„Müden Augen neue Wege zeigen“

Tagesthema 18. Januar 2013

Georg Baselitz ist einer der wichtigsten deutschen Gegenwartskünstler. Mit seinen auf den Kopf gestellten Motiven provozierte er die Kunstwelt - auch in Niedersachsen.

Der Künstler und Provokateur Georg Baselitz wird 75 Jahre alt

Er sagt, er habe kein Talent und verdient mit seiner Kunst Millionen. Er bezeichnet Künstler als „Leute, die etwas tun, für das sich andere schämen würden“. Bei ihm steht die Welt einfach Kopf: Georg Baselitz, Maler, Bildhauer und Provokateur, wird am 23. Januar 75 Jahre alt.

International bekannt wurde Baselitz mit großformatigen, farbkräftigen Gemälden, bei denen er die Motive auf den Kopf stellte: Da wachsen Bäume aus dem Himmel, Vögel stürzen zum Boden und Menschen schweben kopfunter auf der Bildfläche. „Ich habe das Bild, das bis dahin galt, nicht akzeptiert und stattdessen mein eigenes aufgehängt“, erklärt Baselitz. Er wolle alte Werte und Traditionen zerstören, „damit im Kopf wieder etwas stattfindet, um den müden Augen neue Wege zu zeigen“.

„Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren“, sagt der Künstler, der 1938 als Hans-Georg Kern in Deutschbaselitz in Sachsen zur Welt kommt. Nach zwei Semestern an der Ostberliner Kunsthochschule wird er 1956 wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ von der Hochschule verwiesen - eine Standardbegründung für unliebsame Studenten in der DDR.

Also zieht er nach Westberlin und studiert bei Professor Hann Trier, studiert Texte von Kurt Schwitters und Francis Picabia, reist nach Amsterdam und Paris und beschäftigt sich mit der Kunst von psychisch Kranken. Bei seiner ersten Einzelausstellung 1963 in der Galerie Werner & Katz in Berlin werden zwei Gemälde, die nackte Männer zeigen, wegen „Unsittlichkeit“ von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Baselitz landet auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung. Erst nach zwei Jahren bekommt er die Bilder nach etlichen Gerichtsverhandlungen zurück.

Die Erfahrungen mit Medien und Justiz weiß er für sich zu nutzen. Als Angriff auf die Konventionen der Wahrnehmung und der Kunst entsteht 1969 das Bild „Wald auf den Kopf gestellt“. Plötzlich steht nicht mehr die dargestellte Figur im Vordergrund, sondern die Auseinandersetzung mit Raum und Komposition. „Die Hierarchie, in der der Himmel oben und die Erde unten ist, ist ohnehin nur eine Verabredung“, meint Baselitz.

Die „verkehrte Welt“ wird zum Markenzeichen, und Baselitz avanciert zu einem der bekanntesten Künstler Deutschlands. Der rohe, aggressive Pinselstrich und die intensiven Farben bleiben bis spät in die 80er Jahre kennzeichnend für seine Gemälde.

Für die Biennale in Venedig realisiert er erstmals eine Skulptur. Der erhobene Arm der Holzfigur wird als „Hitlergruß“ interpretiert und provoziert heftige Diskussionen - ebenso wie das Gemälde „Tanz ums Kreuz“, das der Künstler 1992 der Kirchengemeinde von Luttrum zwischen Hildesheim und Salzgitter schenkt. In dem kleinen 330-Einwohner-Dorf ist der Protest so stark, dass Baselitz das Gemälde wieder entfernt und in sein damaliges Domizil im nahe gelegenen Schloss Derneburg bringt.

Disharmonie, Brüche und Gegensätze sind die Leitmotive in den Arbeiten von Baselitz. „Wo sind Bilder zweifelhaft? Wo sind sie angreifbar? Wo sind sie zerstörbar? Wo kann man neu anfangen?“ fragt er, bevor er an die Arbeit geht. Statt mit dem Pinsel malt er mit Fingern, oder er steigt mit Schuhen in eine Farbwanne und stapft über das Bild.

In den 1990er Jahren beschäftigt er sich mit der eigenen Vergangenheit. Es entstehen Familienporträts oder Gemälde, in denen es um Kindheit oder Heimat geht. Die Bilder enthalten Volkskunstmotive, werden leichter, der Pinselstrich zeichnerisch, die kräftigen Farben trägt er lasierend und luftig auf.

Seine Werke erzielen bei Versteigerungen Millionenbeträge. Doch ist aus dem Rebellen ein eher gemäßigter Künstler geworden. Die jüngsten Bilder des Fotografen Benjamin Katz, der den Künstler seit 1978 mit der Kamera begleitet, zeigen Baselitz als freundlichen älteren Herren, der gerne im Ammersee badet oder durch den Wald spaziert. An dem See bei München hat er in einem großzügigen Anwesen seine neue Heimat gefunden.

„Ein Kinderwunsch war es, sich an das andere Ende der Welt wegzuträumen“, schreibt Baselitz in einem Essay, der in einem Sammelband des Hirmer-Verlags erschienen ist und einen hervorragenden Einblick gibt in die Seelenwelt des Künstlers. Früher habe er in der Sandkuhle gebohrt, um auf der anderen Seite wieder herauszukommen. Später bohrte und grub er mit seinen Zeichnungen und Bildern nach Neuland. „Dass Bilder die Freiheit sind, kam mir damals nicht in den Sinn“, schreibt er und fügt provozierend hinzu: „Bisher habe ich noch kein Klopapier sauber gemacht.“

Von Rieke C. Harmsen (epd)

Georg Baselitz und die hannoversche Landeskirche

Eine biographische Annäherung voraus: Georg Baselitz kannte ich seit den 1980ern als Jugendliche von Museumsbesuchen. Sein Malstil und seine Motive waren mir eindrücklich, für mich bereits jedoch jüngste Kunstgeschichte und nicht mehr zeitgenössische Kunst.

Ein eindrückliches Wiedersehen geschah 2002, als die wichtige und erste Kulturdenkschrift der EKD/VEF „Räume der Begegnung - Religion und Kultur in evangelischer Perspektive“  erschien – und auf dem Titel das Werk „Tanz ums Kreuz“ von Georg Baselitz zu sehen war. Eindrucksvoll. Farbenfroh. Schmerzhaft. Christus auf dem Kopf stehend. Vorgefertigte Bilder im Kopf sprengend. Zum Nachdenken anregend. Nicht zu Ende kommend mit einer Interpretation. Spannungsvoll in aller Balance der Komposition. Kein Kunstwerk hätte passender sein können. Seit Beginn meiner Tätigkeit als Beauftragte und Kunst und Kultur war der „Tanz ums Kreuz“ in Hannover präsent – als Plakat in meinem Büro, als Postkarten, die hundertfach noch zur Versendung lagerten und schnell lernte ich weshalb: Mitte der 1990er Jahre erschütterte „der Skandal von Luttrum“ die Landeskirche und mittendrin: Der Tanz ums Kreuz von Georg Baselitz. In aller vergröbernder Kürze die Fakten: 1987 nimmt Pastor Dose mit Zustimmung des KV Kontakt zu dem auf Schloss Derneburg lebenden Künstler auf. 1991 bietet Baselitz der Gemeinde das Bild als Geschenk für den Altarraum an. 1992 kommt das Bild in die Kirche, probeweise auf die linke Seite der Altarwand. Gemeindeglieder drohen mit Umpfarrungen und verlassen die Gemeinde, Unterschriftssammlungen und Proteste folgen. Kompromissvorschläge des Landesbischofs, der kirchlichen Ämter für Bau- und Kunstpflege, Informationsveranstaltungen und Diskussionen mit Kunst-Kirche-Experten aus ganz Deutschland führen zu keiner Lösung des Konfliktes. 1995 bestätigt der kirchliche Rechtshof den Beschluss des Gesamt-KVs Grassdorf/Luttrum „das Bild anzunehmen und an der Altarwand zu installieren“ als rechtmäßig. Eine Kapellengemeinde wird eingerichtet. Die Gemeinde kann das Bild jedoch nicht zeigen; die Gesamtkosten (Präsentation, Versicherung) sind zu hoch, um sie alleine zu tragen. Der Künstler nimmt das Bild zurück. Die Reden zu diesem Bild – es wurde als Leihgabe einige Wochen u.a. in der Neustädter Kirche in Hannover während der Kulturtage gezeigt – sind beeindruckend. Sie lassen einen Prozess erfahrbar machen, von Kirchenvorsteherinnen vor Ort, von vorgefertigten Meinungen zu Kunst und Kirche, die aufbrechen, von einer inhaltlichen und künstlerischen Diskussion über das Bild auf hohem Niveau. Der Tanz ums Kreuz ist zu einem Stein des Anstoßes geworden. Negativ, er hat zum Scheitern einer Idee und einer ganzen Kirchengemeinde geführt, positiv: Er hat auf die Notwendigkeit einer fundierten Kirche-Kunst-Arbeit aufmerksam gemacht und dazu beigetragen, dass sich – langsam – die zeitgenössischen Künste und Kirche in Zeitgenossenschaft wieder annähern. Bei keiner Veranstaltung zum Thema fehlt das Bild heute. Als Stolperstein und als interessantes Kunstwerk. Wunden bleiben. Die Lebendigkeit des Dialoges auch.

Dr. Julia Helmke

In den letzten Jahren entdecke ich Georg Baselitz neu. Nicht nur ich. Der letzte Kunstgottesdienst im Sprengelmuseum im Nov. 2012 beschäftigt sich mit dessen Werk „Die schwarze Flasche“. H.W. Dannowski hält eine berührende Predigt. Das Sprengelmuseum richtet einen eigenen Baselitz-Raum ein. Seinen Lebensmittelpunkt hat der Künstler da schon seit einigen Jahren von Derneburg nach Inning am Ammersee verlagert. Doch immer wieder prägt er auch den Norden. Baselitz’ erste Außenskulptur wird im Jahr 2009 vor dem Kloster Dalheim im Westfälischen aufgestellt. Die Verbindung Religion und Kunst reißt nicht ab. Sie vertieft sich m.E. über die Jahre. Seine Texte der vergangenen Jahrzehnte zur Kunst sind frisch und noch weiter zu entdecken,mit 70 Jahren beginnt er eine Re-Vision der eigenen Werke, malt neu, übermalt, verändert, fokussiert. Der Blick bleibt nach vorne gerichtet. Wie beim Tanz ums Kreuz. 

Pastorin Dr. Julia Helmke, Beauftragte für Kunst und Kultur