2012_11_14

Bild: kallejipp / photocase.com

4. Medientag der Landeskirche

Tagesthema 13. November 2012

Wo schaut Kirche heute „dem Volk aufs Maul“?

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Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach von der Agentur „achtung!“. Blogger, Kommunikator, studierter Theologe, Verkäufer referiert. Bild: EMSZ / Christian Weisker  

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach hält Facebook für die „beste Arena für Mission“. Beim vierten Medientag der Landeskirche riet der Medienexperte Landesbischof Ralf Meister, sein bei Amtsantritt gelöschtes Konto auf dieser „social-media“-Plattform im Internet wieder aufleben zu lassen.

Alle Pastoren, „Bischöfe sowieso“, gehörten in soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook, sagte der Abteilungsleiter der Agentur „achtung!“, der auch theologisch ausgebildet wurde. Jeder zweite Erwachsene und „115 Prozent aller Jugendlichen“ seien bei Facebook, wer mit ihnen Kontakt halten wolle, müsse sich im „social web“ engagieren.

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Landesbischof Ralf Meister argumentiert engagiert, Moderator Oskar Tiefenthal von der Evangelischen Journalistenschule in Berlin hört interessiert zu. Bild: EMSZ / Christian Weisker

Meister betonte, dass ihm eine „Bedachtsamkeit im Umgang mit Sprache“ wichtig sei. Wenn Luther rate, dem Volk „aufs Maul zu schauen“, müsse heute die Frage gestellt werden, wo dies geschehe. Er habe sich bei Facebook abgemeldet, weil die Kommunikation dort nicht seinem Anspruch an Sprache gerecht werde. Eine Beteiligung an Facebook „im Dienste der Kirche, des Evangeliums“ halte er nur für vertretbar, wenn man die „digitale Fremdspache“ beherrsche (auch wenn niemand alle ihre „Dialekte“ kenne) und wenn die Qualität stimme. Zudem, so Meister, sei er im Internet präsent mit dem Auftritt der Landeskirche. Diese sei zwar gut, sagte Lünenbürger-Reidenbach, aber eher ein „Intranet“ für kirchennahe Menschen.
„Tolle Arbeit“ habe sie im Netz gefunden, berichtete die Bremer Professorin Kerstin Rede-Antweiler, allerdings vor allem von der katholischen Kirche oder Einzelpersonen. Die Religionswissenschaftlerin wünschte sich „mehr Engagement der evangelischen Kirche.“ Wenn es ohne Kommunikation keine missionarische Kirche geben könne, dann müsse sie sich jeder Kommunikation bedienen, eben auch der sozialen Plattformen im Internet.

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Ralf Peter Reimann von der Internetarbeit der Evangelischen Kirche im Rheinland. Bild: EMSZ / Christian Weisker

Der Internetbeauftragte der rheinischen Kirche, Pastor Ralf Peter Reimann, riet den Kirchen, Personal freizustellen, um auf kirchenfremden Plattformen mitzudiskutieren. „Die Netz-Community ist atheistisch. Wenn wir uns auf diesen Markplatz von Menschen, die nicht den Dialog mit uns suchen, begeben wollen, müssen wir fit sein.“ Er verwies auf das Beispiel Finnland, wo die lutherische Kirche seit drei Jahren ihre Pastoren und Jugendleiter für Facebook und Co. ausbilde. „So baut man Gemeinde auf.“

Der Medientag der Landeskirche fand in der Osnabrücker Katharinen-Gemeinde statt. Im Auftakt-Gottesdienst warnte Landessuperintendent Burghard Krause vor den Gefahren sozialer Plattformen: „Wo bleibt das Recht auf Vergessen?“ Auch der Begriff „Freunde“ werde dort inflationär gebraucht und werte ihn ab. Mediendezernent Rainer Kiefer räumte ein, dass der Landeskirche noch ein Konzept fürs „social web“ fehle, dass aber zum Beispiel Konfirmanden künftig wohl nur noch so zu erreichen seien.

Von Michael Eberstein (Evangelische Zeitung)

Experte ruft Pastoren auf: Geht zu Facebook!

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Miteinander reden - aufeinander hören. Bild: EMSZ / Christian Weisker

Der Hamburger Medien-Experte Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach hat die Pastoren in der evangelischen Kirche aufgefordert, über soziale Netzwerke zu kommunizieren. 50 Prozent der Erwachsenen und alle Jugendlichen seien bei Facebook, sagte der Blogger und Abteilungsleiter der Agentur „achtung!“ am Montag bei einem Medientag der hannoverschen Landeskirche in Osnabrück: „Das ist die beste Arena für Mission.“ Landesbischof Ralf Meister zeigte sich dagegen skeptisch, ob er sein bei Amtsantritt abgemeldetes Facebook-Konto wieder aktivieren werde.

Er wolle sich nicht vom „Kommunikations-Tsunami“ mitreißen lassen und Banalitäten verbreiten, sagte der evangelische Bischof. Er sei fasziniert von den Möglichkeiten sozialer Netzwerke und gleichzeitig zutiefst misstrauisch hinsichtlich der Gefahren. Es komme immer häufiger vor, dass Menschen in sozialen Netzwerken systematisch zerstört würden. Er halte deshalb zunächst eine Debatte über ethische Fragen mit Blick auf das Internet für unverzichtbar. Zudem vermisse er gerade bei Kindern eine Kommunikation von Angesicht zu Angesicht und den Sinn „für die Verzauberung beim Niederfallen von Herbstlaub“.

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Die Reihen fast gefüllt. Bild: EMSZ / Christian Weisker

Lünenbürger-Reidenbach, der auch Theologie studiert hat, widersprach dieser Wahrnehmung. Studien belegten, dass Menschen, die sich häufig in Facebook oder Twitter aufhielten, grundsätzlich kommunikative Typen seien. Es gebe bereits Pastoren, die Facebook etwa nutzten, um mit Konfirmanden im Gespräch zu bleiben. Anders seien die meisten Jugendlichen gar nicht mehr erreichbar.

Es reiche nicht aus, sich als Institution im Netz zu präsentieren, sagte der Blogger. Kommunikation sei immer auf Menschen bezogen. Deshalb müssten gerade prominente Kirchenvertreter auch persönlich im Netz präsent sein.

Die Religionswissenschaftlerin Kerstin Radde-Antweiler und der Internetbeauftragte der Evangelischen Kirche im Rheinland, Ralf Peter Reimann, plädierten dafür, Pastoren fitzumachen für soziale Netzwerke und dafür auch Geld bereitzustellen. Die Kirchen in Skandinavien oder auch England lieferten dafür gute Beispiele.

epd

Religionswissenschaftlerin: Kirche kommt an Facebook nicht vorbei

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Professorin Kerstin Radde-Antweiler vom Universitätsinstitut für Religionswissenschaft/-pädagogik in Bremen. Bild: EMSZ / Christian Weisker  

Die Kirchen kommen nach Ansicht der Bremer Religionswissenschaftlerin Kerstin Radde-Antweiler an modernen Medien wie Facebook nicht vorbei. „Die Kommunikationswege haben sich geändert, eine missionarische Kirche wird sie nutzen müssen“, sagte sie am Montag im epd-Gespräch am Rande des 4. Medientags der hannoverschen Landeskirche in Osnabrück.

In der evangelischen Kirche beobachte sie eine gewisse Zurückhaltung gegenüber den modernen Medien, obwohl schon Martin Luther seinerzeit mit dem Buchdruck die modernsten Medien genutzt habe, sagte die Professorin der Universität Bremen. Viele Kirchengemeinden hätten statische und langweilige Internet-Seiten. „Die Katholiken sind dagegen viel weiter und kreativer.“

Die evangelische Kirche müsse sich darüber klarwerden, wen sie erreichen wolle. Das Internet und die sozialen Netzwerke wie Facebook oder Twitter seien längst nicht mehr eine Domäne junger Menschen. „Viele Senioren sind im Netz aktiv. Allerdings sind es technisch interessierte Menschen.“

Außerdem nutzten viele Esoteriker das Netz. Dort vermischten sich christlicher Glaube und esoterische Vorstellung. „Die Menschen berichten, was sie persönlich glauben - unabhängig von theologischen Lehrmeinungen“, sagte Radde-Antweiler. So gebe es in einigen Foren eine lebhafte Diskussion über das Wesen von Engeln.

In den Internet-Foren wird nach Beobachtungen der Religionswissenschaftlerin ein Bedürfnis nach Spiritualität deutlich. Wenn die Kirche diese Menschen erreichen wolle, müsse sie ihre Aktivitäten im Netz deutlich verbessern. Radde-Antweiler warnte vor halbherzigen Lösungen: „Wenn Kirche im Netz aktiv sein will, muss sie das professionell tun und dafür Geld in die Hand nehmen.“

Dazu gehöre auch der verantwortungsvolle und wertschätzende Umgang mit den Menschen in den Kirchengemeinden, die sich um den Internet-Auftritt kümmern, mahnte die Professorin. Oft seien dies Einzelpersonen, die nur wenig Unterstützung erhielten.

epd-Gespräch: Jörg Nielsen (epd)