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Bild: privat

„Lächelnd mit Gott ringen“

Tagesthema 06. Februar 2013

Äthiopische Christen haben eine andere Frömmigkeit als deutsche

Zweifel an Gott gibt es nicht

Imke und Martin Possner aus dem Kirchenkreis Leine-Solling lebten neun Jahre als Missionare in Äthiopien. Im Gespräch mit der „Evangelischen Zeitung“ erzählen sie von ihren Erfahrungen mit Frömmigkeit und Zuversicht in Afrika, von äthiopischer Gemeinschaft und unterschiedlichen Mentalitäten.

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Afrikanische Christen leben ihren Glauben anders. Bild: privat

„Wenn Menschen aus Afrika nach Deutschland kommen, ist es, als kämen sie in eine religiöse Wüste“, sagt Imke Possner. Viel lebendiger und stärker sei der Glaube, den sie bei äthiopischen Menschen erfahren habe. Sie und ihr Mann, Pastor Martin Possner, lebten von 1995 bis 2004 als Missionare in Äthiopien. Die Frömmigkeit in Afrika ist eine ganz andere als in Europa, erzählen sie. Viel wichtiger als alles andere sei es in der Gemeinde, in der sie lebten, füreinander zu beten. Gottes starke Kraft sei wertvoller als jedes Geschenk. Besonders intensiv erfuhr Imke Possner diesen starken Glauben, als sie schwanger war. Eine Frauengruppe aus dem Ort besuchte sie, und sie beteten gemeinsam für eine gute Geburt und ein gesundes Kind. „Wir haben erlebt, dass viele Menschen in Äthiopien stark mit Gott ringen. Sie führen alles auf Gott zurück, auch, wenn man keine Kinder bekommt oder das Kind krank ist“, berichtet sie.

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Mit Händen und Füßen beten. Bild: privat

„Christliche Äthiopier haben ein extrem starkes Bedürfnis, im Gebet zu sein“, sagt Martin Possner. Überhaupt habe Gott einen Platz mitten in der Gemeinde. Die Gottesbegegnung gehört zum Alltag dazu. Das Leben in der Gemeinde sei außerdem viel weniger abgeschottet. Das soziale Miteinander stehe immer im Mittelpunkt. Auch die Gottesdienste in Äthiopien und Deutschland unterscheiden sich erheblich. „Im Gottesdienst in Äthiopien ist es Brauch, ein Zeugnis abzulegen“, berichtet Martin Possner. Gemeindeglieder gingen mitten im Gottesdienst nach vorne und erzählten von ihren Gotteserfahrungen und wie Gott ihnen geholfen habe. Zudem liefen Gottesdienste selten so geregelt ab, wie man es hier gewohnt sei. „Es gibt auch Überraschungen“, sagt Possner, „Wenn ein Chor vorsingt und der Chorleiter Lust hat, noch ein weiteres Lied zu singen, dann singen sie einfach noch ein weiteres. Gott hat mir noch ein Lied geschenkt, heißt es dann.“ Oft dichten die Menschen die Lieder auch selbst.

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Gottesdienst in Afrika. Bild: privat

„Gottesdienste sind richtige Feiern mit schmissigem Gesang, impulsiven Gebeten, Geisteraustreibungen und viel Action“, schildert Possner, „ein bisschen wie Disco. Die Menschen falten nicht die Hände und blicken auf den Boden, sondern strecken die Arme gen Himmel.” Dass in Deutschland Eltern ihren Kindern erlauben, nicht in die Kirche zu gehen, sei für sie absolut unvorstellbar. Genausowenig könnten äthiopische Christen sich vorstellen, dass es Menschen gibt, die keinem Glauben angehören. „‘Gott gibt es nicht’ klingt für sie genauso außerirdisch wie die Vorstellung, dass man gefrorene Hühner im Supermarkt kaufen kann“, sagt Imke Possner. Gottes Existenz werde nie angezweifelt oder infrage gestellt.

„Die Menschen brauchen jemanden, der Not wendet“

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Gemeinsam lesen und lernen (links Imke Possner). Bild: privat

In Äthiopien hätten die Christen auch ein hohes Sendungsbewusstsein. Sie entsenden Missionare, die das Evangelium in weniger protestantisch geprägten Gegenden verbreiten sollen. Dafür wird in den Gemeinden Geld gesammelt. Die Lebenslage vieler äthiopischer Menschen spielt bei ihrem Glauben auch eine große Rolle. Ihr fester Glaube an Gott hilft ihnen, mit ihrer Armut umzugehen. „Er ist eine Notwendigkeit – die Menschen brauchen jemanden, der ihre Not wendet“, beschreibt Possner. In Deutschland hätten viele Menschen solche Sorgen nicht. „Sie brauchen Gott nicht mehr und haben kein Vertrauen, dass er etwas ändern kann“, stellt Imke Possner fest.

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Imke und Martin Possner. Bild: privat

Die Schwierigkeit in der starken Gottesbindung liege aber darin, dass gläubige Menschen nicht das Gefühl hätten, etwas verändern zu können. Imke Possner nennt als Beispiel dafür Ungeziefer im Haus. „In Deutschland würden die Menschen sofort versuchen, die Ratte zu vertreiben. In Äthiopien sind sie fatalistischer. Die Menschen finden sich ab damit. Sie denken, Gott wird es schon richten“. Wenn eine Frau Depressionen habe, dann sei die erste Maßnahme, für sie zu beten. Das medizinisch zu behandeln oder auf die äußeren Umstände zurückzuführen, etwa dass ihr Mann Alkoholiker ist und sie schlägt, käme den Menschen laut Imke Possner oft nicht in den Sinn. Wenngleich äthiopische Christen nach Possners Empfinden einen ausgeprägteren Glauben hätten, warnt der Pastor doch davor, zu bewerten. „Man kann nicht sagen, dass der eine oder andere Glauben besser oder schlechter ist“, sagt er. „Genausowenig kann man ohne weiteres den Glauben auf die andere Kultur übertragen“. Trotzdem wünscht er sich ein bisschen von der äthiopischen Lebendigkeit und Glaubenskraft auch in Deutschland.

Von Luisa Meyer / Evangelische Zeitung

Fromm – aber nicht von gestern

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Bild: epd-Bild

Irgendetwas läuft schief. Während die christlichen Kirchen in unseren Breiten um Mitglieder ringen, wachsen die Pfingstkirchen weltweit unaufhörlich. Neuesten Schätzungen zufolge ist jeder vierte Christ einer evangelikalen Strömung zuzurechnen. Seit Montag beraten evangelische, katholische und orthodoxe Bischöfe gemeinsam, wie die etablierten Kirchen der frommen Bewegung begegnen können. Vielleicht könnte es da helfen, sich zunächst einmal der eigenen Frömmigkeit bewusst zu werden? Möglicherweise sind „die Frommen“ gar nicht die „anderen“? Wie wäre es, wenn wir in unseren Gemeinden eine Frömmigkeit entdeckten, die – jenseits verstaubter Klischees – nicht von gestern ist, sondern ins Morgen weist?

Von Carsten Splitt / Evangelische Zeitung

Mehr dazu in der Evangelischen Zeitung online

Frömmigkeit ist ein wichtiges Thema für Wilhelm Busch. In der „Frommen Helene“ überzieht er sie mit einer Ironie, die zum Besten gehört, was er je veröffentlicht hat, meint der Autor Hans Werner Dannowski.

Grandios Gescheitert

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Hans Werner Dannowski. Bild: Jens Schulze

„Komm, Helenchen – sprach der brave / Vormund – Komm mein liebes Kind! / Komm auf’s Land, wo sanfte Schafe / und die frommen Lämmer sind.“ Wo, wie bei der „Frommen Helene“ von Wilhelm Busch, Frömmigkeit sich durch den Anblick der Lämmer definiert, ist zu ahnen, wohin es bei ihm mit der Frömmigkeit führt. Busch schreibt die Krankheitsgeschichte der Frömmigkeit. Die fromme Tante der Helene ist eine widerliche Alte, der fromme Onkel ein Sadist. Und als Helene durch ihre Heirat in den durch Kirchgang geadelten Bürgerstand aufsteigt, gipfelt ihre Frömmigkeit in einem Seitensprung mit Folgen. In einer klassischen Formulierung der Doppelmoral greift die fromme Helene zur Flasche, kippt – betrunken – die Petroleumlampe um, verbrennt. „Hier sieht man ihre Trümmer rauchen. / Der Rest ist nicht mehr zu gebrauchen“.

Busch ist in der umfassenden Bedeutug, die die Frömmigkeit in vielen seiner Werke spielt, ein Urprotestant. Für Luther war die mittelhochdeutsche Bedeutung des Wortes vrum (frumb) in etwa „förderlich, treu, vorherrschend“. Durch die Beziehung auf das Gottesverhältnis bekommt es bei ihm eine religiöse Färbung. Im Pietismus wird das Wort mit religiöser Emotion geladen. Und für den großen Theologen des 19. Jahrhunderts, Friedrich Schleiermacher, ist die Frömmigkeit die „höchste Stufe des menschlichen Gefühls“, im Bewusstsein der absoluten Abhängigkeit von Gott. Busch mischt sich also direkt in die theologische Diskussion seiner Zeit ein, wenn er – wie im „Antonius von Padua“ – hartnäckig fragt: „Aber wo ist Frömmigkeit?“

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Cover

Und man lasse sich bei Busch nicht täuschen: Im Desaster der Frömmigkeit ist eine große Sehnsucht nach ihr verborgen. Frömmigkeit ist bei ihm offensichtlich die Haltung einer kulturellen Bewältigung des Bösen. Das überall gegenwärtige Böse muss radikal bekämpft und am Ende bewältigt werden, wenn die Welt und das Leben nicht im Chaos versinken will. Eine enorme Erwartung an die christliche Weltbewältigung durch Frömmigkeit ist das, und deshalb ist das Scheitern grandios. Wird zur Groteske, weil die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit so offensichtlich ist. Die Fallhöhe ist gewaltig. Busch überzieht die Frömmigkeit mit einer Ironie, die zu dem Besten gehört, was er gezeichnet und geschrieben hat.
Im persönlichen Umgang hat Wilhelm Busch seine Ansprüche reduziert. Sonst hätte er es ein Leben lang nicht in protestantischen Pfarrhäusern ausgehalten. „Der Pfarrer in Wiedensahl ist mein Schwager“, schreibt er an eine Brieffreundin, „die Pfarrerin meine Schwester. Da ich sie gerne habe, da sie wirklich fromm sind, so vertragen wir uns vorzüglich gut.“

Als Skeptiker und Pessimist, der Wilhelm Busch auch war, hat er aber nicht Geschichten und Bilder einer geprägten Frömmigkeit hinterlassen. Tief in das Gedächtnis der Nachwelt eingeprägt hat sich die Gestalt des Heuchlers. Es ist das Bild, mit dem die „Fromme Helene“ endet. Der fromme Onkel Nolte hat soeben die Nachricht von dem jämmerlichen Ende Helenens erhalten. Da steht er mit der Zipfelmütze, die Hände zum Gebet gefaltet, das Grinsen ist zur Grimasse geworden. „Ei ja! – Da bin ich wirklich froh! / Denn gottseidank! Ich bin nicht so!“

Hans Werner Dannowski war Stadtsuperintendent in Hannover

Buchtipp: Hans Werner Dannowski, „Wie schad, daß ich kein Pfaffe bin“, Wilhelm Busch und die Religion, Lutherisches Verlagshaus, 2008, 14,90 Euro.

Sie haben sicher Ihre eigenen Geschichten

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Bild: misterQM / photocase.com

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