2012_11_08

Bild: al73 / photocase.com

Die andere Wange hinhalten

Tagesthema 07. November 2012

Jesus fordert Respekt - Warum Christen auch die andere Wange hinhalten sollen

Gottfried Hutter
Gottfried Hutter. Bild: privat

Jesus sagt provokativ: „Wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“ (Matthäus 5,39). Was bedeutet dieser Vers? Klar ist, dass Jesus mit diesem Ausspruch Rache ausschließen will – wenn einer geschlagen wird, dann soll er die andere Wange hinhalten. Fordert Jesus hier tatsächlich nur Friedfertigkeit, ja Unterwürfigkeit? Was verbirgt sich hinter diesem Ausspruch?

Es geht Jesus nicht um den Buchstaben, es geht ihm – auch bei seinen eigenen Worten – um den Geist, um Bewusstheit. So auch, als er nach seiner Verhaftung vor dem Hohen Rat verhört wird. Ein Gerichtsdiener gibt ihm eine Ohrfeige. Jesus hält ihm nun aber nicht die andere Wange hin, sondern er fragt ihn, warum er ihn geschlagen hat.

Wenn einer seinem Angreifer nur buchstäblich die andere Wange hinhält, fehlt – möglicherweise – der Geist. Der Geist ist da, wenn er, wie Jesus es getan hat, bei seiner Wahrheit bleibt, wenn er diese Angriffsfläche weiterhin bietet, also weder flieht noch zum Gegenangriff übergeht, sondern wenn er sich nicht beirren lässt. Der Geist ist da, wenn er in dieser brisanten Situation den Respekt bewahrt vor sich selbst und vor seinem Angreifer – ebenso wie Jesus es getan hat, als er zu dem Gerichtsdiener sagte: „Habe ich etwas Unrechtes gesagt, so beweise es mir, habe ich aber recht geredet, warum schlägst du mich?“ (Johannes 18,23).

Respekt holt das Höchstmögliche aus einem Menschen heraus. Es geht dabei nicht um die Erfüllung eines moralischen Gebots, sondern um die Anerkennung der ganzen Tiefe der Realität. Wir können uns beim Handeln von Emotionen bewegen lassen – und damit eine endlose Spirale von Gewalt und Gegengewalt auslösen – oder wir können uns von der Wahrheit bewegen lassen, die uns sagt, dass wir beide Sprosse des Allerhöchsten sind und dass wir daher beide ein Recht haben, zu sein; dann wird diese Wahrheit durch unser Handeln sichtbar werden. Dann wird durch unser Handeln Licht in die Welt kommen.

„Warum tun Menschen üble Dinge?
Ausnahmslos nur,
weil sie vergessen haben,
wer sie sind – und weil sie
deshalb Angst haben.“

Was Jesus will, ist nicht das Befolgen einer äußerlichen Regel. Was er will, ist Bewusstheit. Äußerliche Regeln enthalten immer auch ein Stück Unbewusstheit, ein Stück Dunkelheit, ein Stück Zwang, so ideal die Regel auch sein mag. Der Geist dagegen ist frei und er respektiert auch den anderen als frei.

Am Karfreitag zeigt uns Jesus einen weiteren Aspekt dieses Geists. Als er ans Kreuz genagelt wird, betet er: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lukas 23,34). Wenn sie wüssten, was sie tun, würden sie das nicht tun. Hier ist das offensichtlich – aber das trifft auf alles Üble zu, das Menschen tun, ausnahmslos! Wenn Menschen wirklich wüssten, was sie da tun, würden sie es nicht tun.

Warum tun Menschen üble Dinge? Ausnahmslos nur, weil sie vergessen haben, wer sie sind – und weil sie deshalb Angst haben.

Wenn ein Mensch bei sich selbst ist, ist ihm bewusst, dass er eine göttliche Erscheinung ist – und er weiß damit auch, dass auch sein Gegenüber eine göttliche Erscheinung ist (vgl. Genesis 1,26). Und als solche wird er diese Erscheinung – und auch sich selbst – mit höchstem Respekt behandeln. Wenn ihm also Übles angetan wird, dann weiß er, dass die Täter nicht wissen, was sie tun. Dann wird er –selbstverständlich – keine Rache nehmen, sondern er wird Mitgefühl haben und alles tun, damit die Übeltäter eine Ahnung davon bekommen, wer sie sind.

Das „mein ist die Rache, spricht der Herr“ (Deuteronomium 32,35), braucht einem wirklich bewussten Menschen nicht gesagt werden. Ein wirklich bewusster Mensch weiß das. Er weiß sogar, dass es im Grund nichts zu verzeihen gibt. Alles, was es braucht, ist, dass die Angst verschwindet. Deshalb hat Jesus zu den Menschen, die ihm begegneten, als erstes immer gesagt: Hab keine Angst! Und das hat wahre Wunder bewirkt. Kranke wurden gesund und Übeltäter begannen ein ganz neues Leben.

So hat Jesus gehandelt und dieses Mitgefühl, dieser liebevolle Respekt ist auch von denen zu erwarten, die ihm nachfolgen. Wie sonst könnten sie Licht sein für die Welt?

Von Gottfried Hutter, Theologe und Psychotherapeut in München (aus: Evangelische Zeitung)

Wie süß ist die Rache?

startbild
Bild:  epd-bild / Alexander Stein / JOKER

Für Obama war es der „Tag der Abrechnung“. Er werde „Rache an Mitt Romney“ nehmen, hatte US-Präsident Barack Obama noch am Sonntag vor der Wahl angekündigt. Mit einem am Ende eindeutigen Vorsprung hat er sein Versprechen wahr gemacht. Eines Friedensnobelpreisträgers würdig waren diese im Wahlkampf-Endspurt angeschlagenen Töne allerdings nicht. Schließlich sind Rachegelüste, und seien sie auch noch so nachvollziehbar, schlechte Berater. Erst recht für einen künftigen US-Präsidenten, der die Gräben, die auf dem Weg ins Weiße Haus zwischen den politischen Lagern aufgerissen wurden, nun allesamt wieder mühsam schließen muss. Die „Evangelische Zeitung“ nimmt den wenig präsidiablen aber zutiefst menschlichen Wunsch nach „Rache“ zum Anlass genauer nachzufragen: Ist Rache wirklich süß? 

Mehr zum Thema „Rache“ in der Evangelischen Zeitung

Rachegelüste lassen niemanden kalt

12-45-01-Thema-Rache Kopie
„Na warte, Dir zeige ich es noch!“ Rachegelüste und -phantasien scheinen den Menschen mit in die Wiege gelegt zu sein. Und doch ist Rache keinesfalls süß, sondern ein Gift, das den Blick auf die Vergebung verstellt. Der Rächende wird zum Täter. Bild: Sven Kriszio/ Evangelische Zeitung

Stellen Sie sich vor, ein fremder Mensch vergreift sich an Ihrem Kind. Stellen Sie sich vor: Dieser Mensch quält, missbraucht und erwürgt Ihr Kind, wirft es dann weg wie ein Stück Abfall. Was würde Ihrem Herzen geschehen? Welcher Riss ginge durch Ihre Seele? Niemand kann ernsthaft sagen, wie er in einer solchen Extremsituation handeln würde.

Machen wir es uns einfacher: Denn unser Alltag kennt genug Gelegenheiten, bei denen sich Rachegelüste in unser Leben einschleichen können: Beim blasierten Kollegen etwa, dem wir innerlich ein „Na warte, Dir zeige ich es noch!“ nachflüstern. Bei der dienstversessenen Verkehrs-Politesse, die uns wegen zwei Minuten Brötchenholen beim Bäcker unbedingt ein Knöllchen aufs Auge drücken will. Bei jenen Menschen, die uns verlassen oder vor anderen bloßstellen – jeder kennt dieses: „Na warte, Dir zeige ich es noch!“

Keine Frage: Rache lässt kaum einen Menschen kalt. Es scheint ein Verhalten zu sein, das uns Menschen in die Wiege gelegt wurde, nicht zuletzt, weil es sich perfekt für populistischen Beifall nutzen lässt. Bestes Beispiel: Die Verzweiflungstat der Marianne Bachmeier, als „Annas Mutter“ berühmt geworden, die im Gerichtssaal den Mörder ihrer Tochter erschoss. Wie viele von uns haben sich wohl damals die Hände gerieben und der offiziellen Entrüstung zum Trotz leise geflüstert: „Na warte, Dir zeige ich es noch!“

Was würde ich tun, wenn ein Mörder eines meiner Kinder nähme? Würde ich schreien, toben, wüten, meinen Glauben an Gott und die Welt verlieren, mich zum Eigenbrötler und Menschenhasser verwandeln? Ja, ich denke, das alttestamentarische „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ ist in vielen Menschen immer noch sehr präsent. Auch ich kann mich nicht davon freisprechen. Denn trotz aller christlichen Kultur, in der wir leben, ist die Kultur des Vergebens und Verzeihens in unserer Gesellschaft nicht sonderlich ausgeprägt. Schade! Denn sie ist nicht nur zutiefst christlich. Sondern auch ein Beitrag zur Lebensqualität desjenigen, der sich bereit zeigt, zu verzeihen.

Denn was macht Rache mit mir? Sie stellt mich auf die gleiche Stufe wie den Angreifer. Sie macht den Rächenden zum Täter. Sie verlängert die Spirale der Gewalt um eine weitere Drehung. Sie stellt uns auf die gleiche Ebene mit dem Täter, der uns verletzt hat. Deshalb ist Rache nicht süß. Sie ist ein Gift, das unsere Fähigkeit, Vergebung zu vollziehen, verdunkelt. Und das verdunkelt zugleich das Leben des Rächers. Wer sich in Rachephantasien ergeht, beraubt sich der Fähigkeit, neue Wege zu denken. Er schreibt die Geschichte von Unrecht fort, anstatt sie zu unterbrechen. Er vergiftet seine Gedankenwelt mit dem Sinnen nach Unheil – anstatt zu versuchen, das, was vorher zerbrochen wurde, wieder heil zu machen.
Helfen kann uns dabei die Erkenntnis, dass es anstatt der persönlichen Rache so etwas wie eine irdische Sühne gibt: Das Vertrauen auf eine irdische Gerechtigkeit.

Von Christoph Fasel, Professor für Medien- und Kommunikationsmanagement. Er leitet das Institut für Verbraucherjournalismus in Calw. (aus: Evangelische Zeitung)