2013_02_09

Bild: Szenenbild "Vergiss mein nicht"

„Vergiss mein nicht“

Tagesthema 08. Februar 2013

Ein Dokumentarfilm von David Sieveking

Kein Krankheits-, sondern ein Liebesfilm

Vergiss mein nicht 1
Filmszene

In unserer Gesellschaft, die das Individuum über alles stellt, ist Alzheimer die Horrorkrankheit schlechthin. Wenn das kostbare Selbst zumindest theoretisch alles soll und kann - was könnte es Schlimmeres geben, als dieses Ich zu verlieren? Dass Alzheimer zu einem so allgegenwärtigen Thema geworden ist, immer mehr Erfahrungs- und Leidensberichte von Angehörigen erscheinen, hat nicht nur damit zu tun, dass in einer alternden Gesellschaft die Zahl der Demenzkranken zunimmt. Es ist auch ein Symptom der Angst. „Vergiss mein nicht“, der in Locarno im vergangenen Jahr den Hauptpreis der Reihe Semaine de la Critique bekam, widersetzt sich dieser Angst, was sicher an David Sievekings konkreter Erfahrung mit seiner Mutter und deren Krankheit liegt. Es steckt aber auch ein Menschenbild dahinter, das das überforderte Selbst wohltuend vom Sockel holt.

Als David Sieveking die Betreuung seiner Mutter Gretel übernimmt, weil sein Vater Urlaub von der Pflege braucht, ist die Mutter bereits schwer gedächtnisgestört und verwirrt, sie kommt kaum noch aus dem Bett, ist inkontinent. Den Film, in dem Sieveking das Zusammensein mit ihr und schließlich ihr Sterben dokumentiert, sieht der Regisseur dennoch nicht in erster Linie als Krankheits-, sondern als Liebesfilm, als einen Liebesfilm, wie er sagt, „der mit melancholischer Heiterkeit erfüllt ist“. In ihrer demenzbedingten Unbekümmertheit ist die Mutter nun tatsächlich oft sehr komisch, etwa wenn sie ihren Sohn für ihren Ehemann, David Sieveking für Malte, hält. Oder wenn sie, als sie den Vater aus dessen Urlaub abholen, in der Schweiz am Bergmassiv der Jungfrau vorbeifährt und frivol kommentiert: „Das konnte man von mir nicht sagen.

Während Gretel früher eine eher intellektuelle, kühl-distanzierte Frau und Mutter war, ist sie durch ihre Demenz nun herzlich und offen geworden. Sie verfügt über einen rührenden Kindercharme und Wortwitz und lebt ganz im Jetzt. So kommt sie im Verlauf des Films auch ihrem Mann wieder näher, mit dem sie eine „offene Ehe“ führte, wie wir im Film erfahren, was für beide Ehepartner nicht nicht immer einfach war. Der Vater, ein Mathematiker, dem seine Freiheit immer wichtig war, genießt es am Ende, von seiner Frau kindlich geliebt und gebraucht zu werden.

Vergiss mein nicht 2
Filmszene

Kurios: Erst durch die Krankheit der Mutter beginnt der Sohn sich für die Vergangenheit der Eltern zu interessieren, eine Vergangenheit, an die sich die Mutter jetzt kaum noch erinnern kann. Sieveking reist - eine Idee Gretels! - in die Schweiz, wo der Vater den Urlaub verbringt und das Ehepaar früher lebte. Dort erfährt der Sohn nicht nur vom politischen Engagement der Mutter, die überzeugte Sozialistin war und sich für Frauenrechte einsetzte, er trifft auch einen früheren Weggefährten und Liebhaber. Fast scheint es, als würde Sieveking erst durch diesen Film seine Eltern richtig kennenlernen. Und auch diese erleben neue Facetten von sich.

Die Reise in die Vergangenheit wird mit Bildern kontrastiert, die den Augenblick feiern und die Flüchtigkeit des Gesehenen unterstreichen. So beginnt der Film mit grieseligen Amateueraufnahmen der Familie. Es folgen Kamerablicke aus dem Fenster eines fahrenden Zugs. Vergiss mein nicht ist ein leichter, kein schwerer Film. Er ist überraschend komisch und charmant.

Das Unappetitliche, das Gretels Krankheit mit sich bringt, wird nur angedeutet. Das verzerrt vielleicht die Realität, aber eine andere Möglichkeit konnte es nicht geben, schließlich war die Mutter zu verwirrt, um in den Film einzuwilligen. Um ihre Würde nicht zu verletzen, zeigt Sieveking nun sehr diskret die pflegerischen Details. Die Frage, ob der Sohn die Realität damit schönredet, ob er nicht überhaupt versucht, durch den Film einen Sinn in der Erkrankung seiner Mutter zu entdecken, den es nicht geben kann, diese Frage stellt sich durchaus. Andererseits: Was spräche dagegen? Es kann es bei einem solchen Dokumentarfilm keine andere Haltung als die radikal subjektive geben - und Sieveking hat sich für die Liebesgeschichte entschieden. Worin die Liebe zwischen einem Gesunden und einer Dementen, die den Geliebten oft nicht einmal erkennt, bestehen könnte, sagt die Mutter selbst zu ihrem Mann: „Ich hab dich, weil du da bist.“

Von Martina Knoben (epd-Film)

Dokumentarfilm „Vergiss mein nicht“ unbedingt sehenswert

epd_quadrat

Drei Fragen an den Demenzexperten Stefan Görres

„Vergiss mein nicht“ heißt ein Dokumentarfilm von David Sieveking, in dem er seine demenzkranke Mutter porträtiert und den Umgang seiner Familie mit der Krankheit schildert. Der Film sei unbedingt sehenswert, weil er neue Wege im Umgang mit demenzkranken Menschen zeige, sagte der Bremer Demenzexperte Stefan Görres dem Evangelischen Pressedienst (epd).

epd: Herr Professor Görres, die Diagnose „Demenz“ erfüllt fast jeden Menschen mit großer Angst. Lassen sich der Erkrankung nach Ihren Erfahrungen auch positive Aspekte abgewinnen?

Stefan Görres: Grundsätzlich ja. Allerdings unterscheiden wir unterschiedliche Schweregrade. Je schwerer die Erkrankung ist, desto schwieriger wird es, das Positive zu sehen.

Eine mittelschwere Demenz, wie der Film sie dokumentiert, kann die Beziehung zu den Angehörigen sogar positiv beeinflussen. So kann sich zum Beispiel ein lebenslanger Mutter-Sohn-Konflikt dadurch lösen, dass der Sohn seine Mutter mit anderen Augen wahrnimmt und ein neues emotionales Verhältnis zu ihr entwickelt. Etwas Ähnliches geschieht ja auch im Film: Er wirft einen neuen Blick auf Demenz, indem er die Erkrankung nicht nur als Defizit definiert. Wenn das geschieht, gibt es sogar Glücksmomente für alle Beteiligten.

epd: Wie geht es den Erkrankten eigentlich selbst, wenn sie von Menschen umgeben sind, die ihnen ständig sagen, was sie zu tun und zu lassen haben?

Görres: Gerade im Anfangsstadium ist den Betroffenen ihre Vergesslichkeit sehr bewusst. Es irritiert und belastet sie, wenn sie ständig korrigiert werden und Vorwürfe zu hören bekommen. Phasen des Unglücklichseins gibt es bei der Erkrankung genauso wie im normalen Alltag auch, aber sie sind nicht unbedingt der beherrschende Zustand der Demenzkranken. Unglücklichsein setzt ja eine Reflektion über die eigenen Gefühlszustände voraus. Ob Menschen mit fortschreitender Demenz dazu noch fähig sind, erforschen wir noch.

epd: Was können wir also tun, um den Betroffenen die schwierige Situation zu erleichtern?

Görres: Wichtig ist, dass wir unsere eigenen Vorstellungen, wie die Welt sein sollte, zurücknehmen. Wir müssen Verhalten akzeptieren, das nicht in unser übliches Schema passt. Wenn der oder die Erkrankte jetzt, in diesem Moment, glücklich ist, sollte mich das auch glücklich machen, auch wenn ich die Gründe dafür selbst nicht verstehen kann.

Natürlich ist es belastend, wenn die Mutter den Sohn nicht mehr erkennt. Wenn die Mutter sich nicht mehr wie eine Mutter verhalten kann, muss ich auch meine Rolle als Sohn oder Tochter neu definieren. In dem Moment, wenn wir die engen Grenzen unserer Rollen verlassen, kann uns das sehr frei machen und den Zugang zur Demenz öffnen. Genau das zeigt der Film. In ihm steckt eine Menge Lernpotenzial, um anderes Verhalten zu trainieren. Ich wünsche „Vergiss mein nicht“ sehr viele Zuschauer.

epd-Gespräch: Ulrike Millhahn