2012_11_19

Bild: Charlotte Morgenthal

Liebe in der Psychatrie

Tagesthema 18. November 2012

Beziehungen in Heimen werden oft tabuisiert

In einer psychiatrischen Klinik lernten Sybille Gaede-Sing und Erich Henning sich kennen und lieben. Beziehungen in Psychiatrien und Heimen sind Mediziner Matthias Wilkening zufolge längst nicht mehr die Ausnahme. Trotzdem sind sie ein Tabuthema.

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Sybille Gaede-Sing (62) und Erich Henning (57) in ihrer Wohnung im  Klinikum Wahrendorff bei Hannover. Bild: epd-bild / Charlotte Morgenthal

Ein dickes Album mit Hochzeitsfotos erinnert Sybille Gaede-Sing und Erich Henning auch ein Jahr nach der Trauung oft an ihren Tag. In einer psychiatrischen Klinik bei Hannover lernten sie sich vor sechs Jahren kennen. Gaede-Sing (62) leidet unter Depressionen, Henning (57) ist alkoholabhängig, beide sind auf betreutes Wohnen angewiesen. Liebesbeziehungen in psychiatrischen Einrichtungen und Heimen seien längst nicht mehr die Ausnahme, erklärt der Leiter des Klinikums Wahrendorff, Matthias Wilkening. „Bis heute wird dieses Thema in Deutschland aber oft tabuisiert.“

Die Klinik hat das Paar in seiner Beziehung und in dem Wunsch nach Zweisamkeit jedoch unterstützt. „Vor ein paar Jahren durften wir im Heim eine gemeinsame Wohnung beziehen, obwohl wir nicht verheiratet waren“, sagt Gaede-Sing stolz. In der Mitte des etwa 20 Quadratmeter großen Zimmers steht ein großes Bett, daneben ein Tisch mit zwei Stühlen. Ein Bad ist auch dabei.

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Sybille Gaede-Sing leidet unter Depressionen, Erich Henning ist alkoholabhängig, beide sind auf betreutes Wohnen angewiesen. Bild: epd-bild / Charlotte Morgenthal

Beide sitzen meistens auf ihrem Lieblingsplatz in der Mitte des Bettes. Die Wand dahinter ist bis auf den letzten Fleck mit Kuscheltieren und Hennings gesammelten Fußballkarten dekoriert. „Meine Frau kennt alles von mir“, sagt er, während er immer wieder zärtlich ihren Arm streichelt. Gaede-Sing lächelt dabei glücklich.

Für Klinikleiter Wilkening ist es selbstverständlich, dass auch Menschen in Kliniken und Heimen in Beziehungen leben. „Bindungen sind ohnehin etwas Positives.“ Die Partner könnten sich in schwierigen Situationen mit ihren unterschiedlichen Erkrankungen gegenseitig helfen. „Wenn sie sich in die Haare kriegen, können sie auch mögliche Aggressionen herauslassen.“ 

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Das Ehepaar, das vor einem Jahr kirchlich geheiratet hat, sitzt meistens auf seinem Lieblingsplatz in der Mitte des Bettes. Die Wand dahinter ist bis auf den letzten Fleck mit Kuscheltieren und Hennings gesammelten Fußballkarten dekoriert. Bild: epd-bild/Charlotte Morgenthal

Für Gaede-Sing war die Beziehung sogar lebensrettend. Als sie sich vor einigen Jahren vor einen Bus stürzte, um sich das Leben zu nehmen, zog ihr Mann sie in letzter Sekunde zurück. Auch als Erich Henning vor wenigen Wochen einen Rückfall in die Alkoholsucht hatte, war seine Frau für ihn da. Das komme nie wieder vor, verspricht er ihr. „Sybille passt auf mich auf“, ergänzt er dann.

Heimleiter Peter Steinig hat beide über lange Jahre betreut. „Die beiden sind unzertrennlich“, sagt er lächelnd. Sie müssten fast ein bisschen lernen, wieder Abstand zueinander zu gewinnen und sich gegenseitig ihre Freiräume zu bewahren. „Erich kann ganz schön eifersüchtig sein“, sagt Gaede-Sing mit mahnendem Blick.

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Liebesbeziehungen in psychiatrischen Einrichtungen und Heimen seien längst nicht mehr die Ausnahme, erklärt der Leiter des Klinikums Wahrendorff, Matthias Wilkening. "Bis heute wird dieses Thema in Deutschland aber oft tabuisiert." Bild: epd-bild / Charlotte Morgenthal


Trotz vieler Beziehungskrisen sind beide seit mehr als sechs Jahren ein Paar. Der Höhepunkt war ihre kirchliche Trauung vor einem Jahr, berichten sie. Ihre Erinnerungen haben sie in dem Fotoalbum festgehalten. „Erich hat dreimal 'Ja' gesagt“, erzählt Gaede-Sing gerührt. Für die Feier hatten Freunde und Familie einige Gemeinschaftsräume im Heim festlich geschmückt. Ein Bild zeigt die beiden beim Tanzen des Hochzeitswalzers auf Rosenblättern.

Beim Betrachten des Fotos gibt Henning seiner Frau einen Kuss. „Du bist mein Ein und Alles“, sagt er dann. Für die Zukunft wünschen sie sich eine gemeinsame eigene Wohnung in der Nähe der Klinik, sagt Gaede-Sing. Denn beide haben sich an diesem Ort nicht nur kennengelernt, sondern dort auch ihre Arbeit und Freunde gefunden.

Von Charlotte Morgenthal (epd)

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