Baby nach Maß

Tagesthema 24. Januar 2013

„Per Gentest zum Baby nach Maß?“

Bischof Martin Hein, Professor Klaus Zerres, Autorin Monika Hey und Frauenärztin Barbara Baier diskutieren mit Tacheles-Moderator Jan Dieckmann über das Thema: „Wenn der Mensch zum Schöpfer wird – per Gentest zum Baby nach Maß?“

Der „Praenatest“, der im August 2012 eingeführt wurde, analysiert anhand des Bluts der schwangeren Frau, ob ihr ungeborenes Kind ein dreifach statt zweifach vorhandenes Chromosom 21 besitzt („Trisomie 21“) und somit das Down-Syndrom hat. Der Test darf nur bei Frauen durchgeführt werden, die ein erhöhtes Down-Risikohaben. Auf rund700 Geburten kommt ein Kind mit „Trisomie 21“. Charakteristisch sind körperliche Auffälligkeiten und eine verminderte Intelligenz. Typische organische Probleme sind Herzfehler und eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte und Schwerhörigkeit.

Sollen wir Gentests eindämmen?

Die vorgeburtliche Diagnose des Erbguts erhöht die Zahl der Abtreibungen behinderter Kinder - ein Pro und Contra

Bischof Martin Hein:
Pro: Gentests setzen einen zynischen Wettlauf in Gang

Wir wünschen uns Kinder als heranwachsende kleine Engel, die rasch selbstständig sein werden. Behinderung und Krankheit tauchen in diesen Wunschbildern nicht auf. Offensichtlich wird der so genannte Praenatest, der Aufschluss verspricht über die Fehlbildung Trisomie 21, das Down-Syndrom, bereits stark angefragt. Immer mehr Menschen wollen damit verhindern, dass behinderte Kinder auf die Welt kommen. Ich kann den Wunsch von Eltern nach einem gesunden Kind sehr gut verstehen. Ich selbst bin glücklich, dass ich zwei gesunde Kinder habe. Doch wir können Behinderungen nicht ausschließen – und weniger als ein Prozent aller Behinderungen sind genetisch bedingt.

Ist Müttern und Väter eigentlich klar, dass es nicht allein um eine Prognose geht, sondern letztlich um die Entscheidung über Abtreibung? Nehmen Ärzte ihre Verantwortung wahr, darüber von vornherein aufzuklären? Je ausgefeilter die Analysemethoden bei der Diagnose werden, desto stärker wächst der gesellschaftliche Druck, behinderte Kinder abzutreiben.

Dagegen meine ich: Es gibt ein Recht auf Nichtwissen.

Die wenigen Kinder mit Trisomie 21 haben inzwischen eine hohe Lebenserwartung, sie können auf ihre Weise glücklich sein. Ich habe unlängst ein stark behindertes Kind getauft. Seine Eltern sind voller Begeisterung. Eine Abtreibung kam für sie nie in Frage. Ich wünsche mir, dass wir mehr über ein solches Glück und nicht nur über Belastungen sprechen.

Die Kirche steht nicht gegen den Fortschritt der Medizin. Im Gegenteil, es waren die christlichen Hospitäler, die sich schon vor Jahrhunderten der Kranken angenommen haben. Doch bei den verbesserten Gentests geht es nicht um Heilung oder Linderung von Beschwerden, sondern darum, Behinderte nicht leben zu lassen.

Ein Wettlauf ist absehbar, Behinderungen und Krankheiten immer genauer vorherzusagen. Ich halte das für einen falschen Wettlauf, auch für falsch investiertes Geld. Behinderte Menschen als Betriebsunfälle zu betrachten, ist zynisch. Die Pflege von behinderten Kindern kann sehr aufwändig sein. Aber eine Gesellschaft, die menschlich ist, muss sich dies leisten können.

Prof. Dr. Martin Hein ist Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.

Prof. Dr. Klaus Zerres
Contra: Wer das Leid trägt, soll auch entscheiden dürfen

Jedes dreißigste Kind gesunder Eltern kommt mit angeborenen Fehlbildungen zur Welt. Methoden wie der Praenatest ermöglichen jetzt, das Risiko einer Entwicklungsstörung wie der Trisomie 21, des Down-Syndroms, präziser einzugrenzen – und das mit einem einfachen Bluttest. Anders als herkömmliche Untersuchungen des Fruchtwassers ist dieser Test für das Kind ungefährlich. Das ist natürlich ein Fortschritt. Schon heute kommen Schwangere aus Nachbarländern, in denen der Praenatest noch nicht zu gelassen ist, nach Deutschland zur Diagnose. Manche empfinden diese neue Methode als Dammbruch. Und richtig, der Test öffnet eine Tür. In Zukunft könnten viele kindliche Erbkrankheiten aus der Blutprobe einer Schwangeren erkannt werden.

Dürfen wir alles tun, was die Wissenschaft ermöglicht? Ein Verbot derartiger Tests zu fordern, geht an der Lebenswirklichkeit einer Gesellschaft vorbei, die immer mehr weiß. Wie will man den Fortschritt der Wissenschaft entschleunigen? Und wozu?

Wenn Schwangere zum Frauenarzt gehen, haben sie viele Fragen. Viele möchten am liebsten gleich Ultraschall-Videos ihres ungeborenen Kindes mit nach Hause nehmen, um ihr Baby-Album möglichst früh zu beginnen. Wenn aber der Arzt beim Ultraschall eine Auffälligkeit entdeckt, beispielsweise eine auffällige Nackenfalte: Soll der Arzt seine Patientin schonen, um sich nachher den Vorwurf einzuhandeln, er habe ihr falsche Hoffnungen gemacht?

Der Abbruch einer Schwangerschaft ist immer ein Drama für eine Frau, die sich ein Kind wünscht. Ich begegne Familien, deren Kinder mit zwei Jahren infolge einer schweren neuromuskulären Erkrankung erstickt sind. Diese Familien sind schwer traumatisiert. Ich erlebe Eltern, denen über die schwere Behinderung ihres Kindes ihre Ehe und ihr Arbeitsalltag zerbrechen. Da ist keiner mehr da. Da gibt es bei den zuständigen Sozialämtern einen Kampf um jeden Rollstuhl. Dieses Leid trägt keine Gesellschaft, es trifft immer einzelne. Darum sollten auch die einzelnen frei entscheiden dürfen, ob sie Gentests anwenden – und ob sie Ja sagen können zu einem Kind, das schwer behindert sein wird. Wir müssen die Entwicklung neuer Gentests und ihre möglichen Konsequenzen als eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung verstehen.

Prof. Dr. Klaus Zerres ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik

Durch den „Praenatest“ können Schwangere mit nur einem Blutstropfen feststellen, ob ihr Kind den Erbschaden Trisomie 21 trägt, teilte die Redaktion der evangelischen Fernseh-Talkshow „Tacheles“ am Dienstag in Hannover mit.

Nach der repräsentativen Umfrage hielten 52 Prozent der Befragten eine generelle Zulassung des Gentests für richtig. 40 Prozent wollten, dass nur Risikogruppen Zugang zu dem Test erhalten, etwa Schwangere über 35 Jahre. Nur sechs Prozent plädierten für ein generelles Verbot. Das Bielefelder Demoskopie-Institut emnid befragte im Auftrag der Evangelischen Kirche im NDR und der Evangelischen Zeitung 505 Menschen über 14 Jahre. 

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„Wenn der Mensch zum Schöpfer wird: Per Gentest zum Baby nach Maß“

Die Sendung wird an folgenden Terminen auf Phoenix ausgestrahlt:
 
27. Januar 2013, um 17 Uhr

3. Februar 2013, um 24 Uhr

10. Februar 2013, um 13 Uhr

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