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Bild: Ausschnitt von Thema - Grimms Märchen

Zwei Brüder erzählen Märchen

Tagesthema 09. Februar 2013

Beispiellose Erfolgsgeschichte

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Wilhelm und Jacob Grimm nach einer Radierung von Emil Grimm

„In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat…“: Erkennen Sie´s? So beginnt mit dem Märchen vom „Froschkönig“ das nach der Bibel erfolgreichste Buch des Planeten Erde. Zu Weihnachten 1812 lag es in Berlin auf dem Gabentisch der deutschen Kultur: „Kinder- und Haus-Märchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm“. Nach Schätzungen des Brüder-Grimm-Museums in Kassel sind seither Ausgaben in über 170 Sprachen erschienen, die zusammen eine Auflage von über einer Milliarde Exemplaren erreichen. Japanische Mädchen tanzen Dornröschen-Ballett, Hollywoods  (Trick-)Filmstudios lieben Schneewittchen und Rapunzel, niederländische Kinder gruseln sich wohlig, wenn die Hexe schnarrt: „Knibbel knabbel knuisje, wie knabbelt aan myn huisje?“

Grimms Märchen sind zeitlos erfolgreich, und das weltweit und vor allem generationsübergreifend. Welches Stück Alltagskultur verbindet in Deutschland sonst noch den 90-jährigen Allgäuer Austragsbauern, die Kölner Marketingstrategin und den jungen Hip-hop-Musiker im Berliner Kiez? Die Geschichte, wie die junge Königin auf einmal Rumpelstilzchens Namen rausbekommt, kennen sie alle. Es gibt einige zuverlässige Indikatoren für den hohen Bekanntheitsgrad von Aschenputtel & Co., die die Einordnungen wie im ZDF-Politbarometer („Diese Person ist mir nicht bekannt“) nicht fürchten müssen. So wissen zum Beispiel Werbestrategen den Sympathiebonus der grimm´schen Märchenhelden seit langem zu nutzen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon waren sie beliebte Motive auf den Sammelbildern von „Liebig´s Fleisch-Extract“. Die Historie des Märchen-Merchandisings reicht vom Rotkäppchen-Sekt und Rotkäppchen-Camenbert bis zu „Gebrüder Waldbauers Chocoladen-Cacao-Pulver Stuttgart“. Der Froschkönig wirbt für Handcreme, das Sterntalermädchen für „märchenhaften Eisgenuss“. Zu den jüngeren Objekten gehört ein „Wincheringer Burg Wahrberg Kerner Spätlese 2002“ im Zeichen Schneewittchens.

Auch Deutschlands Karikaturisten lieben ihre Märchenfiguren. Horst Haitzinger zeichnete 1990 die verbliebenen Baumstümpfe eines radikal abgeholzten Waldes, in deren Mitte die Hexe im Waldschadensbericht liest. Die gute Nachricht wird mitgereicht: „Hänsel und Gretel können sich nicht mehr verlaufen“. Finanzminister mit Goldesel, Koalitionsprinzessin mit Frosch am Brunnen sitzend oder Ministerpräsident vor dem Spieglein an der Wand: Man muss schon eine ganz traurige Kindheit gehabt haben, um von diesen Bildern gar nichts zu verstehen.

Zu verdanken haben wir diesen einzigartigen Schatz einem einzigartigen, bisweilen wunderlichen Gelehrtenpaar, das im 19. Jahrhundert unter anderem altdänische Heldenlieder sammelte, deutsche Runen entzifferte und ein „Wörterbuch der deutschen Sprache“ begann, das erst 1961, nach 123jähriger Arbeit, abgeschlossen wurde: Jacob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859). Die Brüder wuchsen als Söhne eines hessischen Amtmannes in Hanau, Steinau an der Straße und Kassel auf, studierten in Marburg und arbeiteten zunächst als Bibliothekare in Kassel, bevor sie 1829 als Professoren an die Universität Göttingen berufen wurden. Der hessische Kurfürst Wilhelm II. machte sich unsterblich, als er den Abgang der beiden so kommentierte: „Die Herrn Grimm gehen weg! Großer Verlust! Sie haben nie etwas für mich getan!“

Doch auch in Göttingen hatten beide kein Glück mit ihrem Landesherrn. 1837 gehörten sie zu den „Göttinger Sieben“, die gegen einen Verfassungsbruch des neuen Kurfürsten Ernst August von Hannover protestierten, der auch Landesherr der Universität war. Ernst August feuerte die aufmüpfigen Akademiker kurzerhand von der Uni. Nach einem Intermezzo in Kassel wurden beide drei Jahre später vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. an die Preußische Akademie der Wissenschaften nach Berlin berufen. Jacob Grimm gehörte anno 1848 zu den prominentesten Mitgliedern des Frankfurter Paulskirchenparlamentes. Bei ihrem Tod in den Jahren 1859 und 1863 zählten Wilhelm und Jacob Grimm, die ein Leben lang unzertrennlich zusammen gewohnt und gearbeitet hatten, zu den prominentesten Geisteswissenschaftlern im deutschen Sprachraum. Sie gelten dank ihrer zahlreichen hochkarätigen Veröffentlichungen über alle möglichen literarischen Fragen als Mitbegründer der modernen Germanistik.

1812 die ersten Märchen gedruckt erschienen

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Druckgrafik Schneeweisschen und Rosenrot  aus dem Jahre 1890.

Freilich, den größten Coup ihres Forscherdaseins landeten beide schon ganz zu Beginn ihrer Karriere. Jacob und Wilhelm Grimm waren damals elektrisiert von der Volksliedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“, die Clemens Brentano und Achim von Arnim zwischen 1805 und 1808 in drei Bänden herausgaben. Die beiden sammelten alte Volkslieder, Sagen und Schwänke, Märchen natürlich, kurz: alles, was man irgendwie der Volksüberlieferung zuschreiben konnte. „Es ist höchste Zeit geworden, alte Überlieferung zu sammeln und zu retten, damit sie nicht wie Tau in heißer Sonne vergeht“, begründete Jacob Grimm seine Sammelwut. Was dabei jemals herauskommen könnte, war den beiden egal – ihre Volksliedersammlung zum Beispiel, mit 600 Titeln eine der größten im 19. Jahrhundert, haben sie nie veröffentlicht, ihre erste Märchensammlung schickten sie an Brentano, der darüber reichlich unfreundlich hinwegging. Das Grimm´sche Originalmanuskript wurde erst über 100 Jahre später in der Bibliothek des Trappistenklosters Ölenberg im Elsaß wiederentdeckt. Glücklicherweise hatten die Brüder zuvor eine Abschrift der 49 Geschichten angefertigt - der Grundstock für die „Kinder- und Hausmärchen“ (KHM). Bis 1812 war die Sammlung schon auf 86 Märchen angewachsen.

Achim von Arnim kannte seine beiden Kasseler Freunde und empfahl, man solle nicht zu lange mit der Veröffentlichung warten, „weil beim Streben nach Vollständigkeit die Sache am Ende liegenbliebe“. Er besorgte den Grimms den Berliner Verleger Georg Reimer, der die Sammlung am 20. Dezember 1812 auf den Markt brachte. Kuriosität am Rande: Zu dem Märchen „Der Fuchs und die Gänse“ druckte Reimer zwar die Anmerkungen, vergaß aber den Haupttext. Die Erstausgabe umfasste also, genau genommen, nur 85 Märchen. 70 weitere folgten 1815 in Band zwei.

Das Buch war alles andere als ein Kassenschlager. Es dauerte drei Jahre, bis die bescheidene Erstauflage von 900 Exemplaren verkauft waren. Ludwig Tiecks zeitgleich erschienene Sammlung „Phantasus“ war viel populärer. In Wien verbot man gar den Nachdruck - dort galten die Märchen als zu abergläubisch. Die Probleme ergaben sich aber vor allem an der - neudeutsch gesagt - mangelnden Zielgruppenorientierung der Sammlung. Die „Kinder- und Hausmärchen“ waren nämlich keineswegs kindertauglich. Bestes Beispiel dafür ist die Urfassung des Märchens „Rapunzel“, in der die Hauptfigur ihre böse Ziehmutter fragt, warum denn jüngst ihr Bauch so wachse – ein überdeutlicher Hinweis darauf, was Rapunzel zuvor mit dem Königssohn getrieben hatte. Für das brav-keusche deutsche Bürgertum war das pure Pornographie.

Vor allem Wilhelm Grimm nahm sich die Kritik zu Herzen und passte die künftigen Ausgaben ganz den kindlichen Bedürfnissen an. Rapunzel verrät sich seither, weil sie erstaunt feststellt, dass die böse Gothel viel schwerer an ihrem blonden Zopf hängt als der königliche Besucher. Ab 1819 erschienen die Märchen außerdem mit Illustrationen von Ludwig Emil Grimm (1790-1863), dem jüngeren Bruder der beiden Philologen. Der Durchbruch gelang aber erst mit einem Auswahlband, in dem Wilhelm Grimm 50 besonders populäre Märchen zusammengestellt hatte. Bis 1857 erlebten die Brüder Grimm sieben Auflagen der großen und zehn Auflagen der kleinen Ausgabe. Zuletzt war die Sammlung auf 211 Märchen angewachsen. Ihren Siegeszug um die ganze Welt trat sie erst 1893 an, nachdem die Urheberrechte der Herausgeber - 30 Jahre nach Jacob Grimms Tod - erloschen waren. Ehrlicherweise muss man anmerken, dass sich die weltweite Popularität nicht auf alle Geschichten gleich verteilt – wer kennt schon die „hagere Liese“ oder die „drei Feldscherer“?

Von Thomas Greif (aus Thema/Evangelische Zeitung)

Wieviel Grimm steckt nun in „Grimms Märchen“?

Immerhin hatten die beiden Sammler sich mit der Vorgabe „Das Märchen dichtet sich selbst und springt als Blüthe aus der That hervor“ ganz hinter der Volksüberlieferung versteckt. Die Vorstellung aber, die beiden Akademiker aus Kassel seien nun von Dorf zu Dorf gezogen und hätten nur genau das aufgezeichnet, was ihnen in irgendwelchen ärmlichen Bauernhütten schlohweiße Alte am Kachelofen erzählt hatten, ist grundfalsch. Die wichtigsten Zuträgerinnen der Grimms kamen aus dem Bürgertum: Katharina Dorothea Viehmann etwa war eine Schneiderswitwe, Dorothea Wild entstammte einer Apotheke und Marie Hassenpflug war gar Tochter des Regierungspräsidenten von Kassel. Auch Beiträge eines Pfarrers, eines Dragonerwachtmeisters und eine westfälische Adelsfamilie lassen sich nachweisen. Die meisten Märchen stammen aus Hessen und Westfalen, dem damaligen Lebensumfeld der Grimms; vielfach bestanden literarische Vorlagen, etwa von Charles Perrault, Georg Philipp Harsdörffer, Jean Paul, Hans Sachs oder auch Martin Luther.

Märchen sind Geschichten, die tief ins Herz und in die Geschichte der Menschheit blicken lassen. Sie sind ein Spiegel überzeitlicher Sehnsüchte, Ängste und Erfahrungen. Märchen gibt es auf der ganzen Welt. Aber nirgendwo anders gelang es, die erzählte Volksüberlieferung so vortrefflich einzufangen und ein eigenes Genre daraus zu formen, wie in den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm.
 

Mehr über „Grimms Märchen“

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Vor 200 Jahren schrieb das Brüderpaar Jacob und Wilhelm Grimm Geschichte(n). Erstmals erschienen damals ihre „Kinder - und Hausmärchen“, die sie angeblich landauf, landab zusammengetragen hatten. Dass auch dieses vermeintliche Sammeln von Volkssagen selbst nur ein Märchen ist, sollte sich erst viel später herausstellen. Denn weder zogen die Brüder Grimm von Dorf zu Dorf, noch handelte es sich bei ihren gesammelten Werken um die Sagen der einfachen Leute. Es waren die gebildeten Bürger, die in die Kasseler Studierstube der Brüder kamen, um ihnen ihre Geschichten vorzutragen

Dass die Grimms uns mit dieser Verklärung ihrer Märchen zum Volksgut im Geiste der Romanik auf eine falsche Fährte führten, mag man ihnen verzeihen. Schließlich ist es ja gerade das Geheimnisvolle, das Rätselhefte, das die Märchen auch für heutige Zuschauer so einzigartig macht. Was wird aus dem treuglaubenden Hans, der mit einem Goldklumpen unter dem Arm gen Heimat zieht? Wie wird es Aschenputtel gelingen, ihre Konkurrentinnen auszustechen, um den Prinzen für sich zu gewinnen?

Chefredakteur Carsten Splitt

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