarschaft, findet er.

Lesen Sie das Gespräch mit Hans Koschnick