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Bild: Jens Schulze

„God is still here“

Tagesthema 21. Februar 2013

Auch zwei Jahre nach dem schweren Erdbeben ist Christchurch noch stark von der Naturkatastrophe gezeichnet. Doch die Menschen in der zweitgrößten neuseeländischen Stadt haben die Nase voll von Staub und Trümmern. Sie erfinden ihre Heimat neu – mit viel Farbe und einer Kathedrale aus Pappe.

Christchurch hatte sein Gesicht verloren

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Auf der Informationtafel ist die „Red Zone“ eingezeichnet – das Gebiet ist noch immer gesperrt. Bild: Jens Schulze

„Oh my goodness!“ Der älteren Frau aus Wellington steht das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Fassungslos steht sie in einer Gruppe von Touristen, die über das Absperrgitter in die „Red Zone“ schauen, dem gesperrten Bereich von Christchurchs City. Schutt und Scherben, Bagger und Kräne dominieren auch zwei Jahre nach dem verheerenden Erdbeben das Stadtbild. Christchurch hat sein Gesicht verloren.

Bereits im September 2010 erschütterte ein Erdbeben Christchurch und schädigte zahlreiche Gebäude. Todesopfer gab es damals nicht. Das Naturunglück am 22. Februar 2011 aber kostete 185 Menschen der Canterbury-Region das Leben. Es ist immer noch ein Trauma für die ganze Nation.

Aufbau geht schleppend voran

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Brachland - da standen vor dem Erdbeben Gebäude. Bild: Jens Schulze

Doch nicht nur in der „Red Zone“ der City sind die Spuren der Naturkatastrophe sichtbar. Fast in jeder Straße stehen verfallene Häuser. Eisenträger und dicke Holzbalken stützen Mauern. In verlassenen Ladengeschäften mit gesprungenen Schaufensterscheiben liegen Regale kreuz und quer auf dem Boden. Ein verstaubtes Schild kündigt „New arrivals“ an. Doch der Aufbau von Neuseelands zweitgrößter Stadt geht nur schleppend voran. Auf der Tagesordnung steht immer noch der Abriss ganz oben.

„Das hat verschiedene Gründe“, erklärt Kelly Stock, touristische Leiterin der Region. „Zum einen sind noch viele Versicherungsfälle nicht geklärt, zum anderen kostet der Abriss sehr viel Geld.“ Mehr als 900 Gebäude müssten abgerissen werden – mindestens. Denn bei vielen Häusern hätten die Behörden immer noch nicht entschieden, ob sie je wieder bezogen werden können.

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Die Fußgängerzone ist gut gefüllt – es kommen wieder Touristen in die Stadt. Bild: Jens Schulze

Verzögerung gibt es auch, weil man sich lange Zeit nicht einigen konnte, was wo neu entstehen soll und wer es bezahlt.“ Pläne gebe es schon zahlreiche, sagt Kelly Stock. So sehe der Aufbauplan für das zentrale Geschäftsgebiet zum Beispiel neben mehr Grünflächen auch ein großes Konferenzzentrum, sowie ein überdachtes Sportstadium vor.

„Vor allem brauchen wir neue Hotels“, sagt die Tourismusexpertin. „Christchurch hat zu wenig Betten, um die Gäste, die nun wieder häufiger die Stadt in ihre Rundreise aufnehmen, unterbringen zu können.“ Und nicht zuletzt gebe es nicht genügend Arbeitskräfte in der Stadt. Kelly Stock schätzt, dass es noch 15 bis 20 Jahre dauert, bis die Stadt wiederhergestellt ist.

Wiener Würste im bayrischen Stil

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Geschäfte in bunten Container-Läden. Bild: Jens Schulze

Doch die meisten Menschen in Christchurch werden ungeduldig. Sie haben die Nase voll vom Staub der Abrissarbeiten. Sie wollen raus aus dem Grau und ihre Heimat neu gestalten. Ein erster baulicher Schritt, wenn auch ein vorübergehender, sind die neuen Container-Läden von Re:START, die kräftige Farben in die Innenstadt bringen.

Das Projekt hat die bunt gestrichenen Seefracht-Container in der Cashel Street organisiert, in denen 27 Firmen seit Oktober 2011 vorübergehend ihre Geschäfte errichtet haben: vom Modeladen und Computer-Store bis zum Geschenke-Shop und Sportgeschäft. Gleich nebenan stehen kleine Imbissbuden – sie verkaufen Pizza, Sushi, Gyros und Bratwürste von „Fritz's Wieners – Bavarian style". Die meisten Läden gehörten schon früher zur City Mall in der Cashel Street.

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Absperrungen. Bild: Jens Schulze

Zahlreiche Menschen schlendern am Nachmittag dort durch die Fußgängerzone am Re:START - sie sitzen in der Sonne, trinken Kaffee oder hören den Straßenmusikern zu. Gleich an der nächsten Ecke steppt eine junge Frau zur Akkordeonmusik ihrer Freundin. Kinder hopsen lachend um die Wette. Fast ununterbrochen dringt dazu von nebenan der Lärm der Baustellen herüber.

Die Touristen laufen bis zur Absperrung am Ende der Container-Straße, beobachten das Schauspiel, fotografieren Trümmer. Doch die Einheimischen ignorieren das Rumpeln der Schaufelbagger. Sie wünschen sich vor allem einen unbeschwerten Alltag. „Natürlich war das damals furchtbar“, erinnert sich Kate Williams an die Zeit vor zwei Jahren. „Doch Erdbeben gehören hier in der Region dazu“, sagt die junge Frau fast lakonisch. „Das ist eben Mutter Natur.“

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Hinter der Stuhl-Installation wächst die Papp-Kathedrale in den Himmel. Bild: Jens Schulze

Kate Williams hatte Glück. Die Naturkatastrophe richtete in ihrer Wohngegend kaum Schäden an. In vielen östlichen Stadtteilen dagegen sind noch heute ganze Viertel gesperrt. Die Bewohner mussten ihre Häuser verlassen. Die meisten von ihnen haben Zuflucht bei Verwandten oder Bekannten gefunden: Nur wenige haben ihre Heimat verlassen – 98 Prozent, so heißt es offiziell, sind geblieben.

„Man braucht nicht mehr traurig zu sein“, sagt Kate Williams. Und auch ihr Mann Barry, will heute nur noch nach vorn blicken. „Die Katastrophe beschäftigt mich zwar noch“, räumt der 53-Jährige ein. „Aber jetzt haben wir die Chance, die Stadt neu zu gestalten. Auch mal mit ungewöhnlichen Projekten wie mit der Papp-Kathedrale.“

Erinnerung an sakralen Raum

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185 weiße Stühle erinnern an die Opfer des Bebens. Bild: Jens Schulze

Nicht weit vom Cathedrals Square, wo heute die Überreste der 130 Jahre alten neogotischen Kathedrale aus der Ferne zu sehen sind, entsteht eine Kirche aus Kartonröhren mit einem Kunststoffdach. Das Gotteshaus für 700 Gläubige soll eine Lebensdauer von rund 50 Jahren haben. Die Konstruktion ist flexibel und vor allem erdbebensicher. Architekt ist der Japaner Shigeru Ban, der bei der Expo 2000 in Hannover schon einen Pavillon aus Karton auf das Ausstellungsgelände gestellt hat. Die Kosten in Christchurch werden auf knapp sechs Millionen neuseeländische Dollar (rund 3,67 Millionen Euro) geschätzt. Etwa vier Millionen Dollar kommen von der Versicherung, der Rest soll mit Spenden aufgebracht werden.

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Gerüst an der Papp-Kathedrale. Bild: Jens Schulze

Doch auch die Arbeiten an der Papp-Kathedrale brauchen ihre Zeit. Ursprünglich sollte sie schon Anfang April diesen Jahres fertig sein. Dass das Orginal am Cathedrals Square möglichst bald wieder aufgebaut werden soll, da ist sich laut Umfragen die Mehrheit der Bewohner einig. „Die Kathedrale hat schließlich unserer Stadt den Namen gegeben, sie ist mehr nur ein Wahrzeichen“, nennt Barry den für ihn wichtigsten Grund.

Rückblick und Ausblick: „Das Gebäude ist zerstört, doch wir sind noch hier“, heißt es in einem Faltblatt der St.-Paul's-Gemeinde, die ihre Kirche ebenfalls beim Erdbeben verloren hat. Mit einem ungewöhnlichen Projekt erinnern sie an die Toten des Unglücks: 185 leere weiße Stühle stehen an der Stelle, wo bis vor zwei Jahren noch ihre Gottesdienste abgehalten wurden. Sie laden ein, inne zuhalten und den Opfern zu gedenken. Eine Besucherin aus Australien kommentiert im ausliegenden Gästebuch: „Terrible earthquake. But god is still here!“

Von Katrin Schreiter (Text) und Jens Schulze (Foto)

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Blick auf die Kathedrale. Bild: Jens Schulze

Das Erdbeben traf Christchurch in Neuseeland unvorbereitet während der geschäftigsten Zeit: Um 12:51 Uhr (Ortszeit) am 22. Februar 2011 erschütterte es die zweitgrößte Stadt des Landes. Das Epizentrum lag nahe der Stadt Lyttelton in der Region Canterbury auf der Südinsel von Neuseeland.

Das Beben fand in einer verdeckten und bisher nicht bekannten Verwerfung mit Ost-West-Ausrichtung statt. In dieser Verwerfung entstand nach ersten Erkenntnissen ein rund 10 km langer Bruch, lediglich 9 km vom Zentrum der Stadt entfernt. Das Hauptbeben dauerte etwa 25 Sekunden, mit einem ersten weiteren Nachbeben rund 2 Minuten später.

Der Tod von 185 Personen infolge des Erdbebens wurde offiziell bestätigt, darunter befinden sich auch Staatsangehörige aus mindestens 14 weiteren Ländern (vor allem Japaner und Chinesen). Da einige menschliche Überreste schwer zu identifizieren waren und ein Abgleich mit den registrierten Vermisstenfällen vorgenommen werden musste, wurde die endgültige Opferzahl erst etwa ein Jahr nach dem Erdbeben veröffentlicht.

Nach Angaben der staatlichen Accident Compensation Corporation (ACC) wurden bis zum 17. März rund 5.900 verletzte Personen gemeldet, man vermutet jedoch letztlich etwa 7.500 Schadensfälle.

In Christchurch und Umgebung wurden zahlreiche Gebäude zerstört oder schwer beschädigt. Einige Menschen wurden eingeschlossen und mussten befreit werden. Mehr als 200 Personen galten zeitweise als vermisst. Am stärksten betroffen von den Zerstörungen waren die gemauerten Gebäude und hier vor allem die im Stadtzentrum. Doch auch Stahlbetonkonstruktionen wie das Pyne Gould Guiness Building gaben unter den heftigen Stößen nach. Das Gebäude von Canterbury Television, einem regionalen Fernsehsender, stürzte nahezu komplett ein und ging danach partiell in Flammen auf. Unter den Trümmern wurden 115 Opfer gefunden.

Auch ein Wahrzeichen der Stadt wurde erheblich in Mitleidenschaft gezogen, so stürzte der Kirchturm der Christ Church Cathedral zur Hälfte ein und beschädigte Teile des restlichen Gebäudes. Unter den schwer beschädigten oder großteils zerstörten Bauwerken waren auch viele weitere denkmalgeschützte historische Bauten, wie zum Beispiel die Canterbury Provincial Council Buildings, der Clarendon Tower und die von Francis Petre entworfene Cathedral of the Blessed Sacrament. In Lyttelton trug die Timeball Station so massive Schäden davon, dass sie abgetragen werden musste.