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Bild: AllzweckJack / photocase.com

Organisierte Sterbehilfe: Segen oder Kommerz?

Tagesthema 14. November 2012

Tacheles. Talk am roten Tisch - Die Talkshow der evangelischen Kirche

Stellungnahmen im Vorfeld der Talkshow

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Logo von Tacheles

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, hat sich klar gegen eine gewerbliche Sterbehilfe gewandt. „Wir müssen einen am Geld orientierten, kaltschnäuzigen Egoismus beim Umgang mit dem Tod verhindern“, schreibt er in einer Internet-Kolumne für die evangelische Fernseh-Talkshow „Tacheles“ vor der Aufzeichnung. Die Kolumne wird auch in der Evangelischen Zeitung veröffentlicht.

Die Talkshow steht unter der Überschrift: „Organisierte Sterbehilfe: Segen für Leidende oder tödlicher Kommerz?“

In Deutschland dürfe es kein Geschäft sein, Menschen dabei zu helfen, sich umzubringen, schrieb Schneider. Christen hätten die Aufgabe, die Würde der Sterbenden zu achten und die Unverfügbarkeit des Lebens anderer Menschen zu wahren. Nach Ansicht des Vorsitzenden des Sterbehilfevereins Dignitas-Deutschland, Ludwig Minelli, geht es nicht ums Geschäft, sondern um die Menschenwürde. Jeder Mensch müsse selbst über seinen Tod entscheiden dürfen.

Die landeskirchlichen Internetseiten dokumentieren die beiden Stellungnahmen.

Präses Nikolaus Schneider: Keine Geschäfte mit dem Tod

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Aufzeichnung der evangelischen Fernseh-Talkshow „Tacheles“ mit dem Thema „Organisierte Sterbehilfe: Segen für Leidende oder tödlicher Kommerz? “ Zu den Mitdiskutanten gehört Präses Nikolaus Schneider (li.), Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Neben ihm Moderator Jan Dieckmann (re.)Bild: Jens Schulze / epd-Bild

In Deutschland darf es kein Geschäft sein, Menschen dabei zu helfen, sich umzubringen. Wir müssen einen am Geld orientierten, kaltschnäuzigen Egoismus beim Umgang mit dem Tod verhindern. Als Christinnen und Christen haben wir die Aufgabe, die Würde der Sterbenden zu achten und die Unverfügbarkeit des Lebens anderer Menschen zu wahren.

Organisationen wie Dignitas, deren erklärtes Ziel es ist, Menschen beim Sterben zu beraten und ihnen sogar dabei zu helfen, sich selber umzubringen, betrachte ich mit großer Sorge. Hier müssen wir eine klare Grenze ziehen. Erfreulicherweise soll in Deutschland nun die kommerzielle Sterbehilfe verboten werden.

Und klar muss bleiben – im ärztlichen Ethos und im Bewusstsein unserer Gesellschaft: Ärzte sollen Menschen heilen oder auch beim Sterben begleiten, aber nicht den Tod herbeiführen.

Wenn Angehörige mit dem Sterbewunsch von Vater oder Mutter konfrontiert werden, hilft uns allerdings kein Strafrecht weiter. Meine Lebenserfahrung und meine Jahre als Gemeindepastor haben mir gezeigt, dass die Menschen, die den Betroffenen persönlich sehr nahe stehen, mit dieser Extremsituation im Geist der Liebe meist sehr verantwortlich umgehen.

Das Leben ist ein Geschenk Gottes. Freude ist ebenso ein Teil des Lebens wie Leid, und den Leidenden ist Gott besonders nah. Daher sollten wir uns um ein Sterben ohne Qual bemühen, wie es in der Palliativmedizin geschieht. Zu Recht gibt es in der christlichen Ethik keine Verpflichtung des Menschen zur Lebensverlängerung um jeden Preis. Es gibt kein Gebot, die Möglichkeiten der Medizin bis zum Letzten auszuschöpfen. Einen Menschen sterben zu lassen, wenn keine Heilung mehr möglich ist und er dies vorher in seiner Patientenverfügung so verfügt hat, ist richtig. Nicht zu rechtfertigen ist dagegen die aktive Sterbehilfe. Diese Grenze müssen wir aufrechterhalten.

Präses Nikolaus Schneider, Vorsitzender des Rates der EKD (aus: Evangelische Zeitung)

Ludwig A. Minelli: Jeder darf entscheiden, wie er sterben will

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Ludwig Minelli (Foto), Vorsitzenderder Sterbehilfeorganisation Dignitas, bei der Aufzeichnung der Talkshow „Tacheles“ in der Marktkirche, hannover. Bild: Jens Schulze / epd-Bild

Seit Jahren zeigen Umfragen, dass eine große Mehrheit der deutschen Bevölkerung die Ermöglichung einer vernünftigen Sterbehilfe wünscht. Doch ebenfalls seit Jahren verweigert die große Politik nur schon die Debatte über dieses Thema, geschweige denn eine entsprechende gesetzliche Regelung.

Joachim Gauck hat vor seiner Wahl ins höchste Staatsamt zahlreiche Briefe von Männern und Frauen aus Deutschland erhalten. Sie haben ihn gebeten, sich dieses Themas anzunehmen. Erfolglos. Der Herr Bundespräsident hielt diese Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht einmal einer Antwort für würdig. Stattdessen hält er Sonntagsreden über „Freiheit und Verantwortung“.

Wenn Menschen am Lebensende ihre Freiheit und Verantwortung ausüben wollen, werden sie von der deutschen Politik gezwungen, in die Schweiz auszuweichen. Jetzt soll das per Gesetz noch erschwert werden. „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen!“ Eigentlich fehlt nur noch der Schießbefehl.

Nein, Deutschland ist keine Demokratie. Solange Politiker aller Parteien über Jahrzehnte diesen wichtigen Mehrheitswunsch nicht erfüllen, kann dem Land diese Qualifikation nicht bescheinigt werden.

Die deutsche Politik wird von nackten Interessen beherrscht, allemal wirtschaftlichen: Die evangelische und katholische Kirche halten ein Drittel der Krankenhäuser und -betten, und die müssen rentieren. Die deutsche Pharmaindustrie will mit Todkranken die enormen Umsätze und Gewinne pro Jahr vervielfachen; da darf kein potentieller Patient fehlen oder sich gar dem Leben entziehen. Selbst wenn er unmenschlich leiden muss.

Die überaus erfreuliche Tatsache, dass Menschen immer länger leben können, bewirkt, dass sich viele alte und viele sehr alte Menschen mit schwer belastenden Krankheiten auseinandersetzen müssen. Heimtückische neurologische Krankheiten setzen auch jüngeren schwer zu.

In dieser Lage will ein ganz kleiner Teil dieser Menschen sich weitere Leiden ersparen. Sie verlangen endlich nach der Möglichkeit, ihr Leben sicher und schmerzfrei selbst beenden zu dürfen.

Ludwig Minelli, Vorsitzende des Schweizer Sterbehilfe-Vereins „Dignitas“ (aus: Evangelische Zeitung)

Umfrage: Mehrheit befürwortet Sterbehilfe durch Ärzte

Eine Mehrheit der Deutschen befürwortet nach einer emnid-Umfrage die Sterbehilfe durch Ärzte. 65 Prozent der Bevölkerung sprächen sich dafür aus, man sollte nur Ärzten erlauben, Schwerstkranken bei der Selbsttötung zu helfen, teilte die Redaktion der Fernsehsendung „Tacheles“ am Dienstag unter Berufung auf die Erhebung mit. Nur eine kleine Minderheit von zwölf Prozent unterstütze die Pläne der Bundesregierung, gewerbliche Sterbehilfe generell unter Strafe zu stellen. Die christliche Talkshow zum Thema Sterbehilfe sollte am Dienstagabend in Hannover aufgezeichnet werden.

Für Sterbehilfeorganisationen wie „Exit“ oder „Dignitas“ gibt es laut Umfrage wenig Rückhalt. Lediglich 19 Prozent wollten die Zulassung von gewerblichen Organisationen, die Schwerstkranken beim Suizid helfen. Die Demoskopen von emnid (Bielefeld) befragten den Angaben zufolge im Auftrag der Evangelischen Zeitung und der Evangelischen Kirche im NDR mehr als 500 repräsentativ ausgewählte Personen ab 14 Jahren.

Der Gesetzesentwurf der Bundesregierung sieht vor, dass, wer mit Beihilfe zum Suizid Geld verdient, mit zu drei Jahren Gefängnis oder einer Geldstrafe bestraft wird. Es wird daneben aber betont, dass Suizidbeihilfe von Angehörigen, Freunden oder anderen „nahe stehenden Personen“ nicht geahndet wird. Dieser Absatz sorgte für Kritik von Kirchenvertretern, Patientenschützern, Ärzten und Unionspolitikern, weil nach Auffassung des Ministeriums auch Mediziner oder Pflegekräfte darunter fallen können.

epd - auf Grund einer Umfrage, die die Evangelische Zeitung und Tacheles in Auftrag gegeben haben.

bei Tacheles im Internet mitreden

Schneider: Thesen von Minelli sind „abwegig“

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Walter Fesenbeckh, Theologe und Freitodbegleiter, bei der Aufzeichnung der Talkshow „Tacheles“ in der Marktkirche Hannover. Bild: Jens Schulze / epd-Bild

Die Arbeit von Sterbehilfe-Organisationen hat in der evangelischen Fernseh-Talkshow „Tacheles“ einen heftigen Streit ausgelöst. Der Vorsitzende des Schweizer Sterbehilfe-Vereins „Dignitas“, Ludwig Minelli, erhob schwere Vorwürfe gegen Kirchen, Ärzte und die Pharma-Industrie. Diese wollten aus ökonomischen Gründen verhindern, dass die organisierte Sterbehilfe in Deutschland Fuß fasse, sagte er bei der öffentlichen Aufzeichnung der Talkshow am Dienstagabend in der Marktkirche in Hannover. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, nannte Minellis Thesen „abseitig“.

Ein Drittel der deutschen Krankenhäuser sei in den Händen der großen Kirchen, sagte Minelli. „Die sind daran interessiert, dass die Betten voll sind.“ In der teilweise turbulenten Debatte, in der er sogar mit dem Verlassen des Podiums drohte, fügte der Schweizer hinzu: „Die Pharma-Industrie ist interessiert am alt gewordenen Menschen.“ Die Erwartungen an die schmerzlindernde Palliativmedizin seien allerdings völlig überzogen.

Bernd Busemann: Geschäftemacherei problematisch

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Bernd Busemann, Justizminister des Landes Niedersachsen, bei der Aufzeichnung der Talkshow „Tacheles“ in der Marktkirche, Hannover. Bild: Jens Schulze / epd-Bild

Niedersachsens Justizminister Bernd Busemann (CDU) sagte, die unentgeltliche Beihilfe zum Suizid im privaten Umfeld solle straffrei bleiben. Problematisch werde es, „wenn Gewinnabsicht dahintersteht, wenn Ehrenwertes vermischt wird mit Geschäftlichem“. Es gebe auch versteckte Methoden, Geschäfte zu machen, etwa „raffinierte Vereinskonstruktionen“ oder Spendenmodelle. In Deutschland ist bislang die aktive Sterbehilfe - die Tötung auf Verlangen - verboten, die Beihilfe zum Suizid aber straffrei. Die Gesetze sollen demnächst präzisiert werden.

Der EKD-Chef Schneider betonte, für ihn werde mit dem Suizid eine ethische Grenze überschritten. „Die Freiheit, die wir haben, ist eine Freiheit zum Leben und nicht eine Freiheit zum Tode.“ Allerdings habe die Kirche in der Vergangenheit häufig ungerecht über Menschen geurteilt, die sich selbst töteten, räumte Schneider ein.

epd

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