2013_02_08

 Bild: privat

 

Kirche mit Quadrat

Tagesthema 07. Februar 2013

Kirchen diskutieren bei Kongress Wege in die Zukunft

Sinkende Mitgliederzahlen und Nachwuchsmangel bei den Theologen - bei einem Kongress in Hannover wollen evangelische und katholische Kirche Ideen für die Zukunft sammeln, statt zu klagen. Ungewöhliche Ansätze sind dabei erlaubt.

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Kirchenarbeit hat viele Gesichter: Diakonin Anke Rieper als Piratin verkleidet im Heidepark Soltau. Bild: epd-bild

Wenn Anke Rieper vor der Achterbahn „Colossos“ Passanten anspricht, sind die meisten überrascht. Eine Diakonin der evangelischen Kirche erwartet im Heidepark Soltau kaum jemand. „Manche sagen, mit Kirche habe ich nichts am Hut“, sagt die 30-Jährige: „Dann lassen sie sich aber auf ein Gespräch ein.“ Projekte wie die Seelsorgerin im Freizeitpark stellen sich vom 14. bis zum 16. Februar beim Kongress „Kirche hoch zwei“ in Hannover vor, mit dem Protestanten und Katholiken erstmals in Deutschland gemeinsam neue Wege suchen. „Wir wollen die bewährten Routen nicht verlassen, aber auch mal Trampelpfade ausprobieren“, sagt Pastor Philipp Elhaus, der den Kongress für die hannoversche Landeskirche organisiert. Gemeinsam mit dem katholischen Bistum Hildesheim hat die größte evangelische Landeskirche in Deutschland dazu 1.000 Teilnehmer auf die Beine gebracht. Auf dem Messegelände Hannover wollen sie drei Tage lang eigene Zukunftsideen vorstellen oder sich von anderen inspirieren lassen.

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Kirchenarbeit hat viele Gesichter: Mit einer Tauffamilie vor der Kapelle im Vergnügungspark (Zweite von links). Bild: privat

Die Landeskirche und das Bistum stehen vor ähnlichen Herausforderungen. In der hannoverschen Kirche sank die Zahl der Mitglieder zwischen 2002 und 2011 von mehr als drei Millionen um rund 278 500. Das Bistum verlor rund 60 000 der damals noch gut 677 000 Mitglieder. Während die evangelische Kirche fürchtet, in zehn Jahren jede fünfte Pfarrstelle nicht mehr besetzen zu können, ist der Nachwuchsmangel bei den Katholiken schon deutlich zu spüren. Im Bistum ging die Zahl der aktiven Priester innerhalb von zehn Jahren um rund 100 zurück. „Wir leben in einer Gesellschaft, die auf den ersten Blick immer glaubensvergessener zu sein scheint, uns fällt es immer schwerer, die Menschen zu erreichen“, sagt der Hildesheimer katholische Bischof Norbert Trelle. „Doch teilen wir auch die gleichen Chancen: Unsere Welt sucht nach Gott.“ Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister erhofft sich von dem Kongress Dynamik und nachhaltige Anregungen.

Ideen haben die Organisatoren auch aus England mitgebracht. Vertreter der Anglikanischen Kirche stellen in Hannover eine Bewegung vor, die sich „fresh expressions of church“ (frische Ausdrucksformen der Kirche) nennt. Dazu gehöre etwa die Anlage für Skateboarder und BMX-Radfahrer in London, erläutert Philipp Elhaus. „Da werden auch Gottesdienste gefeiert, manchmal mit einem besonderen Sprung mit dem Rad, anstelle eines Gebetes.“

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Kirchenarbeit hat viele Gesichter: Kathi Janczyk (28) lernt von Doris Kahlenberg (68) im Kirchenladen „soul-side Linden“ den Umgang mit der Nähmaschine. Bild: Charlotte Morgenthal / Evangelische Zeitung

Hin zu den Menschen ist eine Devise, etwa bei der Seelsorge im Freizeitpark, unter Managern, aber auch im Hospiz für Sterbenskranke. Auch über das Internet versuchen die Kirchen, mit Chatseelsorge und Blogs, per Twitter oder Facebook Sinnsucher anzusprechen. Darüber hinaus beraten sie, wie sie Ehrenamtliche zum Beispiel als Kuratoren oder Prädikanten in den Gemeinden noch besser einbeziehen können. „Das bedeutet den Abschied vom bisher dominierenden Bild, das Kirche mit einem Sakralgebäude und dem Amtsträger identifiziert“, sagt Elhaus.

Neben die Ortsgemeinde könnten andere Formen treten wie bereits bei soul-side im hannoverschen Stadtteil Linden. In dem Viertel mit vielen Studenten und Migranten trifft man sich im Kirchenladen. So zum Beispiel zum „soul made“, das an einigen Nachmittagen zum gemeinsamen Handarbeiten einlädt. Hier sitzt die 28-jährige Kathi Janczyk neben der 68-jährigen Doris Kahlenberg und lernt von ihr das Nähen an der Maschine. Neben dem ratternden Geräusch der elektrischen Nähmaschine ist vor allem eins zu hören: viele Gespräche. Da geht es um Enkel und Freunde und um den Beruf. „Schön finde ich vorl allem, dass man hier verschiedene Menschen kennenlernt und sich austauschen kann“, sagt Kahlenberg. An den „soul-made-Nachmittagen“ komme immer eine bunte Mischung zusammen. Von der 82-Jährigen, die ihre reiche handwerkliche Erfahrung teile bis hin zur jungen Ehrenamtlichen Kathi Janczyik, die den Laden mit betreut. Neben reichlich textilen Stoffen ist es vor allem der Gesprächsstoff, der diese Stunden wie im Flug vergehen lasse, sind sich alle Anwesenden einig.

Aber auch in der katholischen St.-Benno-Kirche ist die Initiative oft zu Gast. Etwa, wenn sie unter dem Motto „Zeit des Meisters“ die Kirche besonders schmückt und sie eine Woche lang mit Musik und meditativen Texten zu einem Stadtteilkloster macht. Dann bleibt die Tür tagsüber geöffnet - Ruhe und Einkehr sind möglich, Kommen und Gehen erlaubt.

Von Karen Miether / epd

„Radikal umdenken“

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Die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland müssen nach Ansicht des katholischen Theologen und Sozialwissenschaftlers Matthias Sellmann radikal umdenken, wenn sie langfristig den Menschen nahe sein wollen. Dabei könnten sie auch von der Popkultur lernen, sagte der Bochumer Professor im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst. Sellmann gehört zu den Referenten des Kongresses „Kirche hoch zwei“ in Hannover.

„Das Christentum hatte immer den Anspruch, volksnah, also populär zu sein“, erläuterte der Professor für Pastoraltheologie. Für ihn gehöre zum Beispiel christliche Lektüre auch in die Bahnhofsbuchhandlungen. Dort sollten sich die Titel in der Sprache von den anderen auf dem Grabbeltisch nicht unterscheiden. „Auch Computer-Apps, die Spaß machen am Christsein, zum Beispiel am Bibellesen und Beten, sollten wir entwickeln.“

Mit seinem „Zentrum für angewandte Pastoralforschung“ will Sellmann Anregungen suchen und dabei auch Berührungsängste überwinden. „Dazu gehören Gespräche mit Tätowierstudios“, nennt er ein Beispiel. „Menschen suchen sich dort oft religiöse Motive aus, und wir können lernen, was sie antreibt.“ Auch in der Comic-Zeichner-Szene oder modernen Tanzbewegungen wie „urban dance“ sieht er Potenzial, um gemeinsam zu lernen, was Glauben überhaupt bedeutet.

Insgesamt müsse die kirchliche Organisation die Kompetenzen und Talente von Ehrenamtlichen professioneller und attraktiver fördern. Einer aktuellen Studie zufolge fühle sich nur noch die Minderheit des traditionsverbundenen und des konservativen Milieus in den Kirchengemeinden zu Haus. „Die modernen Lebensstile sehen sich in immer größerer Distanz zur Kirche“, sagte Sellmann, der 2006 die erste große Sinus-Milieustudie der katholischen Kirche angestoßen hatte.
Nach dem Missbrauchsskandal habe sich zuletzt auch die bürgerliche Mitte von der katholischen Kirche entfernt, erläuterte er. „Die gesellschaftliche Mitte war einmal auch die Mitte der Kirche, da ändert sich gerade etwas.“ Auch die evangelische Kirche sei von dieser Abwanderung mit betroffen. Es gebe allerdings durch alle Milieus hindurch eine Sehnsucht nach Religion und Spiritualität. Viele Menschen wollten sich aber nicht mehr an eine Institution binden. „Wir haben jetzt die Chance, neue Sozialformen des Christseins jenseits der Gemeinden zu entdecken.“

epd

Hoffnungsbilder

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Ralf Meister

Raus aus der Depressionsschleife „Weniger Geld, weniger Mitglieder, wie soll es nur weitergehen?“ und dafür neue Hoffnungsbilder in den Köpfen und Herzen entstehen lassen. Das ist die Zeitansage des Kongresses „Kirche hoch zwei“. Es geht nicht darum, Gemeinden und Kirchenleitungen zu höheren Leistungen anzustacheln. Ich sehe das Ziel der beeindruckenden Themen- und Veranstaltungsvielfalt dieser drei Tage erst einmal darin, den Blick nach vorne zu richten. Wir SIND eine starke Gemeinschaft, und das sollten wir auch in neuen und wiederentdeckten Ausdrucksformen christlichen Glaubens und Lebens selbstbewusst zeigen!

2007 hat die Evangelische Kirche in Deutschland zum Zukunftskongress „Kirche der Freiheit im 21. Jahrhundert“ nach Wittenberg eingeladen, 2009 folgte die große Zukunftswerkstatt in Kassel. Der dadurch angestoßene Reformprozess hat zahlreiche kontroverse Debatten ausgelöst, aber auch eine Reihe weiterer Zukunftskongresse in deutschen Kirchen nach sich gezogen. „Kirche hoch zwei“ ist ein aktuelles Zeichen dafür, dass wir tatsächlich von einer Trendwende kirchlichen Lebens sprechen können: Die Diskussionen um neue Strukturen, um Geld und Mitgliedschaft treten immer mehr in den Hintergrund und machen kreativen neuen und bewährten alten Gedanken Platz.

Ein Beispiel: Während die ökumenischen Lehrgespräche auf höchster Ebene stagnieren, ist der Kongress „Kirche hoch zwei“ ganz selbstverständlich und sehr fortschrittlich von Anfang an ökumenisch geplant worden. Ein zweites Beispiel: Die Bereitschaft, voneinander und von anderen Bewegungen zu lernen, wächst. Deshalb sind Vertreter der englischen „Fresh Expressions of Church“ zu Gast, die neue geistliche Ausdrucksformen erprobt haben und ihre Erfahrungen mit uns teilen. So wie in allen Workshops und Foren die Weitergabe von und die Inspiration durch neue Wege im Mittelpunkt stehen.

Ich bin sicher, dass der Kongress „Kirche hoch zwei“ weite geistliche Räume eröffnen und Hoffnungsbilder in Köpfe und Herzen pflanzen wird. Wir alle sollten es uns zur Aufgabe machen, diese dann in unser jeweiliges Gemeindeleben zu übersetzen.

Landesbischof Ralf Meister, Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers

Suche nach Neuem

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Bischof Norbert Trelle

Ökumene ist nicht zuerst eine Suche nach dogmatischen Konsensen. Ökumene ist die Suche nach der Einheit der Christenheit. Und Einheit ist ein Lebensstil wechselseitiger Bereicherung, des Miteinander-Hörens auf Gott und ein Entdecken der Wege, die Gott mit uns gemeinsam gehen will.

Der Kongress Kirche² ist ein Zeugnis für diesen miteinander gegangenen Weg. Unsere beiden Kirchen haben ja eine gemeinsame Sendung: den Menschen unserer Zeit das Evangelium zu verkünden und die Nähe des Reiches Gottes zu bezeugen. Genau dazu sind wir da. Und es ist genau die Entdeckung, die wir gemeinsam machen konnten: Auf der Suche nach neuen Formen einer zeitgemäßen und authentischen Verkündigung und nach neuen Gemeinschafts- und Gemeindegestalten entdeckten wir miteinander dieselben geistlichen Wurzeln. Und so wuchs im gemeinsamen Tun ein gemeinsamer Weg, ein wechselseitiges Vertrauen, das diesen Kongress so kraftvoll macht: Offensichtlich ist er ein Sammelpunkt vieler Akteure, Protagonisten und Interessierten in unseren Kirchen, denen das Evangelium und der Aufbruch der Kirche am Herzen liegen.
Es geht um einen Aufbruch im Zusammen von Innovation und Tradition, Spiritualität und Theologie – und er will ein Aufbruchssignal sein für unsere beiden Kirchen: gemeinsam weiterzugehen, um im alltäglichen Miteinander gewachsener und neuer Gemeinden und Initiativen Christus zu bezeugen.

Die Resonanz auf diesen Kongress ist überwältigend. Wo öfter von ökumenischer Eiszeit gesprochen wird, ist hier ein echter ökumenischer Klimawandel zu erahnen. Mit Begeisterung und ökumenischem Vertrauen ist dieser Kongress vorbereitet worden. Ich wünsche mir sehr, dass dieser Funke überspringt und viele Menschen Ermutigung, Hoffnung und kreative Energie bekommen, um die Zukunft unserer Kirchen mit zu gestalten. Und wenn für uns Christen diese Aufbruchserfahrung wichtig ist, dann noch viel mehr für die Menschen und die Gesellschaft, in der wir leben. Sie erwarten von der Kirche ein gemeinsames Zeugnis für die Fülle des Lebens, die Christus schenken will.

Bischof Norbert Trelle, Bistum Hildesheim