Rausgerissen und eingepflanzt

Tagesthema 08. Januar 2013

Dem Kulturkreis entwurzelt und weg von den leiblichen Eltern

Manchmal fühlt Sarah M. sich fremd - in Deutschland, in ihrer Heimatstadt, in ihrer Familie, in ihrer Haut. Sarah ist Deutsche. Sie ist in Deutschland aufgewachsen, zur Schule gegangen, konfirmiert worden, hat ihren Beruf erlernt. Geboren ist sie in Indien. Kurz vor ihrem ersten Geburtstag haben ihre deutschen Eltern sie adoptiert, vor fast 31 Jahren. Sarah liebt ihre Eltern, mag ihre Arbeit, geht mit Freunden aus, engagiert sich in der Kirche. Doch sie braucht klare Strukturen. Alles Unbekannte macht ihr Angst. „Manchmal denke ich, ich bin dort rausgerissen und hier eingepflanzt worden.“

So wie Sarah geht es vielen, die als Kind aus dem Ausland adoptiert wurden. Nicht nur der Verlust ihrer leiblichen Eltern, auch die Entwurzelung aus ihrem Kulturkreis macht ihnen zu schaffen. „Wir Adoptiveltern nehmen den Kindern aus Brasilien, Indien, Russland oder Togo alles - ihre Bezugspersonen, die Sprache, die Umgebung, das Essen, die Gerüche. Das Leben beginnt für sie noch einmal komplett neu“, sagt Erik Baus, Vorsitzender des Vereins „Eltern für Kinder“ mit Sitz in Berlin, der seit 25 Jahren Auslandsadoptionen vermittelt: „Daher ist Auslandsadoption nur zu rechtfertigen, wenn die Alternativen vor Ort für die Kinder noch größeres Leid bedeuten würden.“

Es ist nicht damit getan, ein Kind retten zu wollen.

Die Kinder hätten oft dramatische Erlebnisse hinter sich, seien vernachlässigt, misshandelt, ausgesetzt worden. „Manche können nie wieder ein normales Vertrauensverhältnis entwickeln“, sagt Baus. Deshalb sei es so wichtig, die Eltern sorgfältig auszusuchen und auch nach der Adoption noch über Jahre zu begleiten. Von medienwirksamen Hauruck-Adoptionen Prominenter hält der Vater von vier brasilianischen Adoptivkindern gar nichts: „Es ist nicht damit getan, ein Kind retten zu wollen.“

Sarah wurde ihren Eltern über terre des hommes vermittelt. Das Osnabrücker Kinderhilfswerk war 1967 gegründet worden, um Kriegsopfern aus Vietnam und Biafra zu helfen. 1968 wurden die ersten vietnamesischen Waisenkinder zur Adoption nach Deutschland vermittelt. „Die Motivation der deutschen Eltern damals war geprägt vom Vietnamkrieg. Sie wollten ein Zeichen setzen und Solidarität mit den Opfern zeigen“, erzählt Monika M.. Die Soziologin und Ärztin ist die Mutter von Sarah und hat selbst von 1977 bis 1998 für terre des hommes gearbeitet: „Damals waren Eltern und Experten überzeugt, dass man mit liebevoller Zuwendung und Erziehung die vielen Verluste der Kinder wettmachen könne.“

Elternwille contra Kindeswohl

Die psychischen Probleme vieler heranwachsender Adoptivkinder haben sie eines Besseren belehrt. Sarahs ebenfalls aus Indien stammende Adoptiv-Schwester hat noch immer größte Schwierigkeiten, dauerhafte Beziehungen zu Menschen aufzubauen. Posttraumatische Störungen bleiben oft ein Leben lang, weiß Monika M.: „Ich kann nur alle Eltern davor warnen zu glauben, sie bekämen ein süßes Kind mit großen braunen Augen und seien dann eine glückliche Familie.“

Für viele ungewollt kinderlose Eltern in Deutschland ist die Auslandsadoption heute die einzige Chance auf ein „eigenes“ Kind. Die Verhältnisse in den Entwicklungsländern haben sich aber - auch mit Hilfe von Organisationen wie terre des hommes verbessert, sagt Sprecher Michael Heuer. Heute können Waisenkinder oft auch vor Ort vermittelt werden. Terre des hommes hat sich deshalb schon 1994 aus der Vermittlung von Auslandadoptionen zurückgezogen. Die damaligen Verantwortlichen sahen die Gefahr, dass das Kindeswohl gegenüber dem Elternwillen in den Hintergrund gerät.

Sie fürchteten, Kinder würden „adoptionsfähig“ gemacht, weil die Nachfrage groß war und leibliche Eltern für ihre Kinder auf ein besseres Leben hofften. Einige Mitglieder wollten jedoch die Auslandsadoption als Einzelfallhilfe aufrechterhalten und gründeten den Verein „Eltern für Kinder“.

Irgendwann auf die Suche nach den Wurzeln

Er ist heute eine von 13 zugelassenen Adoptionsvermittlungsstellen, registriert bei der Bundeszentralstelle für Auslandsadoption. Sie müssen das Haager Übereinkommen von 1993 und das darauf beruhende Adoptionsvermittlungsgesetz beachten. Darin sind unter anderem der Vorrang des Kindeswohls und die Beachtung fachlicher Standards geregelt. Die Auslandsadoption gilt als letzte Möglichkeit der Rettung eines Kindes.

Auch Sarah findet, dass eine Vermittlung im eigenen Land immer Vorrang haben sollte. Sie denkt oft an ihre Mutter in Indien: „Ich frage mich, ob sie wohl noch an mich denkt.“ Sie weiß nur, dass sie sie als Säugling in einem Heim abgegeben hat. Oft schwankt sie zwischen Trauer und Wut. Auch an ihren Vater denkt sie. Sie glaubt ganz fest, dass beide sich geliebt haben, dass die Umstände sie zwangen, ihr uneheliches Kind wegzugeben. Irgendwann will sie sich auf die Suche nach ihren Wurzeln machen: „Aber erst, wenn ich eine eigene Familie habe, wenn ich selbst weiß, wie es ist, Mutter zu sein.“

Martina Schwager / epd

Sarah fragt nach den Wurzeln

Als Baby wurde sie in einem indischen Kinderheim abgegeben - mehr weiß Sarah nicht. Deutsche Eltern haben sie adoptiert, es geht ihr gut. Und doch bleibt da eine Ungewissheit: die Frage nach den Wurzeln.

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Internationale Adoption

Eine Adoption ist die Schaffung eines Abstammungsverhältnisses durch einen Rechtsakt und kann auf einem Vertrag oder einer Entscheidung eines Gerichts oder einer Verwaltungsbehörde beruhen. Sie verändert die ursprüngliche Abstammung eines Menschen und damit auch seine Identität und bedeutet somit einen erheblichen Eingriff in seine Individualität und Persönlichkeit und damit auch in seine Grundrechte.

Zweck der Adoption eines Kindes ist, bei Ausfall der leiblichen Eltern dem Kind Sicherheit und Kontinuität in einer neuen Familie zu bieten. Die rechtliche Bestellung von neuen Eltern setzt dementsprechend voraus, dass diese in die tatsächliche Rolle der ausgefallenen Eltern hineinwachsen, mit den Worten des Gesetzes, dass zwischen dem Kind und seinen neuen Eltern und umgekehrt ein Eltern-Kind-Verhältnis entstanden ist oder dessen Entstehung begründet erwartet werden kann.

Quelle: Bundesamt für Justiz