Plattdüütsch in de Kark

Tagesthema 20. Februar 2013

„He passt up di up“, verspricht die Bibel Gottes Beistand. Seit 50 Jahren werben in Niedersachsen und Bremen Menschen dafür, Plattdeutsch zu erhalten - auch in der Kirche. Die Sprache ist klar und konkret, finden sie.

Im ostfriesischen Victorbur prooten de Lüüd Platt. Ob im Kindergarten, im Bibelkreis oder der Seniorengruppe - Plattdeutsch ist auch in der evangelischen Kirchengemeinde Alltag und für mehr als jeden Zweiten die erste Sprache. „Nur selten kommt das Hochdeutsche zum Zuge“, sagt Ortspastor Jürgen Hoogstraat. Seit 50 Jahren engagiert sich der Arbeitskreis „Plattdüütsch in de Kark“ in Niedersachsen und Bremen dafür, die Regionalsprache in der Kirche lebendig zu halten. Nicht immer und überall war das so selbstverständlich wie in Ostfriesland.

Lange hatte es das Niederdeutsche schwer, anerkannt zu werden, sagt der Ruhestandspastor Heinrich Kröger aus Soltau. Er gehörte zu den 29 Freunden der Sprache, die beim ersten plattdeutschen Pastoralkolleg 1963 in Loccum bei Nienburg die Arbeitsgemeinschaft ins Leben riefen. „Mit rein gor nix füng dat an“, erinnert sich der 80-Jährige. Zwar habe es ein Gesangbuch auf Platt gegeben. Doch der damalige hannoversche Landesbischof Hanns Lilje habe es abgelehnt, dafür ein Vorwort zu schreiben.

Für Kröger steht die Haltung des Bischofs stellvertretend für eine Zeit, in der die angestammte Regionalsprache in vielen Bereichen verdrängt wurde. Niederdeutsch war nach seiner Blüte in früheren Jahrhunderten lange Zeit als Sprache der einfachen Menschen sozial verachtet. „Lernen sie erst einmal Hochdeutsch“ wurde er schon als Student auch von anderen Kirchenoberen im Engagement für seine Muttersprache ausgebremst.

Auch, wenn am Anfang vor allem ältere Herren für Platt in der Kirche warben, ging von der Bewegung Kröger zufolge durchaus Innovation aus. In Schleswig-Holstein, wo sich die Plattdeutsch-Liebhaber schon früher organisiert hatten, engagierten sich auch Pastoren der 1968er-Generation für die Sprache. Sie hielten Anfang der 70er plattdeutsche Universitätsgottesdienste. Darin, dass sie die Volkssprache in die Universität trugen, sahen sie eine Demokratisierung der Kultur.

Zum 50. Geburtstag ist die Arbeitsgemeinschaft in der Kirche etabliert. Zur Jubiläumsfeier an diesem Dienstag kommen der hannoversche Landesbischof Ralf Meister und der Geistliche Vizepräsident des Landeskirchenamtes, Arend de Vries, nach Loccum. Beide können Platt. Inzwischen setzen sich rund 300 Mitglieder für „Plattdüütsch in de Kark“ ein. Sie halten Gottesdienste in der Sprache und wollen unter anderem mit einer plattdeutschen Kinderbibel oder bei Familienfreizeiten die Generationen „up Platt“ miteinander ins Gespräch bringen.

„Plattdeutsch ist klar und konkret“, sagt die Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft, Anita Christians-Albrecht. „Es hilft, die biblischen Texte so zu vermitteln, dass sie die Menschen erreichen“, ist die Pastorin und Plattdeutsch-Beauftragte der Landeskirche überzeugt. Deshalb kämen auch diejenigen in die Gottesdienste, denen die Sprache sonst nicht geläufig ist. In der Heide, in Ostfriesland und im Raum Bremen gehöre Platt noch zum Alltag: „Wir sehen das auch als kulturelle Verantwortung, gemeinsam mit anderen die Sprache zu erhalten und weiterzutragen.“

In Victorbur hat der Kirchenvorstand vor einigen Jahren Hochdeutsch als Amtssprache eingeführt. „Vorher war 750 Jahre nur Platt verhandelt worden, aber eine neue Kirchenvorsteherin verstand nichts“, erzählt Pastor Hoogstraat. Der Wechsel sei vielen allerdings schwer gefallen: „Nach zwei, drei Sätzen verfielen sie wieder ins Platt.“ Selbst in Ostfriesland nehme jedoch der tägliche Gebrauch der Sprache ab, je jünger die Menschen seien. Noch aber unterhielten sich auch die Teens im Jugendkreis zweisprachig.

Von Karen Miether (epd)

„Plattdüütsch in de Kark“ feiert 50-jähriges Bestehen

Die evangelische Arbeitsgemeinschaft „Plattdüütsch in de Kark“ in Niedersachsen und Bremen besteht seit 50 Jahren. Am diesem Dienstag werde das Jubiläum in Loccum mit Landesbischof Ralf Meister und dem Vizepräsidenten des Landeskirchenamtes, Arend de Vries gefeiert, sagte Geschäftsführerin Anita Christians-Albrecht.

Eine Fortbildung für Pastoren in Loccum war 1963 die Initialzündung, die der plattdeutschen Verkündigung in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers Aufschwung und Breitenwirkung brachte, wie der Plattdeutsch-Experte Heinrich Kröger erläuterte. Noch im gleichen Jahr gründete sich die Arbeitsgemeinschaft „Plattdüütsch in de Kark“, die bis heute in ganz Niedersachsen und Bremen für die Verkündigung in der Regionalsprache eintritt.

Nur in Schleswig-Holstein hätten sich die Plattdeutsch-Liebhaber in der Kirche bereits früher organisiert, sagte der Soltauer Pastor. Bis die Kirche die plattdeutsche Verkündigung offiziell anerkannte, habe es jedoch noch gedauert. 1974 wurde Kröger nebenamtlich zum ersten landeskirchlichen Beauftragten ernannt.

Heute setzen sich Christians-Albrecht zufolge rund 300 Mitglieder von „Plattdüütsch in de Kark“ für die Sprache ein. Die Pastorinnen, Pastoren und Ehrenamtlichen predigten auf Platt, sagte die Pastorin. Ein weiterer Schwerpunkt seien Angebote für Kinder und Familien. Die Jubiläumstagung in der Evangelischen Akademie Loccum widmet sich bis zum Freitag dem Thema „Wo bün ik warden, wat ik bün - Biografieforschung und Theologie“.

epd