2012_10_09

Bild: Jens Schulze

Auf den Spuren verschollener Noten

Tagesthema 12. November 2012

Das Europäische Zentrum für Jüdische Musik wird 20 Jahre alt

In einer Villa in Hannover soll eine ganze Epoche jüdischer Musik wieder neu erklingen. Professor Andor Izsák sammelt dort Noten, die in der Reichspogromnacht 1938 vor den Flammen gerettet wurden.

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Andor Izsák (rechts), Direktor des Europäischen Zentrums für jüdische Musik (EZJM) steht mit Yona Metzger, Oberrabbiner des Staates Israel, vor dem Porträt Siegmund Seligmanns von Max Liebermann in der Villa Seligmann in Hannover. Bild: Jens Schulze / epd-Bild

Mindestens zwei Mal wagte sich Oberkantor Nathan Saretzki in der Nacht des 9. November 1938 in die brennende Hauptsynagoge von Frankfurt am Main. Unter Einsatz seines Lebens rettete er in der Reichspogromnacht wertvolle Notenbände mit Werken jüdischer Komponisten aus den Flammen. „Soviel wie er tragen konnte“, erzählt der Musikwissenschaftler Andor Izsák. Insgesamt waren es 24 Kilo. 74 Jahre später gehören die Noten zum Kern einer Sammlung des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik in Hannover, das am 17. November sein 20-jähriges Bestehen feiert. Zum Festkonzert wird unter anderem Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) erwartet.

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Das in der Villa Seligmann ansässige Institut feiert am 17. November sein 20-jähriges Bestehen. Zu den Schmuckstücken gehört die frühere Synagogenorgel von Berlin, die Izsák in einer katholischen Kirche in Rheinland-Pfalz aufgespürt hat. Bild: Jens Schulze / epd-Bild

Institutsleiter Izsák (68) hat es sich zum Lebensziel gemacht, die Musik der zerstörten Synagogen wieder zum Klingen zu bringen. „Fast alle Zeugnisse jüdischer Kultur, die ich verehre, wurden vernichtet“, sagt er. Doch damit will Izsak sich nicht abfinden. Mit schier unerschöpflicher Energie forscht er seit Jahrzehnten nach musikalischen Dokumenten aus jener Zeit, die den Holocaust überdauert haben. Diese Stücke wieder hörbar zu machen, erfüllt ihn mit Freude und Stolz: „Das ist für mich eine Genugtuung, eine Art Triumph über die Nazis.“

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Andor Izsák, Direktor des Europäischen Zentrums für jüdische Musik (EZJM), dirigiert den Europäischen Synagogalchor in der Villa Seligmann in Hannover. Bild: Jens Schulze / epd-Bild

In vielen deutschen Synagogen war die Musik zwischen 1810 und 1938 von der Orgel und vom Chorgesang geprägt - ähnlich wie die christliche Kirchenmusik. In Ungarn, wo Izsák als Sohn orthodoxer Juden aufwuchs, lebte diese Tradition auch nach 1945 fort. Izsák ließ sich bereits als 13-Jähriger davon faszinieren, als er die Orgel in der Großen Synagoge von Budapest kennenlernte. Jahrelang spielte er darauf.

Doch 1967 verboten ihm die sozialistischen Machthaber in Ungarn das Orgelspiel, weil sie nach dem Sechstage-Krieg Israels in jedem Juden einen Zionisten witterten. 1982 siedelte der inzwischen studierte und etablierte ungarische Musiker nach Augsburg um, wo seine Frau eine Stelle als Professorin erhalten hatte. In Deutschland erwartete er nun, in den Synagogen die geliebte Musik seiner Jugend zu hören. „Aber ich fand sie nicht. Da habe ich angefangen, die Spuren zu sichern.“

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Andor Izsák (links), Direktor des Europäischen Zentrums für jüdische Musik (EZJM) zeigt Yona Metzger, Oberrabbiner des Staates Israel, Anfang des Jahres die frisch restaurierte Villa Seligmann in Hannover. Bild: Jens Schulze / epd-Bild  

In Deutschland, Europa und sogar in Übersee spürte er verschollenen Noten nach. Inzwischen melden sich viele Besitzer von selbst bei ihm. So wie der Sohn des Frankfurter Oberkantors Nathan Saretzki. Dessen Vater, 1944 in Auschwitz ermordet, hatte die aus den Flammen geretteten Blätter christlichen Freunden übergeben. 16 Bände, teilweise von Hand geschrieben. „Heben Sie das gut auf“, soll er gesagt haben. 52 Jahre lang lagen die Noten in einem Keller, dann gab sie der Sohn des Kantors an Andor Izsák. „Es war, als hätte mich der Hauch der Geschichte berührt“, erzählt der Professor.

1988 gründete er in Augsburg ein ehrenamtlich geführtes Vorläufer-Institut seines heutigen Zentrums. Nach einem Umzug nach Hannover wurde es 1992 fester Bestandteil der dortigen Hochschule für Musik und Theater. Anfang 2012 konnte das Zentrum in die Villa des früheren jüdischen Industriellen Siegmund Seligmann (1853-1925) ziehen. Politiker und Sponsoren machten viel Geld dafür locker. Kirchen und Bühnensäle öffneten ihre Türen für Konzerte. Nur die Synagogen tun sich schwer mit der Musik von früher, dort werden heute andere Stile gepflegt.

Wissenschaftler werden Izsaks Bestände in den kommenden Jahren auswerten. Noch lagern viele Mappen und Blätter ungeordnet in den Regalen. Doch Izsák blickt zufrieden auf die Stapel: „Die Musik der Synagogen ist wieder salonfähig geworden.“

Von Michael Grau (epd)

Zentrum für Jüdische Musik zeigt gerettete Notensammlung

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Das restaurierte Haus des jüdischen Industriellen und früheren Continental-Direktors Siegmund Seligmann (1853-1925) wird im Januar 2012 als Sitz des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik der Hochschule für Musik und Theater Hannover wiedereröffnet auf dem Bild: Andor Izsák (rechts), Direktor des Europäischen Zentrums für jüdische Musik (EZJM). Bild: Jens Schulze / epd-Bild

Das Europäische Zentrum für Jüdische Musik in Hannover zeigt erstmals eine Ausstellung in seinem neuen Domizil in der Villa Seligmann. Unter dem Titel „Heben Sie das gut auf!“ dokumentiert sie seit Donnerstag bis zum 1. Dezember die historische Notensammlung des Oberkantors der Hauptsynagoge in Frankfurt/Main, Nathan Saretzki (1887-1944), wie das Zentrum mitteilte. Saretzki rettete in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 unter Einsatz seines Lebens wertvolle Noten und Handschriften aus der brennenden Synagoge. „Soviel wie er eben tragen konnte“, erläuterte das Zentrum.

Später übergab er sie einer befreundeten christlichen Familie mit der Bitte, die Dokumente sorgfältig aufzubewahren. Die Noten überdauerten die Bombennächte des Krieges und lagerten 52 Jahre lang in einem Keller in Wiesbaden. Die Nachkommen der Familie stießen schließlich durch einen Zufall bei der Frankfurter Buchmesse auf den Sohn des Oberkantors und übergaben ihm das Bündel mit 16 Bänden. Dieser wiederum vermachte es dem Direktor des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, Professor Andor Izsák. 1998 wurden die Dokumente im Landtag feierlich übergeben.

Heute gehören sie zum Kernbestand der Sammlungen des Zentrums, das am 17. November in Hannover sein 20-jähriges Bestehen feiert. Das Zentrum erforscht und sammelt Noten jüdischer Musikwerke, die 1938 in der Reichspogromnacht zerstört wurden. Es eröffnete im Januar sein neues Domizil in der Villa des des früheren jüdischen Industriellen und Continental-Direktors Siegmund Seligmann (1853-1925).

Die Ausstellung dokumentiert in Vitrinen die wertvollsten Drucke und Original-Handschriften und erläutert auf Schautafeln die Zeitumstände. Der Oberkantor Nathan Saretzki wurde 1944 in Auschwitz ermordet.

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