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Bild: Kay Oppermann

Vorbild und Beispiel für Andere

Tagesthema 21. November 2012

Wie Pastoren in Trauerreden das Bild Verstorbener prägen

In Trauerfeiern halten Pastorinnen und Pastoren Rückschau auf das Leben eines Menschen. Wie prägen sie das Bild, vom Verstorbenen, welches Vermächtnis geben sie weiter, hat die „Evangelische Zeitung“ Altbischof Eduard Lohse gefragt.

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Eduard Lohse. Bild: Privat

Evangelische Zeitung: Herr Altbischof, wie viele Trauerreden haben Sie halten müssen?
Eduard Lohse: Ich war nicht so sehr lange Gemeindepfarrer. Deswegen waren es sicher weniger als bei den meisten anderen Pastoren. Vielleicht 50 oder 60. Aber dafür erinnere ich mich an einzelne umso besser.

Evangelische Zeitung: Wie haben Sie sich mit dem Leben des Verstorbenen vertraut gemacht?
Eduard Lohse: Die meisten Beerdigungen waren Trauerfeiern für Bekannte oder Freunde. Das ist ein Vorzug, weil ich schon eine Beziehung zum Verstorbenen hatte und darauf aufbauen konnte. Ich habe mir dann immer unter den Konfirmations-, Tauf- oder Trausprüchen der Verstorbenen den passenden ausgesucht und mich bemüht, die biblische Botschaft mit dem Leben des Verstorbenen in Beziehung zu setzen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ganz oft der Konfirmationsspruch eine besondere Bedeutung hatte.

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Susanne Sander, Pastorin der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Schloß-Ricklingen, während eines seelsorgerlichen Gesprächs. Bild: Jens Schulze

Evangelische Zeitung: Wie kommen Leben und Bibel zusammen?
Eduard Lohse: Das ist eine Frage der Gewichtung. Meist wird ja in Trauerreden nur vom Leben des Verstorbenen erzählt. Das ist uns als Boten des Evangeliums zu wenig. Wir haben auch die Perspektive der Dankbarkeit. Ein guter Einstieg ist deshalb der Hinweis auf die Taufe des Verstorbenen. Von ihr her steht der Verstorbene unter dem Zeichen des Kreuzes bis an sein Ende. Es zeigt, dass wir im Leben und Sterben und im Tod von Gott nicht verlassen sind.

Evangelische Zeitung: Was wollten Sie aus dem Leben eines Menschen unbedingt zur Sprache bringen?
Eduard Lohse: Wichtig ist die Dankbarkeit für alles, was das Leben dieses Menschen ausgemacht hat. Man kann auch ruhig ein Lob aussprechen. Aber das ist nicht das Einzige. Eine Trauerrede soll ja die Botschaft des Evangeliums mit diesem Lebensgeschick in Beziehung setzen.

Evangelische Zeitung: Wie sich Gottes Gnade im Leben eines Menschen zeigt.
Eduard Lohse: Das ist vielleicht etwas stark gesagt. Aber vor allem wollen die Angehörigen ein Wort des Trostes hören. Sie wollen hören, dass Gott der Gott der Lebendigen ist und dass der Tote in seine Hände zurückfällt und nicht ins Nichts.

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Pastor kurz vor einem Gottesdienst. Bild: Jens Schulze

Evangelische Zeitung: Wie viel Persönliches hat in dieser Situation Platz?
Eduard Lohse: Wenn man sich auf bestimmte Begegnungen beziehen kann, kann das durchaus zur Sprache gebracht werden. Nur muss der Pfarrer achtgeben, dass das nicht zu breit wird. Denn das Persönliche kennt die Trauergemeinde auch. Da genügt schon ein Antippen. Die Aufgabe der Predigt ist es, die Botschaft des Evangeliums im Angesicht des Todes auszusprechen. Die Botschaft von Kreuz und Auferstehung sagt uns, dass der Tod nicht das Ende ist, sondern der Glaube an Jesus Christus uns dessen versichert, dass wir vom Tod ins Leben bei Gott gehen.

Evangelische Zeitung: Was ist mit den negativen Seiten eines Menschen? Gehören die in eine Trauerrede?
Eduard Lohse: Man sollte diese negativen Dinge nicht besonders hervorheben, sondern so stehen lassen. Es ist nicht der Ort und die Zeit zu tadeln. Der Abschied sollte unter einem positiven Vorzeichen stehen.

Evangelische Zeitung: Ist eine Trauerrede eine Art Vermächtnis?
Eduard Lohse: Ja, sie ist schon ein Stück Vermächtnis. Denn man kann im Rückblick auf das vollendete Leben die Frage stellen und so gut als möglich beantworten, was wir aus dem Leben des Verstorbenen als positive Erfahrung in unser eigenes Leben mitnehmen.

Evangelische Zeitung: Geben Sie ein Beispiel?
Eduard Lohse: Wenn man jemanden zu Grabe trägt, der seine Aufgaben gewissenhaft erfüllt hat, dann können wir uns daran ein Beispiel nehmen und versuchen, es ihm gleichzutun.

Evangelische Zeitung: Was ist die Botschaft für die Trauergemeinde?
Eduard Lohse: Ein beliebter Trauerpsalm ist der 23. Psalm: „Der Herr ist mein Hirte.“ Die Worte sind Trost und Aufforderung zugleich. „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir.“ spricht den Trost aus, dass Gott uns nicht verlässt. „Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ Das ist eine Perspektive für die Zukunft.

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Aufgebahrter Sarg bei einem Gottesdienst. Bild: Jens Schulze

Evangelische Zeitung: Sie haben die Trauerrede für Loki Schmidt gehalten. Was wollten Sie der Trauergemeinde über diese Frau erzählen?
Eduard Lohse: Mein Anliegen war es, die Worte aus dem 90. Psalm in der Bedeutung für uns zur Sprache zu bringen. Ihr Leben war ein gutes Stück länger und erfüllter, als es der Psalm beschreibt („Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre, und wenn's köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon“). Ich wollte darauf hinweisen, dass Loki Schmidt ihren Lebensweg bewusst gegangen ist. Sie hat in schwerer Zeit geheiratet und legte Wert darauf, christlich getraut zu werden. Sie hat damit zum Ausdruck gebracht, dass wir unser Leben unter der Leitung und Fügung Gottes vollziehen. Als Biologin war sie besonders mit den Schönheiten der Natur vertraut und hat sich mit Gott als dem Schöpfer all dieser Schönheiten konfrontiert gesehen. Ich glaube auch, dass Herr Schmidt das verstanden hat. Wir hatten ja im Laufes unseres Lebens schon viele Gespräche geführt. Er ist ein kritischer Christ und spart nicht mit Kritik an der Institution Kirche.

Evangelische Zeitung: Welches Vermächtnis möchten Sie selbst weitergeben?
Eduard Lohse: Da muss man bescheiden denken. Dass mein Leben für die Angehörigen eine dankbare Erinnerung auslöst. Das würde mich freuen. Und wenn sie daraus eine positive Lebenseinstellung ableiten.

Prof. Dr. Eduard Lohse ist ehemaliger Landesbischof der Hannoverschen Landeskirche (aus: Evangelische Zeitung)

„Wie unser Grab gestaltet ist, zeigt, wie und mit wem wir gelebt haben.“

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Friedhof St, Nikolai in Hannover. Eine Engel-Figur beugt sich über einen Grabstein. Bild: Jens Schulze

Die Vergangenheit wird Teil der Gegenwart: Man kann sie berühren, glaubt sie unmittelbar zu erfahren“, vermerkte der französische Gedächtnisforscher Maurice Halbwachs einmal. Was von uns bleibt, ist immer irgendwo und irgendwie sichtbar.

Unsere letzte Station im Leben ist der Tod. Wie unser Grab gestaltet ist, zeigt, wie und mit wem wir gelebt haben. So schreiben wir uns auch zuletzt noch ein in den Lauf der Geschichte. Grabstätten sind seit Jahrhunderten zentrale Orte der Erinnerung und des Gedächtnisses. Sie berichten über Geschichte und Geschichten. Die Grabstätten geben unserem biografischen Vermächtnis einen materialisierten Ausdruck, dessen Wandel im Laufe der Geschichte die vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft aufzuzeigen vermag. Selbst jener wird gedacht, die nicht zurückkehrten – aus dem Krieg oder vom Meer. Zwar heißt es: „Auf dem Meer gibt es keine Grabsteine. Geschichte und Gedächtnis gründen sich auf das Einschreiben, aber auf dieses Element läßt sich nichts schreiben“ (Robert Harrison, „Die Herrschaft des Todes“). Aber wir setzen dem Alles-Verschlingenden des Meeres – und des Krieges – etwas entgegen: Gedenkplätze und Gedenkanlagen, die den Verlorenen gewidmet sind, auch den Fremden. So erobern Trauer und Erinnerung den öffentlichen Raum und gestalten die freie Landschaft. Manchmal geschieht dies nur auf provisorische Weise, wie die Unfallkreuze an den Landstraßen zeigen. Aber auch sie erzählen eine individuelle Geschichte und bilden auf ihre Art ein Vermächtnis.

„Gedächtnis und Tod entsprechen einander“, schrieb der französische Dichter Paul Valéry. Auch Jan Assmann stellt in seiner Arbeit über das „kulturelle Gedächtnis“ fest, dass der Tod eine „’Urszene’ der Erinnerungskultur“ sei. So legen wir mit der Art und Weise, wie wir bestattet werden, unser Vermächtnis für die Nachwelt fest – für alle sichtbar. Mit ihnen werden Erinnerung und Gedächtnis im öffentlichen Raum vermittelt, dadurch erhalten sie eine über das eigene Leben hinausreichende gesellschaftliche Relevanz.

Norbert Fischer, Honorarprofessor am Institut für Volkskunde und Privatdozent für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Hamburg sowie Autor zahlreicher Publikationen

„Ich sorge vor“

Wie häufig stehen Ehepartner, Geschwister oder Kinder angesichts fortschreitender Hinfälligkeit eines lieben Angehörigen vor überfordernden Fragen: Was hätte er oder sie gesagt, wenn die Ärzte noch einmal operieren wollen, wenn Medizin und Technik das zu Ende gehende Leben noch einmal um einige Wochen verlängern sollen? Fragen, die rechtzeitig angegangen werden sollten - wie sagt das neue Heft „Thema“ der Evangelischen Zeitung.

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