Zahltag auf Evangelisch

Tagesthema 23. Januar 2013

Schuldnerberatung mit christlichem Hintergrund

Der Mann, der in das Büro der Schuldnerberatung kommt, legt einen kleinen Stapel ungeöffneter Briefumschläge auf den Tisch. Daneben räumt er Ordner, Kontoauszüge, Rechnungen und Mahnungen, die er aus einer Discountertüte zieht. Seine Hände zittern. „Mein Konto ist dicht“, sagt er, „ich komme einfach nicht mehr klar“. Sorgen haben tiefe Furchen in seine Stirn gegraben, eine Falte von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln verleiht ihm ein abgezehrtes Aussehen.

Klaus Helke, gelernter Sozialwirt und Berater der Sozialen Schuldnerberatung der Diakonie Hannover, bleibt gelassen. Er stellt einen Kaffee, schwarz, in einem Pappbecher, vor den Mann und beginnt Fragen zu stellen und die Kontoauszüge durchzusehen. „Keep calm and carry on“ – ruhig bleiben und weitermachen – steht auf einem gerahmten Poster an der Wand. Helkes Lebensmotto, scheint es. An den Wänden stehen Regalen voller Ordner, Akten, Fachliteratur. Oben in einem Fach steht das Gesellschaftsspiel „Zahltag“. „Nur Dekoration, gespielt wird hier nicht“, meint Helke augenzwinkernd.

Die Zentrale Beratungsstelle, ein Haus mit dunkler Klinkerfassade in Hannover-Mitte, ist die Wohnungslosenhilfe des Diakonischen Werks Hannover. In einem Raum steht eine Holzbank mit der Aufschrift: „Eine Bank ist kein Zuhause“. Auch die Soziale Schuldnerberatung hat hier ihr Büro, in dem Gebäude an der Hagenstraße 36. Die beiden Berater Klaus Helke und Martina Sievers haben sich auf wohnungslose Menschen, Empfänger des Arbeitslosengelds II oder von Sozialhilfe spezialisiert. Helke nennt das so: „Die Menschen, die zu uns kommen, haben es nicht einfach, in ihrer Lebenslage akzeptiert zu werden. Es sind Menschen, die ganz unten stehen“.

Zentrale Aufgabe der Berater ist der Kontakt zwischen Schuldnern und Gläubigern. Mit einer Vollmacht der Schuldner verhandeln sie mit den Gläubigern. Sie prüfen die Forderungen auf Durchsetzbarkeit, kontrollieren, ob die Zinsen in der Höhe berechtigt sind. „Aber Gläubiger lassen sich nicht gerne in die Karten gucken“, bedauert Helke. Das Hauptziel der Berater sei, einen Kompromiss zwischen Schuldnern und Gläubigern zu finden.

An dem kleinen sechseckigen Tisch im Büro des Schuldnerberaters sitzt ihm der Mann gegenüber. Er ist im mittleren Alter, sein Haar ist schütter. Die Ärmel des weiten Strickpullovers hat er bis zu den Ellenbogen aufgekrempelt. Stockend erzählt er von seiner Lage. Von den 1300 Euro, die er verdient, werden 500 Euro gepfändet: Unterhaltszahlungen für seine zwei Kinder. Beide wohnen nicht bei ihm. Wenn er von seiner Ex-Frau spricht, sagt er nicht ihren Namen, sondern „die, mit der ich meine Tochter hab“.

Zum Leben bleiben ihm nach Abzug der Miete und der Energiekosten gerade einmal 300 Euro monatlich, das liegt deutlich unter dem Existenzminimum. Fahrig durchwühlt er seine Unterlagen, sucht seinen Mietvertrag. Ein Muskel an seiner Wange zuckt, wenn er spricht. „Es läuft alles drunter und drüber.“ In seinen Ordnern ist zwar alles abgeheftet, aber beschriftet sind sie nicht. Den Vertrag findet er nicht. „Das ist das Problem, wenn man jahrelang nichts gemacht hat und davor wegläuft“, sagt der Schuldner unbestimmt, mehr zu sich selbst als zu seinen Zuhörern.

Helke hilft ihm, einige Anträge auszufüllen. Der Berater geht sachlich mit dem Fall um, versucht aber auch, ein wenig das Eis zu brechen. „Schuldnerberatung ist Kommunikation“, sagt er. Er fragt nach Haustieren, dem Alter der Kinder. Wir Berater, sagt Helke, sehen nicht nur die ökonomische Lage, sondern auch die seelische. „Bei uns bekommen Menschen mindestens zwei Chancen, manchmal sogar drei“. Helke verweist auf das Gleichnis vom Feigenbaum, der auch nach einem ertraglosen Jahr nicht abgehackt wird.

Luisa Meyer, Evangelische Zeitung

Was ist aus dem Erlassjahr geworden?

Die Erlassjahr-Kampagne ist Ende der 90er Jahre gegründet worden, um Entwicklungsländer nachhaltig zu entschulden. Das Ziel ist ein internationales Insolvenzverfahren.

Die Evangelische Zeitung fragt im Interview mit Dr. Cornelia Johnsdorf, der Beauftragten für den Kirchlichen Entwicklungsdienst in den Landeskirchen in Braunschweig und Hannover, was die Erlassjahr-Kampagne bewirkt hat...

Lesen Sie das ganze Interview auf ez-online

Das größte Problem der Menschen, die zu der Beratung kommen, sind Kredite, die sie vor Jahren aufgenommen haben und die durch Zinsen sehr viel größer geworden sind. Waren es anfangs nur 500 Euro, kann die Summe innerhalb von zehn Jahren locker auf 1500 Euro ansteigen. Mit den sogenannten „Titeln“ - Schulden, die seit langer Zeit bestehen - gibt es einen großen Markt. „Die Banken haben die Forderungen eigentlich schon lange abgeschrieben und als Verlust steuerlich geltend gemacht. Aber die Titel werden noch verkauft. Ein großes Paket, 500, 1000 Titel, Bindfaden drum und verkauft“.

Helke gerät in Rage, gestikuliert. Er macht eine Bewegung, als würde er einen großen Papierstapel zusammenknoten. Die Empörung ist ihm anzusehen. Mit diesen Titeln kommen  Inkasso-Firmen dann zu den Schuldnern. Sie schreiben Mahnbriefe. „Das ist Ausnutzung einer wirtschaftlichen Notlage und der Unerfahrenheit“, empört er sich. Verbraucherschützer und Schuldnerberater seien nur eine kleine Ritterschaft.

Luisa Meyer, Evangelische Zeitung

Fälle immer komplizierter

Im vergangenen Jahr hat die Schuldnerberatung 256 Haushalte betreut. In der Regel treffen sich die Schuldner alle drei bis vier Wochen zu einem Gespräch mit den Beratern. Die Kontakte dauern meist zwischen vier und zwölf Monaten.

Bei einem Drittel der Schuldner geht die Beratung sogar länger. „Das liegt daran, dass die Fälle komplizierter werden“, erklärt Helke. „Wir haben zunehmend Familien, die in sehr schwierigen persönlichen Verhältnissen leben“, sagt er, „viele Menschen, die zu uns kommen, sind psychisch und physisch labil“. Das Gespräch dauert nicht lange. Schnell ist der Vorschlag an die Gläubiger geschickt. „Wir geben den Schuldnern eine reale Perspektive“, sagt Helke. Wieder haben die Berater einem Menschen geholfen.

Die Zentrale Beratungsstelle der Diakonie für Personen in besonderen sozialen Schwierigkeiten

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Bild: misterQM / photocase.com

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