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Bild: 7 Wochen ohne

„Kein Risiko, kein wahres Leben“

Tagesthema 04. Februar 2013

Die evangelische Kirche startet ihre 30. Fastenaktion „Sieben Wochen ohne Vorsicht“

Die Wintermüdigkeit abschütteln, Körper und Geist ordentlich durchpusten. Mit ihrer alljährlichen Kampagne in der Fastenzeit will die evangelische Kirche neue Wege aufzeigen. Diesmal ist Mut gefragt. Hirnforscher versprechen: Wer wagt, gewinnt.

Manche fahren Tausende Kilometer mit dem Rad, andere schwimmen durch den Ärmelkanal oder steigen ohne Sauerstoffmaske auf den Mount Everest. Aber auch, wer ein offenes Wort wagt oder dem anderen seine Liebe gesteht, geht ein Risiko ein. Mit ihrer diesjährigen Fastenaktion „7 Wochen Ohne“ ermuntert die evangelische Kirche dazu, neue Wege einzuschlagen. „Riskier was, Mensch!“, lautet der Appell der Kampagne für die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern. Die Organisatoren rufen zu einem wagemutigen Experiment auf: „Sieben Wochen ohne Vorsicht.“

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Susanne Breit-Kessler

Siegfried Kotthoff gehört zu denjenigen, die immer wieder etwas Neues wagen. Mit seinem Rad hat er China erkundet, ist am Nil entlanggefahren und tourte durch die kanadischen Rocky Mountains. Er war im Baltikum und am Nordkap unterwegs. „Sobald ich im Sattel sitze, ergreift mich ein unbeschreibliches Glücksgefühl“, schwärmt der 66-jährige Bremer, der beim Fahren die besten Einfälle hat. Je größer die Herausforderung und die Anstrengung ist, umso mehr blüht bei ihm das Denken auf. „Es rauscht im Kopf“, sagt er und fügt hinzu: „Quatsch und Banales ist dabei, aber auch mancher Geistesblitz.“

Halsbrecherisch ist das nicht, wenn Kotthoff gut vorbereitet auf Tour geht. Sieben Wochen etwas riskieren - das ist auch keine Anleitung zum mörderischen Risiko. „Das meint, mehr Lust auf das eigene Leben zu bekommen, Überraschendes zu denken“, sagt die Kuratoriumsvorsitzende der Kampagne, Susanne Breit-Keßler: „Kein Risiko, kein wahres Leben“, ist die Münchner Regionalbischöfin überzeugt. Sie spricht vom Mut, der auch nötig ist, um beispielsweise einen lange schwelenden Konflikt in der Familie endlich anzusprechen.

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Fahrrad-Weltenbummler Siegfried Kotthoff (66) mit einem Foto von einer seiner vielen Reisen mit dem Fahrrad, vor der chinesischen Mauer im September 2006 Siegfried Kotthoff gehört zu denjenigen, die immer wieder etwas Neues wagen. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Seit 30 Jahren lädt die Aktion „7 Wochen Ohne“ immer in der Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern dazu ein, alte Pfade zu verlassen. Zum Beispiel eine Zeit lang keinen Alkohol zu trinken, ohne Auto auszukommen oder mal den Fernseher links liegenzulassen. Diesmal wird es kribbelig, denn Mut ist gefragt.

Doch mehr Risiko zu wagen, das ist gar nicht so einfach, weiß Gerhard Roth, Professor für Verhaltensphysiologie und langjähriger Direktor am Institut für Hirnforschung an der Universität Bremen. Schließlich ist der Mensch ein Gewohnheitstier. Das Hirn liebt Rituale, damit es nicht jedes Mal eine neue Entscheidung treffen muss. „80 Prozent der Menschen halten gern an Gewohntem fest, weil das Hirn darauf positiv reagiert“, sagt der Wissenschaftler.

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Gerhard Roth

Also bitte keine Experimente, darauf sind offensichtlich die Hirnwindungen gepolt. Läuft alles wie gewohnt, werden hirneigene Belohnungsstoffe, sogenannte Opioide, ausgeschüttet. „Deshalb sprechen wir auch von lieben Gewohnheiten“, lacht Roth. Doch trotz aller biologischen Schwerkräfte lautet seine Botschaft: Veränderungen sind möglich - vorausgesetzt, die Belohnung ist groß genug. Denn: „Der Mensch tut nichts ohne eine Belohnung.“

„Wie mein Rad finde auch ich das Gleichgewicht in der Bewegung“, beschreibt Siegfried Kotthoff seinen Lohn. Radfahren ist für ihn so etwas wie Meditation. „Je stärker das Herz schlägt, desto mehr ist man bei sich.“ Und auch die Begegnungen in fremden Ländern geben ihm Kraft. „Die Freundlichkeit der Menschen hat uns 2.000 Kilometer durch das Land getragen“, erinnert sich Kotthoff an die China-Tour, die er zusammen mit einem Freund gemeistert hat. „Zweifel“, ergänzt er, „Zweifel an der Fahrt haben uns da nie geplagt“.

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Fahrrad-Weltenbummler Siegfried Kotthoff (66) an einem Fahrradzähler in der Bremer Innenstadt. Mit seinem Rad hat er China erkundet, ist am Nil entlanggefahren und tourte durch die kanadischen Rocky Mountains. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Mehr Bewegung ist das eine. Die evangelische Theologin Breit-Keßler ermutigt aber auch dazu, Gefühle zu zeigen, selbst auf die Gefahr hin, dass sie nicht erwidert werden. „Wer ist denn stark?“, fragt sie. „Doch nur, wer die Traute hat, zu sagen: Hier bin ich mit meiner Liebe, mit meiner Leidenschaft. Oder jemand, der es wagt, sich in eine andere Stadt, ein anderes Land aufzumachen und seinen Horizont zu erweitern.“ Sieben Wochen ohne Risiko sei der Aufruf, Leben zu wagen - „gegen unsinnige Einschränkungen und Ängste“.

Auch wenn es schwer fällt, eingefahrene Wege zu verlassen, ein Risiko einzugehen: Hirnforscher Roth macht Mut, es einfach auszuprobieren. „Geh' Risiken ein, nicht zu große, das ist der Trick“, rät der Neurobiologe und Philosoph, der weiß, dass das körpereigene Belohnungssystem besonders in eine Richtung anschlägt: „Die Freude an sozialen Kontakten verselbständigt sich, das Glück der anderen wird zu meinem eigenen Glück.“ Das spürt wohl auch Siegfried Kotthoff, der jetzt im Winter bereits an seine nächste Radtour denkt, diesmal mit seiner Frau Ulrike. „Im Mai geht es vier oder fünf Wochen in die Provence.“

Von Dieter Sell (epd)

Hirnforscher Roth: Veränderungen sind extrem schwer

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Wer in seinem Leben tatsächlich etwas ändern will, muss nach den Worten des Bremer Hirnforschers Gerhard Roth gegen große innere Widerstände angehen. „80 Prozent der Menschen halten gern an Gewohntem fest, weil uns das Gehirn dafür belohnt“, sagte der Neurobiologe und Philosoph Roth im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Von Ritualen abzuweichen, ist eine Qual - je älter wir sind, umso mehr.“

Wer die Teedose also immer auf denselben Platz stellt, immer zur gleichen Zeit aufsteht und immer an einem bestimmten Ort parkt, leidet Roth zufolge, wenn es anders kommt. „Viele Menschen fühlen sich gut dabei, wenn sie alles so machen wie immer.“ Dann würden hirneigene Botenstoffe, sogenannte Opioide, ausgeschüttet. „Und sie kriegen Angst, wenn sie davon abweichen.“

Biologisch erklärt der Professor für Verhaltensphysiologie das auch mit dem hohen Energiebedarf des Hirns, schon im Ruhezustand. „Deshalb ist es von der Energiebilanz her nicht verwunderlich, dass unser Gehirn stets danach trachtet, Dinge zu erledigen, die möglichst wenig oder gar kein Bewusstsein brauchen.“ Das erfordere Routineprogramme - „in allen Bereichen der Gehirnaktivität“.

Deshalb werde auch von „lieben Gewohnheiten“ gesprochen, ergänzte der Neurobiologe. Ohnehin verändere der Mensch nichts, wenn er dafür keine Belohnung erwarten könne. „Das kann auch negativ sein: Ein Übel abzuwehren, Schaden abzuwenden, das hat eine höhere Wirkung als eine positive Belohnung.“ Unmittelbar wirksam sei eine materielle Belohnung wie etwa Geld, „wenn auch nicht sehr nachhaltig“. Besser seien soziale Belohnungen wie ein gutes Gespräch, Lob und Anerkennung.

Am längsten wirke allerdings die „intrinsische Belohnung“, meist eng verwoben mit sozialer Anerkennung. „Wenn ich mich selbst gut fühle, wenn in mir die Überzeugung wächst: Ich bin ein guter Mensch.“ Wer das berücksichtige, könne langfristig etwas ändern. „Tu's einfach, geh' Risiken ein, nicht zu große, und guck', was rauskommt, das ist der Trick.“

Besonders wichtig seien soziale Kontakte, denn die Freude an sozialen Kontakten verselbständige sich. „Das ist die triviale Wahrheit, die man heute kaum mehr zu sagen wagt, die aber ganz tief richtig ist: Das Glück der anderen wird zu meinem eigenen Glück.“ Wer etwas verändern wolle, sei überdies gut beraten, Unterstützung zu suchen. Alleine funktioniere das oft nicht, weil man zu früh aufgebe. „Aber wenn man einen Menschen hat, der sagt, du wolltest doch, also tu es auch, dann kann es klappen.“

Von Dieter Sell (epd)

Fastenkalender: Riskier was, Mensch!

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Aktionsmotiv und Titelbild des Kalenders zur Fastenaktion 2013 der evangelischen Kirche. Das Motto zur diesjährigen Fastenaktion heißt "Riskier was, Mensch! - 7 Wochen ohne Vorsicht". Bild: Paula Winkler / epd-Bild
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Evangelische Fastenaktion „7 Wochen Ohne“

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„7 Wochen Ohne“ ist die bundesweite jährliche Fastenaktion der evangelischen Kirchen zwischen Aschermittwoch und Ostern. Sie wird in diesem Jahr zentral am 17. Februar in der Christuskirche im hessischen Fulda eröffnet. Den Gottesdienst überträgt das ZDF live ab 9.30 Uhr. Er wird unter anderem von der Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler gestaltet. Die leitende evangelische Theologin ist auch Kuratoriumsvorsitzende der Kampagne.

Die Kampagne wurde vor 30 Jahren gegründet und steht in diesem Jahr unter dem Motto „Riskier was, Mensch! Sieben Wochen ohne Vorsicht“. Daran beteiligen sich nach Angaben der Organisatoren knapp drei Millionen Menschen, die versuchen, die Fastenzeit bis Ostern bewusst zu erleben und zu gestalten.

Koordiniert wird die Aktion von einem Projektbüro im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) in Frankfurt am Main. Traditionell greifen viele Kirchengemeinden vor Ort das aktuelle Thema von „7 Wochen Ohne“ auf und gründen Fastengruppen. Ein Kalender und Fastenbriefe bieten Anregungen für eine intensive Beschäftigung.

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