Reformation und Toleranz

Tagesthema 12. Januar 2013

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat 2013 zum Themenjahr „Reformation und Toleranz“ der Lutherdekade erklärt. Damit ist zugleich Halbzeit der Dekade, mit der die Kirche sowie Bund, Länder und Gemeinden das 500. Reformationsjubiläum 2017 vorbereiten. Eröffnet wird das Jahr der Toleranz mit einem Gottesdienst in der hannoverschen Neustädter Hof- und Stadtkirche, wo sich das Grab des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) befindet. Leibniz war Vordenker der frühen Aufklärung und damit Vertreter einer allgemeinen Idee der Toleranz und Menschenrechte. Der Gottesdienst wird live im ZDF übertragen.

Kirchen als Lerngemeinschaft für Toleranz

Toleranz ist nicht direkt aus der Reformationszeit abzuleiten, aber in den auf die Reformation folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderte hat sich herausgebildet, was heute unter Toleranz verstanden wird, meint Landesbischof Ralf Meister. Wenn Kirche von Toleranz redet, muss sie die Einsicht haben, dass sie schuldig geworden ist. Kirchen seien mit dieser Erfahrung, die bis ins 20. Jahrhundert gehe, wichtigste Lerngemeinschaft in Sachen Toleranz.

Geschichte der Toleranz der christlichen Religion muss mit Schuldeingeständnis beginnen

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Landesbischof Ralf Meister

Die Kirchen und die meisten Religionen sind nach den Worten des evangelischen hannoverschen Landesbischofs Ralf Meister "kein Beispiel gelebter Toleranz". "Sie waren oftmals die Institutionen, die mit ihren Wahrheitsansprüchen besonders intolerant waren", kritisierte Meister am Sonntag in einem Fernsehgottesdienst, den das ZDF live aus der hannoverschen Neustädter Hof- und Stadtkirche übertrug. Deshalb müsse die Geschichte der Toleranz der christlichen Religion mit einem Schuldeingeständnis beginnen.

Unter Berufung auf die Bibel seien Andersgläubige verfolgt und ermordet, Menschen anderer Hautfarbe diskriminiert und Frauen von religiöser und gesellschaftlicher Anerkennung ausgeschlossen worden, prangerte Meister an. Die Kirchen hätten die Achtung gegenüber einer anderen Position mühsam gelernt. "Mit Hilfe der Vernunft - und nicht mit dem Glauben - konnte man sich so weit verständigen, dass ein achtungsvolles Nebeneinander und manchmal sogar Miteinander möglich sein sollte."

Aber auch jeder Einzelne stehe in der Gefahr, intolerant zu sein, mahnte Meister. Für viele Menschen reiche schon das Wort Muslim, um im Kopf Bilder von Gewalt und Unterdrückung heraufzubeschwören. Toleranz bedeute demgegenüber zwar nicht Gleichgültigkeit, sondern ein Ja zur eigenen und ein Nein zu anderen Haltungen. "Aber ich gebe diesem anderen Respekt, weil ich weiß, dass ich selbst auch nicht fertig bin mit der Wahrheit."

So werde Toleranz ein Akt der Freiheit, betonte der hannoversche Landesbischof und ergänzte: "Sie gibt den Menschen einen freien Raum der Verständigung und beschreibt einen Lernweg - so fremd sie einander auch sind."

epd

Die Predigt zum Nachlesen auf den Internetseiten landesbischof-hannovers.de

Themenjahr:
Reformation und Toleranz

Das Jahresthema 2013 der Lutherdekade ist nicht einfach: Für Toleranz sind zwar irgendwie (fast) alle. Doch schon bei der Definition des Begriffs zeigen sich Probleme. Wo beginnt Toleranz für mich, wo hört sie auf? Wo liegen für mich ihre Wurzeln und ihre Widerstände? Ist das Kreuz Christi ein christliches Sinnbild für unbedingte Toleranz?

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