2012_11_23

Bild: Janko Woltersmann

Geschichten aus dem Kloster Loccum

Tagesthema 22. November 2012

850 Jahre Geschichte als Geschichten

Man schrieb das Jahr 1848. Am 20. März drangen Bergarbeiter und Steinhauer gewaltsam ins Kloster Loccum ein. Zwei Tage zuvor hatten zwei Schüsse auf dem Berliner Schlossplatz die Revolution ausgelöst. Sollte der Funke des Umsturzes bis ins idyllische Klosterdorf vorgedrungen sein?

Ausgangspunkt des Überfalls der Arbeiter auf das Kloster war ein Dorffest. Der Unmut über einen verzögerten Dorfschulausbau, über den Widerstand bei der Umwidmung der Klosterkirche zur Gemeindekirche, vor allem wegen des Verbots des Laubsammelns im Klosterforst (das Laub wurde als Streu im Stall benötigt) bot den Anlass zum Klostersturm. Die Klosterbewohner konnten über die rückwärtige Mauer entfliehen, doch das Mobiliar und Schriftstücke fielen den Flammen zum Opfer. Unversehrt blieb allerdings die Registratur, in der unter anderem die unbezahlten Rechnungen aufbewahrt waren.

„Ein Fehler“, meinte Fritz Erich Anhelm jetzt bei der Vorstellung des Buchs „Geschichten“, das rechtzeitig vor dem 850-jährigen Jubiläum des Klosters Loccum im Lutherischen Verlagshaus erscheint. Diese Geschichte aus der bewegten Geschichte des Klosters stammt aus der Feder des ehemaligen Direktors der Evangelischen Akademie gleich neben dem Kloster. Die etwa 60 Zuhörer bei der Buchvorstellung hingen Anhelm förmlich an den Lippen, als er vorlas, was sich seinerzeit zutrug. Doch wie die Revolution im Kloster Loccum endete – „für die einen einträglich, für die anderen kläglich“ – verriet Anhelm nicht. „Lesen Sie es selbst nach“, empfahl er den Zuhörern.

Aus der jüngeren Geschichte des Kloster berichtete einer der Herausgeber, Abt Horst Hischler. Pfiffig habe 1952 der damalige Abt, Landesbischof i.R. Hanns Lilje, die Spitzen der Politik wie Bundeskanzler Konrad Adenauer und Ministerpräsident Hinrich-Wilhelm Kopf mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie zu einer Kaffeetafel ins Kloster eingeladen und mit einer kleinen Geschichte dazu gebracht, für jedes Gramm ihres Körpergewichts je zehn Pfennig zu bezahlen. Mit der Summe von 120.000 Mark habe er den Neubau der Akademie beginnen können.

Nur wenig mehr als ein Jahrzehnt liegt eine weitere Geschichte zurück, an die Hirschler sich erinnerte. Aus Volkenroda, dem Loccumer Mutterkloster bei Mühlhausen/Thüringen, sei in den 1990-er Jahre eine Delegation mit der Bitte nach Loccum gekommen, beim Aufbau der Kirche zu helfen - wenn nicht mit Geld, dann doch mit Hinweisen auf mögliche Sponsoren. Und Hirschler, damals noch Landesbischof in Hannover und Prior des Zisterzienserklosters, knüpfte bei der Eröffnung einer Industriemesse in Hannover Kontakte zur Stahlindustrie. Die Idee einer wiederverwendbaren Kirche aus Stahl und Glas für die Weltausstellung Expo 2000 fand bei den Stahlmagnaten Anklang – und sie beteiligten sich zur Hälfte an den Bau-, Abbau- und Wiederaufbaukosten von zehn Millionen Mark.

Eine großzügige Spende stand auch am Anfang der Klostergeschichte. Graf  Wulbrand von Hallermund sagte am 21. März 1163 bei einer Messe im Dom zu Minden dem dortigen Bischof zu, dass er für die Gründung eines Zisterzienserklosters Dorf und Ländereien von Lucca und Umgebung stiften werde. Die Mönche müssten nur für sein eigenes Seelenheil und das des verstorbenen Grafen Burchard von Lucca beten, dem er das Land und noch mehr verdankte. „Wenig weiß man über die Ankunft der Mönche aus Volkenroda“, räumte Pastor i.R. Ludolf Ulrich ein. „Aber, was man weiß, das können Sie im Buch nachlesen“, machte der Mitherausgeber des „Geschichten“-Buches Appetit auf die Lektüre. Kaum weniger spannend sei die Lebensgeschichte von Thomas Küttler nachzulesen, der am Jubilate-Sonntag 1965 in der Klosterkirche ordiniert wurde, um kurz darauf mit einem von der Landeskirche spendierten roten VW Käfer nach Dresden aufzubrechen. Dort wartete seine Verlobte auf ihn. „Da sieht man mal wieder, wohin einen die Frauen bringen können“, habe ihm bei der Überreichung der Einbürgerungsurkunde der DDR-Beamte gesagt. Küttler blieb in der DDR und wurde schließlich Superintendent in Leipzig.

Knapp 50 Beiträge aus der wechselvollen Geschichte des Klosters, der Evangelischen Akademie und des Predigerseminars, sind in dem „Geschichten“-Buch versammelt. Namhafte Autoren haben die beiden Herausgeber vereinen können, darunter amtierende wie ehemalige Landesbischöfe (Ralf Meister, Eduard Lohse), weitere ehemalige Kirchenleitende wie Hein Spreckelsen oder Hans Werner Dannowski oder auch Schriftsteller wie Eike Christian Hirsch. Prägenden Persönlichkeiten wird ebenso ein Kapitel gewidmet wie der Kunst und Musik im Kloster und seiner Kirche oder dem wirtschaftlichen Umfeld, etwa dem Forst oder dem Klostergut.

Schon einmal, 1980, hatte Horst Hirschler, ein Buch „Geschichten aus dem Kloster Loccum“ herausgebracht. Es ist längst vergriffen. Das neue Buch ist keine Neuauflage, sondern enthält Texte, die es vorher noch nicht gab. Sie erzählen unter anderem, wie die Reformation im Kloster Fuß fasste oder wie Abt Georg Ebell im 18. Jahrhundert hier die erste Feuerversicherung Deutschlands gründete. Wie lebendig das Kloster auch 850 Jahre nach seiner Gründung und mit 300-jähriger Tradition der Pastorenausbildung heute noch ist, verdeutlichen Beiträge, die von Einkehrtagungen für Führungskräfte der Wirtschaft erzählen und von der Wiederentdeckung des Pilgerns und anderer Formen der Spiritualität berichten.

Von Michael Eberstein (Evangelische Zeitung)

Wie alte Schätze - Neues Geschichten-Buch über das Kloster Loccum erschienen

Rechtzeitig zum 850-jährigen Bestehen des Klosters Loccum hat das Lutherische Verlagshaus in Hannover eine Sammlung mit Geschichten, Studien, Dokumenten und Bildern auf den Markt gebracht. Das aufwendig gestaltete Buch mit 255 Seiten im quadratischen Großformat wird vom langjährigen Abt des evangelischen Zisterzienserklosters, Horst Hirschler, sowie dem Ruhestandspastor Ludolf Ulrich herausgegeben. Von März bis Oktober 2013 soll das Jubiläum mit einem umfangreichen Kulturprogramm mit mehr als 100 Musik- und Literaturveranstaltungen gefeiert werden.

„Unser Loccumer Kloster steckt ja voller unzähliger Geschichten“, schreiben die Herausgeber im Vorwort: „Sie sind gleichsam in den Gemäuern, Urkunden, Chroniken, Grabsteinen sowie in den Menschen, von denen berichtet wird, versteckt - wie alte Schätze.“ Neben wissenschaftlichen Studien sind es vor allem viele persönlichen Erinnerungen, Anekdoten und Interviews, die die wechselhafte Geschichte des Klosters seit seiner Gründung im Jahr 1163 für den Leser lebendig werden lassen.

Hirschler, der von 1988 bis 1999 Bischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers war und sich dem Kloster schon in jungen Jahren verbunden fühlte, hatte bereits 1980 ein erstes Buch „Geschichten aus dem Kloster Loccum“ herausgebracht. Nach 30 Jahren und vier Auflagen ist es inzwischen vergriffen.

Das neue Werk „Geschichten“ enthält Texte, die es vorher noch nicht gab. Sie erzählen unter anderem wie die Reformation im Kloster Fuß fasste, wie Georg Ebell, Abt von 1732 bis 1770, die erste Feuerversicherung in Deutschland gründete und wie die Loccumer im Revolutionsjahr 1848 den Aufstand gegen ihr Kloster probten. Die 300-jährige Geschichte des Predigerseminars im Kloster, das Generationen von Pastoren ausgebildet hat, wird ebenso geschildert wie moderne Formen des Klosterlebens. Dazu gehören Einkehrtagungen für Führungskräfte der Wirtschaft, das wiederentdeckte Pilgern oder neue und alte Formen der Spiritualität.

epd

Das Buch

Kloster Loccum. Geschichten, Hg. Horst Hirschler und Ludolf Ulrich, Lutherisches Verlagshaus Hannover 2012, 255 Seiten, 24,95 Euro

2013 feiert das berühmte ehemalige Zisterzienserkloster im niedersächsischen Loccum sein Bestehen. Grund genug, sich mit Geschichten der Geschichte anzunähern. Diese erzählen von seiner Gründung 1163, dem Einfluss der Reformation, seinen evangelischen Äbten. Doch auch die Baukunst, der Klostergarten und der Klosterwald bilden den Mittelpunkt zahlreicher Berichte, manche Begebenheit spricht krimininalistische Gemüter an oder weckt einen leichten Schauder beim Lesen. Das Kloster als Bezugspunkt des Dorfes Loccum, als Ausbildungsstätte der hannoverschen Landeskirche und Ort für intellektuelle und spirituelle Erfahrungen und Begegnungen - alles und noch viel mehr findet seinen angemessenen Platz in diesem üppig ausgestatteten und bebilderten Band. Faksimiles und alte Stiche dokumentieren die Bedeutung dieses einzigartigen Ortes.

Sofort bestellen bei bibli.com