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Bild: Dethard Hilbig

WortGestalten - Ernst Barlach

Tagesthema 02. Februar 2013

Eine Ausstellung in der Marktkirche Hannover und im Forum des Niedersächsischen Landtages bis zum 24. März 2013

Ernst Barlach als Bildhauer und Dramatiker gleichermaßen erleben

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Barlachs Engel schwebt in der Marktkirche. Bild: Dethard Hilbig

Marktkirche und Landtag würdigen den Künstler mit der großangelegten Ausstellung „WortGestalten“

Düster und leidend, gebrochen und Sinn suchend – so wird das Werk Ernst Barlachs (1870-1938) oft beschrieben. Der Blick fällt dabei zunächst auf die religiösen Kunstwerke des norddeutschen Bildhauers. Daneben hinterließ Barlach jedoch auch ein umfängliches literarisches Erbe. Viele seiner Kunstwerke beschäftigen sich mit Szenen des alltäglichen Lebens. Die großangelegte Ausstellung „WortGestalten“ in der hannoverschen Marktkirche und im Forum des Niedersächsischen Landtags lädt nun dazu ein, sich ein differenziertes Bild vom Schaffen des Künstlers zu machen.

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Lesen in der Barlach Ausstellung. Bild: Dethard Hilbig

Rund 200 Ausstellungsstücke haben die Kuratoren für die einmalige Werkschau zusammengetragen. Besonderes Anliegen der Macher ist es, den Schriftsteller Barlach gleichberechtigt neben den plastisch-arbeitenden Künstler zu stellen. Jürgen Doppelstein von der Ernst-Barlach-Gesellschaft betont, dass dem Kunstschaffenden beide Ausdrucksformen stets gleich wichtig waren: „Er hat immer das eine und das andere genutzt, um sich auszudrücken.“ Im Landtagsfoyer werden deshalb sechs seiner Dramen vorgestellt. Neben zentralen Textstellen finden sich auch großformatige Illustrationen. Über Lautsprecher hören die Besucher Passagen aus Barlachs Autobiografie, verlesen von einem Schauspieler.

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Jede Wand, jede Ecke wurde genutzt, das Werk Barlachs auszustellen. Bild: Dethard Hilbig

Direkt gegenüber dieser Würdigung des „sprechenden“ Dramatikers finden sich die „schweigenden“ Figuren: In der Marktkirche sind etliche Bronzeskulpturen in kleinen, thematischen Gruppen arrangiert. Im nördlichen Kirchenschiff dominiert die religiös-inspirierte Kunst; im südlichen Schiff herrschen Werke vor, die alltägliche Situationen abbilden. Selbst bei einem kurzen, flüchtigen Gang durch die Ausstellung fällt auf, wie abwechslungsreich das Schaffen Barlachs war: Zum einen sind bekannte Güsse wie „Der singende Mann“ (1928) zu sehen. Zum anderen wartet in direkter Nachbarschaft auch „Der Flötenbläser“ (1936) auf die Besucher. Religiöse Kunst – wie beispielsweise eine rund 40 Zentimeter hohe Pieta (1932) oder ein großes, in der Gebetsecke hängendes Kruzifix – steht in dieser Ausstellung gleichberechtigt neben weltlichen und profanen Werken – etwa der Darstellung eines russischen Liebespaares.

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Barlach Ausstellung. Bild: Dethard Hilbig

Unübersehbar dominiert wird die Ausstellung vom sogenannten „Güstrower Ehrenmal“. Barlach schuf die Engelsgestalt, mit den markant über der Brust verschränkten Armen, für den Dom seiner Heimatstadt in Gedenken an die Opfer des Ersten Weltkriegs und als Mahnmal gegen künftige Waffengänge. Die monumentale Plastik schwebt im Rahmen der Ausstellung jetzt majestätisch ruhend vor dem großen, goldenen Flügelaltar in der gotischen Backsteinkirche. Barlach-Experte Doppelstein beschreibt anhand des Engels die wachsende „Vergeistigung“ im Werk des Künstlers: Sie sei schon daran erkennbar, dass sich seine Kunst vom Boden löst. Aber auch biografische Einschnitte verbinden sich mit dieser Skulptur: „Barlach wandelte sich vom kriegsbegeisterten Patrioten zum tieferschütterten Kriegsgegner.“

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Zeugnisse seines künstlerischen Schaffens. Bild: Dethard Hilbig

In diesem Hinsicht hob Niedersachsens scheidender Landtagspräsident Hermann Dinkla (CDU) während der Ausstellungseröffnung hervor, dass Barlach von den Nationalsozialisten massiv verfolgt und seine Kunst teilweise zerstört wurde. Dennoch habe sich Barlach nicht einschüchtern lassen: „Er bewies Haltung und Zivilcourage“, betonte Dinkla. Gegenüber „Hurra-Patriotismus“ habe der Künstler seit seinen Kriegserfahrungen ohnehin tiefe Abneigung empfunden.

Hannovers Landesbischof Ralf Meister, der Schirmherr der Ausstellung ist, berichtete von seiner persönlichen Wahrnehmung der Werke, die ihn unter anderem während seiner Zeit als Propst in Lübeck intensiv begleitet hätten. Meister beschrieb den Künstler als einen „großen Einzelgänger in der deutschen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts“. Daher äußerte sich der Bischof skeptisch darüber, Barlach vor allem als religiösen Künstler zu beschreiben: „Barlach war kein Kirchenmann, er war wahrscheinlich viel zu sehr Einzelgänger, um in der Kirche heimisch zu werden.“

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Interessierte Besucher. Bild: Dethard Hilbig

Auch Doppelstein zufolge hat Barlachs Suche nach dem, „was über dem fleischlichen Leben steht“, nicht unbedingt etwas mit christlichem Glauben zu tun: „Es ist ebenso gut oft etwas metaphysisches und kosmisches, was seine Arbeiten kennzeichnet.“ Zwar habe Barlach, dessen Großvater ein lutherischer Pfarrer in Holstein war, eine „große Affinität“ zur evangelischen Kirche, doch „Vereinnahmen“ habe er sich nie lassen, betont der Experte: Schon in früher Kindheit habe Barlach die Vorstellungen der Lehrsätze und der richtigen Auslegung überwunden und eine ganz eigene Spiritualität entwickelt. Deutlich werde sie auch heute noch in der Vielschichtigkeit seines Werks.

Die Ausstellung „WortGestalten“ will nach Aussage ihrer Macher „polarisieren“: Sie will in Barlachs Kunst zum einen die „geistigen“ wie auch die „körperlichen“ Facetten zeigen. Neben den „schweigenden“ Skulpturen mit ihren geschlossenen Mündern kann auch der „sprechende Barlach“ durch seine Dramen erlebt werden, heißt es.

Von Thomas Patterjey (Evangelische Zeitung)

Die Ausstellung

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Sich begegnen in der Barlach Ausstellung. Bild: Dethard Hilbig

Noch bis 24. März zu sehen.

Die Ausstellung ist täglich in der Zeit von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Der Eintritt ist frei.

Die Biographie

2. Januar 1870: Ernst Barlach wird als Sohn des Landarztes Georg Barlach und dessen Frau Johanna Louise (geb. Vollert) in Wedel (Holstein) geboren.

1888-1891: Studium an der Gewerbeschule Hamburg.

1891-1895 Studium an der Kunstakademie Dresden.

1895/96 Studium in Paris, u.a. an der Académie Julian.

In den folgenden Jahren arbeitet Barlach vorwiegend als Bildhauer in Hamburg und Altona.

1898-1902 Arbeit als Zeichner für die Zeitschrift „Jugend“.

1904 Tätigkeit als Lehrer an der Fachschule für Keramik in Höhr/Westerwald.

1907/08 Barlach zeichnet für die Münchener Satirezeitschrift „Simplicissimus“.

1909 Barlach bezieht ein Atelier in Florenz, das ihm durch ein Villa-Romana-Stipendium zur Verfügung gestellt wird.

1910 Umzug nach Güstrow/Mecklenburg.

1914 Barlach beginnt mit der Arbeit an der Figur „Der Rächer“.

1915/16 Barlach erlebt als Landsturmmann in Sonderburg (heute: Dänemark) den Ersten Weltkrieg.

1919 Mitglied der Preußischen Akademie der Künste.

1924 Ehrung seiner dramatischen Arbeiten durch die Verleihung des Kleistpreises.

1925 Ehrenmitglied der Akademie der Bildenden Künste München.

ab 1926 Barlach beginnt, öffentliche Aufträge zu plastischen Antikriegs-Denkmälern auszuführen (u.a. 1928/29 Ehrendenkmal im Magdeburger Dom, 1928 „Geistkämpfer“ in Kiel). Angriffe und Kritik bleiben jedoch nicht aus, so daß Barlach die Entwürfe für Malchin und Stralsund zurückziehen und den Figurenfries an der Lübecker Katharinenkirche unvollendet lassen muß.

1936 Barlachs Werke werden mit denen von Käthe Kollwitz und Wilhelm Lehmbruck in der Jubiläumsausstellung der Preußischen Akademie der Künste beschlagnahmt.

1937 Beschlagnahmung von 371 seiner Arbeiten und Erteilung eines Ausstellungsverbots durch die Nationalsozialisten. Die Figurengruppe „Christus und Thomas“ wird in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt.

1938 24. Oktober: Ernst Barlach stirbt in Rostock und wird auf dem Friedhof St. Petri in Ratzeburg beigesetzt.