Vorgeschmack auf den Himmel

Tagesthema 16. Januar 2013

„Unser täglich Brot“– zählt die Bibel den Mindestlohn zur Grundversorgung

Die Gebote des Alten Testamentes enthalten nicht nur die Bedingungen des ersten Bundes Gottes mit seinem Volk Israel, sondern auch die Sozialgesetze für das Zusammenleben dieses Volkes. Seit seiner Befreiung aus der Zwangsarbeit unter Ägyptens Pharaonen ist die Option für die Armen ein Dreh- und Angelpunkt der Wirtschafts- und Sozialethik des alten Israel.

Der Schutz der Witwen und Waisen wie der Fremdlinge im eigenen Land gehören genauso dazu wie die wöchentliche Sabbatheiligung und der Schuldenerlass im Sabbatjahr. Unter den heutigen Bedingungen hätte der Mindestlohn zur Sozialethik der hebräischen Bibel dazugehört. Für Jesus, als dem Angehörigen des Volkes Israel, waren diese Gesetze mit ihrer Grundorientierung an der Option für die Armen selbstverständlich. Er hat diese Gebote nur dann in Frage gestellt, wenn sie nicht mehr dem Menschen dienten, sondern seine Lebensmöglichkeiten begrenzten, wie beim Ährenausraufen am Sabbat. Doch Jesus relativiert die alttestamentlichen Gebote nicht nur, wenn sie der situationsgerechten Umsetzung des Liebesgebotes entgegenstehen.

Die immer wieder beschworene Verkündigung des Evangeliums an die Armen will mehr erreichen als die Überwindung ihrer materiellen Armut. Es geht um ihre generelle Teilhabe an der Gemeinschaft mit Gott. Diese Auseinandersetzung um Geltung und Relativität der alttestamentlichen Gebote hat innerhalb der biblischen Texte niemand so intensiv geführt wie der Apostel Paulus. „Essen und Trinken ist nicht das Reich Gottes“ (Römer 14, 17a). Ich empfinde diesen Vers 17a als Provokation, obwohl ich weiß, dass er an dieser Stelle im Römerbrief einen ganz anderen Sinn hat.

Es geht Paulus hier gar nicht darum, zu bestreiten, dass Gerechtigkeit, Friede und Freude, von denen in demselben Vers ja auch noch die Rede ist, Speisen und Beherbergen von Bedürftigen einschließen. Es geht vielmehr um den Streit über die Gültigkeit der (Speise)gebote in einer christlichen Gemeinde.

Paulus will den Starken im Glauben, für die derartige Gebote keine Bedeutung mehr haben, ins Gewissen reden, dass sie auf die Schwachen Rücksicht nehmen sollen, die sich auch als Christen noch ängstlich an die Gebote klammern.

Für Paulus geht es nicht nur um den Streit unter Christen, sondern um alle Einwohner dieser Stadt. Das Zusammenleben in der Christengemeinde soll anregen zur Nachahmung und soll so zu dem Aufbau eines friedlichen Zusammenlebens beitragen (Vers 19). Die Verse 17b und 18 benennen das Gute, das die Christen haben und deutlich vorzeigen sollen. Als erstes die Gerechtigkeit, die Gott ihnen zuteilwerden lässt. Sie kann nicht glaubhaft vermittelt werden, wenn Menschenrechte mit Füßen getreten werden.

Sodann der Friede, den Gott zwischen sich und den Menschen gestiftet hat und der Gestalt gewinnen will in der gegenseitigen Liebe und Achtung voreinander und schließlich die Freude am Heiligen Geist der Gemeinschaft der Christen untereinander. Darin also soll sich das Reich Gottes zeigen: in der Art und Weise, wie Gerechtigkeit, Friede und Freude unter uns gelebt werden, und nicht im kleinlichen Streit um christliche Lebensregeln. Der kann Außenstehende nur abstoßen – genauso wie von Christen erfahrene Ungerechtigkeit, Fried- und Freudlosigkeit.

Umgekehrt wird aber nur, wer Christus so dient, wie Paulus es hier beschreibt, von Gott anerkannt und bei den Menschen geachtet. Und so bin ich versucht, den Vers 17a noch einmal neu zu fassen: Essen und Trinken sind Zeichen des kommenden Gottesreiches. Hier darf niemand dem anderen seinen Nahrungsspielraum verweigern. So wird die Feier des Abendmahls zum Ausdruck der Freude darüber, dass Gott uns in Jesus Christus Gerechtigkeit zugesprochen und Frieden mit uns geschlossen hat. Zugleich soll die Speise uns stärken und Mut machen, dieses empfangene Gut auch zu leben und anderen zu vermitteln; so wie wir hier die Speise zum Ewigen Leben empfangen, Essen und Trinken auch in diesem Leben gerecht zu verteilen. Der Mindestlohn könnte ein Weg dahin sein.

Prof. Dr. Siegfried Keil lehrte Sozialethik am Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Marburg

Versäumnisse erkannt

Der Direktor des Diakonischen Werks der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Christoph Künkel (54), zieht eine kritische Bilanz über den Umgang der kirchlichen Dienstgeber mit dem kirchlichen Arbeitsrecht. Das Bundesarbeitsgericht in Erfurt hat am 20. November 2012 in einem Grundsatzurteil Kirchen und Gewerkschaften zur Kooperation verpflichtet.

epd sozial: Herr Künkel, was hat die Kirche beim Dritten Weg falsch gemacht?

Christoph Künkel: Es gibt deutliche Fehler bei der Ausgestaltung. Kirche und Diakonie tun sich leider immer schwer mit einer Konfliktkultur. Bei der hannoverschen Landeskirche als größter Gliedkirche in der EKD war es zum Beispiel ein großer Fehler, dass sich das Diakonische Werk viel zu lange auf der Arbeitgeberseite verortet hat. Unsere Position muss genau zwischen den Arbeitgebern und den Arbeitnehmern liegen. Wir dürfen auf gar keinen Fall einseitig Stellung beziehen. Wir haben Verantwortung für die gesamte Diakonie.

Das komplette Interview über „Deutliche Fehler bei der Ausgestaltung des Dritten Weges“

Diakonie – ein Lückenbüßer?

Bremst die Diakonie soziale Veränderungen? Über den schmalen Grat notwendiger Hilfe hat die „Evangelische Zeitung“ mit Klaus-Dieter Kottnik gesprochen.

Evangelische Zeitung: Herr Kottnik, vor fünf Jahren haben Sie vor der rasanten Entwicklung der Tafeln in Deutschland gewarnt. Was haben Sie gemeint, als Sie von „Alarmzeichen“ sprachen?

Klaus-Dieter Kottnik: Aus der Tafelbewegung ist eine reguläre soziale Dienstleistung geworden. Viele Ehrenamtliche engagieren sich dort. Die Politik hat das freiwillige Engagement in einen regulären Dienst umgewandelt und hat diese in das System der Hilfen eingebaut. Deshalb sind die Tafeln gegenwärtig notwendig. Ein bestehendes System wird immer weiter ausgebaut werden. Das hat sich mit den einst aus der Not geborenen Tafeln auch so gezeigt. Dabei sind sie weiterhin ein Zeichen für einen bestehenden Missstand in unserer Gesellschaft.

Das gesamte Interview mit dem ehemaligen Präsidenten des Diakonischen Werks der EKD in der aktuellen Ausgabe der Evangelischen Zeitung online

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Bild: misterQM / photocase.com

Warum helfen wir? Und wie sollen wir helfen? Wie kommt Hilfe für arme Menschen effektiv an? Was müssen Kirche und Diakonie in Zukunft anders machen, wenn es um soziale Missstände geht?

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Jeder kann Samariter werden

„Er jammerte ihn“, d.h. aus Mitleid half der Barmherzige Samariter dem überfallenen Opfer am Wegesrand, so wird es uns beim Evangelisten Lukas (10, 25-37) erzählt. Das Opfer rührte sein Herz an und es kam zu einer neuen Begegnung. Obwohl diese Geschichte – das muss man sich immer wieder deutlich machen – eine Antwort auf die Frage ist: „Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu ererben?“, wird in Hinsicht auf den Samariter die Hoffnung auf eine himmlische Vergütung gar nicht erzählt.

Der Samariter ist das christliche Paradebeispiel der helfenden Liebe. Quasi die diakonische Generalbegründung des helfenden Arms der Kirche. Dabei hilft der Samariter gar nicht explizit aus Glauben, er ist auch weder Christ noch Jude, sondern im Erzählverlauf gegenüber dem Priester und dem Schriftgelehrten wohl eher ein Laie. Er erkennt Not und hilft und sorgt für eine Refinanzierung über den dritten Tag hinaus, alles als Konsequenz, dass er ihn jammerte.

Auch vor der Tatsache, dass der Arbeiter Samariter Bund, die einzige Organisation ist, die den Samariter im Namen tägt, möchte ich in Frage stellen, ob er denn wirklich für eine evangelische oder auch katholische Organisation als Beispiel für Hilfe aus Glauben die optimale Besetzung ist. Das Mitleid und das sich Hinwenden, dass sich eine neue Begegnung ereignen kann, mag vielleicht beim Samariter auch eine innere Befriedigung und Befreiung ausgelöst haben. Vielleicht tat ihm das Helfen gut, so dass er es gerne wieder getan hat, wenn es nötig war. Das wünsche ich ihm.

Ob aber die Hoffnungen im Gericht bestehen zu können und das ewige Leben zu ererben, heute – oder jemals – Motivation für eine liebevolle Hinwendung zu den Armen unserer Gesellschaft hervorbringt, sei an dieser Stelle bezweifelt. „Es jammerte ihn.“ Heinrich Matthias Sengelmann begegnet dem behinderten Carls Koops, Johann Hinrich Wichern dem sozial vernachlässigten Jungen Heinrich. Danach war für die beiden Männer nichts mehr wie vorher. Begegnungen haben ihr Leben verändert. Es bedurfte individueller Soforthilfe, Einzelfallregelung würde man heute vielleicht sagen, aber auch neuer Strukturen, um der massenhaften Verelendung entgegen zu treten. Dass Wichern oder Sengelmann, Amalie Sieveking oder Regine Jolberg, in ihren diakonischen Lebenswerken, ständig die Pforten des Himmels im Auge hatten, ist m.E. schwer vorstellbar. Der Jammer, das Mitleid mit den vernachlässigten Mitmenschen, übersteigt doch bei weitem die vage Hoffnung auf den Himmel.

Vielleicht bedarf es auch einer gewissen Wut, als Kraftpunkt, wenn offenkundig wird, dass es so häufig gesellschaftliche Strukturen sind, die menschliches Elend erst hervorrufen. Vielleicht bedarf es einer gewissen Wut, als Kraftpunkt, diesen Strukturen entgegentreten zu wollen. Ob der Samariter aus Glauben gehandelt hat, wissen wir letztlich nicht. Vielmehr wird er ja sogar wie ein Kontrapunkt gegenüber den professionellen Glaubenden in die Erzählung eingeführt, so dass die Geschichte tatsächlich eine „antitheologische Tendenz“ hat. (Vgl. Gerd Theissen, Die Legitimitätskrise des Helfens und der barmherzige Samariter, Heidelberg 1998) Die Väter und Mütter der verfassten Diakonie im 19. Jahrhundert fanden ihre Motivation zur helfenden Liebestat in ihrem Glauben. Ich bin sogar fest davon überzeugt, dass es gerade ihr Glaube war, der sie sensibilisiert hatte, der sie aufmerksam werden ließ, der ihnen das Herz öffnete für die gesellschaftlich und kirchlich vergessenen Mitmenschen.

Daher ist es bemerkenswert, dass die Erzählung vom barmherzigen Samariter in der Diakonie des 19. Jahrhunderts eine geradezu untergeordnete Rolle spielt. Viel prominenter hingegen ist das Johannesevangelium, wovon auch die Namen der evangelischen Großeinrichtungen heute noch zeugen, Johannes Werk, Johannes Stift, Joannes Anstalten, usw. (Vgl. Nils Petersen, „… so wie ich euch geliebt habe!“ Überkommene und aktuelle Begründungsfiguren einer diakonischen Kirche. Berlin 2012) So ist es der Glaube, der die Liebestat als Frucht bringt, der Gesellschaftskritik als Konsequenz hat; aber nicht damit man das ewige Leben ererbt.

Es gibt m.E. also zwei Spannungen, aus denen sich die Energie speist, die dazu führt, sich mit seinem Leben jenen zuzuwenden, die in ihrem Leben und in der Gesellschaft benachteiligt sind: die neue Begegnung und ein offenes Herz. Diese Spannungen bedingen sich gegenseitig. Nur mit einem offenen Herzen können neue Begegnungen stattfinden, neue Begegnungen öffnen unsere Herzen. Damit diese Wechselspannung sich überhaupt erst aufbauen kann, bedarf es einer inneren Bereitschaft. Die Bereitschaft das eigene Herz zu öffnen oder sich öffnen zu lassen. Die Bereitschaft einem Menschen oder Gott neu zu begegnen. Wer meint, er wisse schon alles, wer meint, er kenne schon alles und habe nicht vor, sich von Neuem verwirren zu lassen, dem fehlt jene Bereitschaft, aus der sich die Energie des Helfens speisen kann. Diese Bereitschaft kann der Glaube sein. Wo der Glaube nicht als Traditionalismus in verkrusteter Leblosigkeit verharrt, da ist er immer auf das Neue hin ausgerichtet, denn die Gegenwart ist noch nicht so, wie sie sein könnte oder sollte.

Der Glaube ist immer Einspruch gegen die Ungerechtigkeit, und glaubende Menschen suchen die neue Begegnung mit anderen Menschen und immer wieder mit Gott. Wenn also die Jahreslosung – „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13,14) – mehr ist als ein Kalenderblatt an der Wand, dann ist sie ein Aufruf, die ungerechten Strukturen in unseren Städten zu finden, um sie zu überwinden; dann ist sie ein Aufruf, nicht an der alten Stadt festzuhalten, sondern die neue zu suchen, und diese finden wir nur dann, wenn Menschen sie neu gestalten. In der Hoffnung, dass sie gerechter werde Tag für Tag und jeden Tag neu. Wer die neue Begegnung aus Glauben (oder aus Liebe und Hoffnung) sucht, den wird es jammern; und wer sich einmal aufgemacht hat, um im armen Stall Gott zu finden, kann nicht wieder in sein altes Leben zurück.

Dr. Nils Petersen ist Wissenschaftlicher Geschäftsführer der Arbeitsstelle Kirche und Stadt an der Universität Hamburg.