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Bild: ekd

Reformation ist Weltbürgerin

Tagesthema 09. November 2012

Evangelische Kirche plant für Reformationsjubiläum 2017

Fünf Jahre vor dem Reformationsjubiläum beriet die EKD-Synode über die Feiern in 2017. Mit Gott-Vergessenheit will sich das Kirchenparlament nicht abfinden. Auch soll die innerprotestantische Ökumene gestärkt werden.

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Der Blick in die Weite - Timmendorfer Strand. Bild: ekd.de

Die evangelische Kirche nimmt Kurs auf das 500. Reformationsjubiläum im Jahr 2017. Zum Abschluss ihrer Jahrestagung beschloss die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine Erklärung mit dem Titel „Am Anfang war das Wort...“, mit der das Kirchenparlament für eine Wiederbelebung des Glaubens wirbt. Außerdem verabschiedete die Synode im Ostseebad Timmendorfer Strand Erklärungen zum Rechtsextremismus und verlangte einen menschlicheren Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland.

In fünf Jahren begehen die protestantischen Christen den 500. Jahrestag des Thesenanschlags Martin Luthers (1483-1546) an die Schlosskirche zu Wittenberg. Die Veröffentlichung der 95 Thesen zu den damaligen Verhältnissen in der Kirche gilt als Ausgangspunkt der weltweiten Reformation.

In der Kundgebung der Synode zum Reformationsjubiläum heißt es, für viele Menschen sei Gott heute „kein Thema mehr“: „Damit können wir uns nicht abfinden.“ Die Erklärung stellt heraus, dass das Jubiläum 2017 international begangen werden soll. „Die Reformation ist Weltbürgerin geworden. Sie gehört allen“, erklärt das Kirchenparlament in den theologischen Impulsen: „Wir freuen uns auf ein Jubiläum, das wir gemeinsam mit den Kirchen in Europa und weltweit feiern wollen.“

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Der Hamburger Propst Horst Gorski bringt den Kundgebungsentwurf vor der 11. Synode ein. Er machte deutlich, dass die Nachfolge Christi mit einem Wagnis beginne: „Ein Wagnis bringt die Wende: ,aber auf dein Wort...‘. Simon Petrus und die anderen Fischer vertrauen dem Wort Jesu. Das ändert alles. Den Fang, den Tag, das Leben.“ Bild: ekd.de

Ausdrücklich weist die Erklärung auf die Schattenseiten in der Reformationsgeschichte hin: „Der Reformation war die Toleranz in die Wiege gelegt - allzu oft blieb sie dort liegen.“ Unter anderem werden „Martin Luthers Ausfälle gegen die Juden oder gegen die Bauern im Bauernkrieg“ erwähnt.

Synodenpräses Katrin Göring-Eckardt äußerte sich optimistisch zur geplanten Einbeziehung der katholischen Kirche in die Feiern zum Reformationsjubiläum. Das evangelische Kirchenparlament habe den „großen Wunsch“ deutlich gemacht, den 500. Jahrestag des Thesenanschlags in fünf Jahren ökumenisch zu feiern, sagte Göring-Eckardt zum Abschluss der viertägigen Beratungen. In Gesprächen mit der katholischen Seite sei erkennbar geworden, dass es „durchaus Brücken gibt“, über die Protestanten und Katholiken gemeinsam gehen könnten.

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Im medialen Blick: Präses Katrin Göring-Eckardt bei der Pressekonferenz. Bild: ekd.de

Bereits seit 2008 weist die evangelische Kirche mit Veranstaltungen im Rahmen der sogenannten Lutherdekade auf die Feiern im Jahr 2017 hin. Bei der Synodentagung in Timmendorfer Strand sprach sich der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider dafür aus, den Jubiläums-Reformationstag am 31. Oktober 2017 zum bundesweiten Feiertag zu erklären. Derzeit ist der Reformationstag nur in den ostdeutschen Ländern mit Ausnahme Berlins arbeitsfrei.

Die EKD-Synode beklagte zum Abschluss ihrer Tagung die „Existenz rassistischer und extremistischer Einstellungen in unserer Gesellschaft“. Auch äußerte sich das Kirchenparlament zur schleppenden Aufklärung der im vergangenen Jahr aufgedeckten rechtsextremen Mordserie. Es sei beschämend, dass jahrelang im Umfeld der Opfer und ihrere Angehörigen nach den Tätern gesucht wurde.

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Blick vom Plenum zum Präsidium. Bild: ekd.de

Zum Umgang mit Asylbewerbern erklärte das Kirchenparlament, das Asylverfahren müsse fairer gestaltet werden. Die Residenzpflicht und das Arbeitsverbot sollten abgeschafft werden.

In getrennten Sitzungen beschlossen die konfessionellen Bünde in der EKD, die innerprotestantische Ökumene zu vertiefen. Danach soll das Miteinander von unierten und lutherischen Kirchen sowie der EKD weiterentwickelt werden. Als erste Schritte sind eine Auswertung des bisherigen Verbindungsmodells und Vorschläge zu dessen Weiterentwicklung vorgesehen. Zudem sollen alle Beteiligten in theologischen Gesprächen Fortschritte auf der Ebene der kirchlichen Bekenntnisse anstreben. Die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) vereint sieben lutherische Landeskirchen mit rund zehn Millionen Gemeindemitgliedern. Die Union Evangelischer Kirchen umfasst zwölf Landeskirchen.

epd

„Die Reformation geht weiter“
Katrin Göring-Eckardt zieht positive Bilanz der Synodaltagung 2012

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Die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Katrin Göring-Eckardt. Bild: ekd.de

Zum Abschluss der 5. Tagung der 11. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat die Präses der Synode, Katrin Göring-Eckardt, eine positive Bilanz gezogen.

„Die Synode freut sich auf das Reformationsjubiläum 2017 und sie will sich aktiv an der Gestaltung beteiligen“, sagte die Präses am Mittwoch, 7. November. „Hier aus Timmendorfer Strand geht das Signal aus: Die Synode der EKD lädt alle Menschen in Ost, West, Nord und Süd ein, sich gemeinsam mit uns auf den Weg zum Reformationsjubiläum zu machen. Auf dieser Tagung haben wir uns insbesondere der theologischen Vorbereitung gewidmet.“ Die Kundgebung, die die Synode am Mittwoch verabschiedet hat, solle Anlass und Ausgangspunkt weiterer Diskussionen in den Gemeinden und Kirchenkreisen sein. In der Halbzeit der Lutherdekade könne man feststellen, dass die evangelische Kirche in Bewegung ist. „Die Reformation geht weiter.“

Gestaltungsfreude und die Bereitschaft zur Weiterarbeit an der Reformation seien in verschiedenen Bereichen deutlich geworden. „Ich glaube, dass eine Synode sich immer mehr findet - und da sind wir mittlerweile auf einem sehr guten Niveau. Die Synode sucht sich ja immer auch Themen selbst - dieses Jahr war es das Zusammenwirken von EKD, VELKD und UEK. Beeindruckend war die Intensität der Debatten bei großer gegenseitiger Sensibilität; in diesem Geist wollen wir weiterarbeiten. Wir wollen in theologischen Gesprächen auch auf der Ebene der Bekenntnisse weiter kommen und das Zusammenwirken in der EKD weiter entwickeln.“ Es sei vielen Synodalen die Freude abzuspüren gewesen, dass etwas in Bewegung geraten sei, das allen, auch der Synode der EKD, Veränderungen abverlangen wird.

Reformbereitschaft sehe man ganz konkret auch am Beispiel des Haushalts, der für das Jahr 2013 erstmals auf der Basis des neuen kirchlichen Finanzmanagements konzipiert wurde. Darüber hinaus berät die Synode am Mittwochnachmittag weitere Beschlussanträge, unter anderem zum Thema Rechtsextremismus, zum Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland und zum Thema Nahrungsmittelspekulation.

Mit dem Thema Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft werde sich die Tagung bei der nächsten Tagung im November 2013 in Düsseldorf noch intensiver beschäftigen, dann heißt das Schwerpunktthema „Es ist genug für alle da“.

Pressestelle der EKD, Silke Römhild

Die Kundgebung im Wortlaut: Theologische Impulse auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017 - „Am Anfang war das Wort...“

Landesbischof Ralf Meister in der Aussprache zum Kundgebungsentwurf

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Ralf Meister. Bild: epd-Bild

Lieber Horst Gorski, herzlichen Dank an die Arbeitsgruppe, die diesen Entwurf gemacht hat, aber auch ganz herzlichen Dank für die Art des Einbringens.
Es hat Freude gemacht, Ihnen zuzuhören und man hat von der Leidenschaft, mit der gearbeitet wurde und von den Disputen, die geführt wurden, etwas gespürt. Ich fand das sehr belebend. Ich habe nur zwei Marginalien.

Die erste Marginalie: Auch wenn jemand Beschützer eines Textes ist, läuft es ja nicht wie in den Sprüchen: „Folget meinen Weisungen und lasset euch anhalten, sie nicht zu ändern!“ – Jeder, der einmal an einem solchen Kundgebungsentwurf gearbeitet hat, wird wissen, dass wir eingreifen.

Ich glaube, wir werden wahrscheinlich niemals mehr in den nächsten Jahrzehnten in der Geschichte der EKD die Chance haben, einen Text im Stil komplett anders zu schreiben. Von mir aus lasst ihn so. Aber niemals wird man mehr erwarten, dass es eine klarere, eindeutigere, provozierendere Sprache gibt in einem Entwurf, wenn wir über die Reformation und deren Aktualität sprechen als in diesem Text, den wir in dieser Synode verabschieden. Das ist die Marginalie. Ich glaube, dieser Text verträgt eine andere Sprache. Er ist systematisch klug aufgebaut, er hat einen Schluss, an dem man viel ändern kann. Aber er trägt in keiner Weise etwas von der Sprachdynamik, von einer rhetorischen Pointierung, die wir uns in diesem Zusammenhang klar erlauben dürfen und die man meines Erachtens sogar erwartet.

Nun wird es wahrscheinlich nicht dazu kommen, dass es uns gelingt, einen Entwurf zu machen, der mit einem guten Witz beginng. Aber wir haben die klassischen Zitationen in diesem Text. Das ist die zweite Marginalie. Wir haben die klassischen Zitationen der Schriften. Natürlich vermisst jeder, wenn wir über die Reformation nachdenken, etwas. Warum dann nicht, wenn wir uns keinen Witz trauen, eine theologische Pointierung, einen Einstieg aus den Tischreden? Warum nicht an dieser Stelle? Warum nicht den Mut, einmal etwas ganz Konventionelles, etwas sehr Kluges abzuliefern, in der rhetorischen Gewandtheit und in der theologischen Pointierung dessen, was den Geist der Zeit damals mitbestimmte?

Ich würde auffordern und provozieren, in der Bearbeitung des Textes etwas einzufügen, was eine klare Widersprüchlichkeit zum Vorgehen der katholischen Kirche bedeutet. Bitte vorsichtig, nicht so, wie man denkt, sondern eher methodisch. Wir erleben im Augenblick eine sehr intensive Debatte in der Auslegung des Zweiten Vatikanum. In der katholischen Kirche gibt es schon seit langem, aber mit besonderer Verve seit 2005, seit einer Äußerung von Papst Benedikt, einen Dissens, ob es sozusagen eine Fortschreibung und Interpretation des zweiten Vatikanums in einem Gestus der Diskontinuität oder der Kontinuität gibt. Die Konsequenz, wie Papst Benedikt das beschreibt, ist Ihnen völlig klar. In all den Auslegungstraditionen, in all den Debatten, die im Augenblick laufen, merkt man, dass es eine große Angst gibt in der katholischen Kirche, sozusagen die Dynamik des Geistes des Zweiten Vatikanums als Diskontinuität in der Geschichte ihrer Kirche zu beschreiben. Das Beispiel in der Debatte mit Kardinal Koch über die Apostolizität in der Kirche war ein wunderbares Beispiel für genau diese Argumentationslinie.

Ich fordere von uns in diesem Kundgebungsentwurf Mut zur Diskontinuität. Zu beschreiben, dass dies alles nur eine Fortsetzung mit anderen Mitteln ist, reicht nicht. Wir wissen, dass es eine existentielle Brucherfahrung bei den Reformatoren gibt. Wir wissen, dass es eine Grundbrucherfahrung war für viele Menschen, die dieser Form des Glaubens folgten. Wir wissen, dass es in sozialen, in politischen, in strukturellen Bewegungen des 16. Jahrhunderts und fortschreibend eine Brucherfahrung war für viele Menschen. Nicht im Text, sondern im Geist, nicht in Buchstaben, sondern in der Auslegung, nicht im Dogma, sondern im Pastoral und daraus Funken schlagend für das 21. Jahrhundert. Davon muss etwas in diesem Text lesbar werden.