Kirche soll Spaß machen

Tagesthema Lüneburg/Soltau, 09. Januar 2013

Welche Rolle Humor in Gemeinden spielt - und wo er seine Grenze erreicht

Als Henning Hinrichs vor drei Jahren seine Kirchengemeinde in Reppenstedt übernahm, gab es noch einen regelmäßigen „Seniorennachmittag“. Allein: Kaum einer kam. Heute heißt das Ganze „Nachmittag für Menschen ab 65 und darunter“ – und der Saal ist jedes Mal voll. Was der Pastor im Titel nur andeutet, wirkt bei den Veranstaltungen mit ganzer Kraft: Humor.

Seniorennachmittag – allein den Namen schon empfindet der 46-Jährige als abschreckend. „Meine Eltern sind selbst Mitte 70 und würden sich niemals als ,Senioren’ bezeichnen.“ Nun lockt ein neuer Name allein freilich nicht regelmäßig 40 bis mehr als 100 Menschen in einen Gemeindesaal.

Es ist in erster Linie das Programm. Und das ist in der Auferstehungs-Kirchengemeinde Reppenstedt – ein paar Kilometer westlich von Lüneburg – meistens lustig. Hinrichs selbst hat mit der Organistin und dem ehemaligen Posaunenchorleiter eine kleine Band gegründet, die mittlerweile auch außerhalb der Kirchengemeinde angefragt wird: das „Gassenhauer-Ensemble“.

Songs aus den Zwanziger Jahren singen und spielen die drei auch: vom „Kleinen grünen Kaktus“ über „Ich wollt’, ich wär ein Huhn“ und „Veronika, der Lenz ist da“ bis „Ein Freund, ein guter Freund“. „Humor soll in der Kirche keinen Platz haben?

Das ist Quatsch. In der Kirche haben alle Lebensäußerungen ihren Platz“, findet der Pastor – der im Übrigen nicht nur mit den „Gassenhauern“ seine Zuhörer zum Lachen bringt, sondern auch mit dem ein oder anderen Witz am Anfang seiner Predigt. „Wer erst einmal gemeinsam gelacht hat, hat eine Basis, auf der später auch andere Themen angegangen werden können.“

Die große Chance von Humor sieht der 46-Jährige darin, Kirche auf diesem Weg als einen ganz normalen Lebensraum darzustellen. Zu zeigen, dass dort nicht nur Ältere sind. „Sondern dass es Spaß machen kann, dorthin zu gehen. Dass es einen Mehrwert gibt, dass dort sämtliche Lebensbereiche und Gefühlsregungen ihren Ort haben – nicht nur Alter und Tod.“ Grenzen sieht der Pastor bei bösem Humor, bei Diffamierungen: „Das würde schließlich auch nicht zur christlichen Botschaft passen.“ Sehr wohl böse, allerdings auf anderer Ebene, haben vier Pastoren im Kirchenkreis Soltau ihr Publikum zum Lachen gebracht.

Anlass war die lange Nacht der Kirchen im Herbst, zu der das Quartett politisches Kabarett bot. „Das Stück war saumäßig gut, es strotzte vor frecher, angriffslustiger und liebevoller Humoreske“, sagt Soltaus Superintendent Heiko Schütte rückblickend. So persiflierten die Pastoren nicht nur die Präimplantationsdiagnostik, sondern spielten auch auf eine vor Ort debattierte mögliche Krankenhausschließung an.

Bei den Kirchenbesuchern kam das Kabarett dermaßen gut an, dass viele sich eine Wiederholung respektive Fortsetzung wünschen, weiß Schütte. „Die Chance des Humors ist die Verfremdung“, sagt der Superintendent. „Ein Stück aus der Wirklichkeit auszuscheren und sich anschließend an den Kopf zu packen. Humor kann Schwere nehmen und den Einstieg in eine andere Wirklichkeitswahrnehmung bieten.“ Stichwort ist das „Erlösende Lachen“ des US-Theologen Peter Berger.

Doch Humor gerät an seine Grenze, wenn es um das Letzte geht, stellt Schütte klar. Das Heilige. Das, woran Menschen ihr Herz hängen und worum sie ringen: „Über das Letzte lässt sich nicht spaßen. Es bleibt immer die Furcht, dass der Spaß der letzte Ernst sein könnte.“ Davor aber tut Humor gut, findet auch Lüneburgs Superintendentin Christine Schmid: „Ich spüre, dass Menschen gerne während einer Predigt etwas zu lachen haben.

In der Seelsorge haben wir das Lachen wieder entdeckt. Es ist ein heilsames Gegengewicht zu Ängsten und Sorgen. In der Bibel heißt es: ,Wenn wir erlöst werden, wird unser Mund voll Lachen sein.’“ Allerdings brauche Humor auch eine Ethik: „Lachen geht nur, wenn dabei kein anderer eingeschüchtert wird. Und wenn damit nicht Trauer oder Leiden verdrängt werden. Zum Menschsein gehört Beides: Lachen und Weinen.“

Carolin George

Vorsicht Humor!

„Küssen Sie mich!“ flüstert die Dame dem Kirchenmann ins Ohr. „Das darf ich nicht!“ antwortet der Pastor empört. „Ich bin als katholischer Priester geweiht, habe ein Gelübde abgelegt und bin dem lieben Gott versprochen! Streng genommen darf ich hier gar nicht nackt neben Ihnen liegen.“

Seit es die Kirche gibt, zieht sie Humor, Satire, Witz und auch Spott auf sich wie ein Pferdeapfel die Fliegen. Den Urgrund dieser symbiotischen Beziehung finden wir in der Natur der Sache. Der würzige Duft des befreienden Humors entfaltet sich erst in der Fallhöhe. Physikalisch klingt die Humorformel trocken: Je länger das Sssssit, desto größer das Bummms!“

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Perspektiven durch Humor

Kürzlich war ich bei Herrn Engelhardt (Name geändert), der die Reha nach einem Schlaganfall verweigerte, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass er wieder das Oberhaupt seiner Familie werden konnte. Er war sich nämlich nicht sicher, ob er sich überhaupt wieder handwerklich betätigen und Auto fahren könnte. Er warf mit der Fernbedienung des Fernsehapparates um sich, da er sie nicht benutzen konnte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ihn noch jemand ernst nähme, wenn er auf Hilfe angewiesen wäre.

In einer solchen Situation bemühe ich mich darum, mich möglichst präzise in das Erleben meines Gegenübers einzufühlen. Ich fühle mich dann wie jemand, der an einer fremden Haustür klingelt und in ein unbekanntes Haus gebeten wird. Der Hausherr führt mich von Zimmer zu Zimmer und zeigt mir Orte seines (inneren) Hauses. Ich gehe also dorthin, wohin mein Gesprächspartner mich führt und wir schauen uns den Raum gemeinsam an. Herr Engelhardt führte mich in seine Garage. Wir sprachen viel über sein Auto.

Humor ist wichtig, weil er uns aus der ängstlichen Selbstverkrümmung holt. Für einen winzigen Moment nimmt er die schwere Last von den Schultern, so dass wir uns mal eben gerade machen können, aufgerichtet werden. Wenn er sich zeigt, sollte man ihn als Seelsorger beim Schopfe packen, denn er ist ein guter Indikator für die momentane Abwesenheit von Angst und Ärger.

Gelingt es uns, uns mit dem Anderen für eine Weile in einer heiteren Gemütsverfassung aufzuhalten, reduziert sich die Ausschüttung von Stresshormonen, lässt sich jemand dann sogar zum Lachen reizen, erhöht sich die periphere Durchblutung, die Muskulatur lockert sich und es tritt eine Entspannung ein, die Angst und Schmerz lindert. Unser Geist und damit unser Glaube sind an unsere körperliche Verfassung gebunden, deshalb ist es wichtig, in der Seelsorge den Blick auf den Organismus insgesamt zu richten.

Ein hilfreiches Gespräch erkennt man an einer klar fühlbaren körperlichen Entspannung, an der Minderung von Gefühlen wie Angst und Ärger, an einer größeren Verbundenheit mit sich selbst, anderen und dem tragenden Lebensgrund. Dies macht sich in einem Gefühl der körperlichen Wärme und des Wohlbefindens bemerkbar und ist im Messverfahren z.B. am Oxytozinspiegel darstellbar. Um im Bild des fremden Hauses zu bleiben, das ich als Seelsorgerin betrete: Schon oft war ich mit jemandem in einem dunklen Kellerraum, in dem es muffig roch und es mir sogar selbst unheimlich wurde. Dann haben wir gemeinsam das rostige Kellerfenster geöffnet und die Sonne hereingelassen.

Was wir dann im Licht der Sonne sahen, war entweder zum Lachen komisch oder zum Weinen traurig. Lachen und Tränen sind Geschwister der Hoffnung, ihr gemeinsames Merkmal ist, dass sie einen Lösungsprozess anzeigen. Wir werden einfach frei, uns die Dinge, die da lange im Verborgenen gelegen haben, anzuschauen. Schuld, Unerledigtes, eine alte Liebe – alles kann sich zeigen, ist willkommen und wird von uns beiden freundlich angesehen.

Pastorin Anke Well arbeitet als Pastoralpsychologin im Hospiz an der Lutter in Göttingen.

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Humor hilft uns auf die Sprünge bei der heilsame Unterbrechung unserer Wichtigkeiten und Richtigkeiten und beim Widerstand gegen alles, was das Leben klein hält...

Lesen Sie die Andacht von Pastorin Stefanie Arnheim. Mit einem Rückblick auf eine Woche voller Lachen im April 2012.

Text und Video zum Lachen