Neuer Glanz im Großen Garten

Tagesthema 21. Januar 2013

Vor 70 Jahren wurde das historische Schloss Herrenhausen in Hannover im Bombenhagel zerstört. Eine Wissenschaftsstiftung hat es wieder aufgebaut. Besucher erhalten künftig einen ganz neuen Blick auf die weltberühmten Herrenhäuser Gärten.

70 Jahre nach seiner Zerstörung wird das wiederaufgebaute Schloss Herrenhausen eröffnet

Fürsten und Könige haben hier getanzt, Prinzessinnen flanierten durch die Gänge. Der Komponist Georg Friedrich Händel ging ein und aus, und der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz lud zu philosophischen Gesprächen. Das Schloss Herrenhausen in Hannover, die Sommerresidenz der Welfen, war vor 300 Jahren ein Zentrum des internationalen Adels. Britische Bomben legten es 1943 komplett in Trümmer. Doch 70 Jahre später ist das Schloss in neuem Glanz erstanden - an diesem Freitag kommt auch der derzeitige Hochadel zur Eröffnung.

Die Volkswagenstiftung, Deutschlands bei weitem größter Wissenschaftsförderer, hat das Schloss für rund 21 Millionen Euro neu errichten lassen. Als Vorlage diente dabei die klassizistische Umgestaltung, die der hannoversche Hofbaumeister Georg Ludwig Friedrich Laves ihr 1821 gab. Das Schloss komplettiert damit die berühmten Herrenhäuser Gärten, die zu den bedeutendsten barocken Gartenanlagen Europas gehören.

Im Inneren findet sich heute nichts Königliches mehr: kein Stuck, keine Kronleuchter, keine stoffbespannten Wände. Dafür ein modernes, helles und transparentes Tagungszentrum mit Festsaal, Seminarräumen und einem Auditorium für 270 Zuhörer. Die Möbel und Oberflächen aus heller Eiche, die Böden aus Jura-Kalkstein, die Wände aus weißem Putz. Wo einst getanzt wurde, wird heute diskutiert. In die beiden Seitenflügel soll im Frühjahr ein Museum zu Barock und Gartenkunst einziehen.

Bei der Eröffnung ging es dennoch royal zu: Als Gäste wurden unter anderem die Prinzessinnen Beatrice und Eugenie von York erwartet, Nummer fünf und sechs in der britischen Thronfolge. Damit erinnern die Initiatoren an die Personalunion zwischen Hannover und Großbritannien von 1714 bis 1837. Hannovers Herrscher regierten in dieser Zeit vom britischen Thron in London aus ein Weltreich - und kamen zu Besuchen immer mal wieder in ihr altes Schloss Herrenhausen.

Als „Schlossherr“ will sich der Chef der Volkswagenstiftung, Wilhelm Krull, heute nicht titulieren lassen. „Bauherr“ ist ihm viel lieber. Dennoch knüpft der Wissenschaftsförderer gern an die Geschichte des Schlosses an. „Es gibt hier eine große Tradition wissenschaftlicher Diskurse, die zur Zeit von Leibniz am kurfürstlichen Hof stattgefunden haben.“ Die Stiftung wolle künftig an ihrem Stammsitz mehr Präsenz zeigen und das Schloss zu einem Zentrum für Tagungen und Konferenzen machen: „Wir wollen Spitzenforscher nach Hannover bringen.“

Jahrzehnte rang die Stadt Hannover um den Wiederaufbau des zerstörten Schlosses. Zahlreiche Konzepte wurden entwickelt und wieder verworfen: ein Luxushotel, eine Musikhochschule, ein Panorama-Restaurant oder eine begrünte Aussichtsplattform im historischen Grundriss. Ein Planer schlug sogar vor, ein großes Loch zu graben, um die Kriegswunde noch deutlicher sichtbar zu machen. Die Politiker formulierten zwei Bedingungen: Das Schloss sollte für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben und von einem privaten Investor bezahlt werden.

Wilhelm Krull hatte bei einem Besuch 2006 in Schweden die zündende Idee, als er dort einen unterirdischen Hörsaal erlebte. Wenn sich ein Auditorium ins Untergeschoss verlegen ließ, so die Überlegung, dann ließe sich ein Tagungszentrum im historischen Grundriss des Hofbaumeisters Laves verwirklichen.

Architekt Sven Kotulla (42) aus Hamburg hat sich bei seinen Plänen vom Original von Laves inspirieren lassen. Die funktionale Formensprache des Klassizismus sollte sich im Inneren fortsetzen: „Es soll kein Bruch zwischen innen und außen erkennbar sein.“ Und von den Schlossterrassen erhalten Besucher künftig einen prächtigen Blick auf den Barockgarten. „Der Garten ist so angelegt, dass er vom ersten Stock des Schlosses aus zu betrachten ist.“

Von Michael Grau (epd)

Herrenhäuser Gärten und Schloss im Internet

Drei Fragen an den niedersächsischen Landesdenkmalchef Stefan Winghart

70 Jahre nach seiner Zerstörung wurde das wiederaufgebaute Schloss Herrenhausen in Hannover eröffnet. Es soll künftig als Tagungszentrum in den berühmten Herrenhäuser Gärten dienen. Der Präsident des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege, Stefan Winghart, saß im Beirat für das Schloss. Er begrüßt das Projekt.

epd: Herr Winghart, freuen Sie sich über das neue Schloss Herrenhausen?

Winghart: Ja, ich freue mich. Es wird eine Lücke geschlossen. Aber es ist ein Neubau, kein Denkmal. Das alte Denkmal ist weg. Ein Neubau ist niemals ein Denkmal. Ob er Denkmalqualität hat, wird sich vielleicht in 40 oder 50 Jahren erweisen. Aber eine Rekonstruktion ist nichts Verbotenes.

epd: Ist es nicht ein historischer Schwindel, so etwas nachzubauen?

Winghart: Das ist letztendlich eine Geschmacksfrage. Ein Architekt mag sich darüber ärgern, warum man nicht in der Sprache der Zeit baut. Aber das kann uns als Denkmalpfleger nicht bekümmern. Die historische Anmutung ist eingehalten, mit leichten Unterschieden. Das Fehlen einer Architektur ist in diesem Garten ein unnatürlicher Zustand. Ein Garten gehört nun mal immer zu einem Gebäude. Ein Sommerschloss ist ohne Garten nicht denkbar, und so ein Garten auch nicht ohne Schloss. Wir sind deshalb froh, dass wieder eine Architektur da ist.

epd: Die Dresdener Frauenkirche wurde wieder aufgebaut. Das Berliner Schloss soll neu aufgebaut werden. In Braunschweig wurde die Schlossfassade für ein Einkaufszentrum rekonstruiert. Sehnen sich die Menschen nach alten Zeiten?

Winghart: Wenn man es differenziert betrachtet, sind das alles Einzelfälle. Das Schloss Herrenhausen ist am ehesten mit der Frauenkirche vergleichbar. Das sind verspätete Fälle eines Wiederaufbaus. Jahrzehnte lang hat dazu die Kraft gefehlt. Der Platz wurde nie auf andere Weise eingenommen. Anders würde ich das Berliner Schloss sehen. Die Ruine wurde gesprengt, dann gab es den Palast der Republik. Man setzt sich hier über geschichtliche Ereignisse hinweg und erweckt den Eindruck, dass etwas nicht passiert wäre. Schloss Herrenhausen ist der Versuch, der Bevölkerung ein Stück Identität zurückzugeben, auch wenn es nicht das Original ist, sondern ein Neubau im Gewand des Originals.

epd-Gespräch: Michael Grau