2012_11_06

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Gespräch über theologische Fragen

Tagesthema 05. November 2012

Erste Studenten haben am neuen Institut für Islamische Theologie ihr Studium schon begonnen

„Der Islam sollte in Deutschland beheimatet sein“

In Osnabrück wurde das Institut für Islamische Theologie eröffnet. Gemeinsam mit Münster ist die Uni eines von vier deutschen Zentren für islamische Studien. Die 33-jährige Dua Zeitun gehört zu den ersten Studenten des neuen Fachs.

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Erste Studenten haben am neuen Institut für Islamische Theologie ihr Studium schon begonnen. Bild: epd-Bild

Schon als Kind hat Dua Zeitun ihren Vater fast täglich in die Moschee in der Nähe des Osnabrücker Hauptbahnhofs begleitet. Abdul Jalil Zeitun ist dort Imam einer Gemeinde mit mehr als 80 Nationen. Er pflegt den Austausch mit christlichen Gemeinden. Dua hat viel gelernt bei ihm. Die 33-Jährige arbeitet als Seelsorgerin in der Moschee und als Referentin für interreligiöse Zusammenarbeit in einer katholischen Bildungseinrichtung. Und sie ist eine der ersten Studentinnen der islamischen Theologie an der Universität Osnabrück: „Ich will eine gute theologische Grundlage für meine weitere Arbeit.“

Die Uni ist die einzige in Norddeutschland, die dieses Fach anbietet. Mehr als 20 Studentinnen und Studenten haben es belegt. Am Dienstag wurde in Osnabrück offiziell das bundesweit größte Institut für Islamische Theologie eröffnet. „Wenn alle Stellen besetzt sind, werden hier sieben Professoren forschen und lehren“, sagt dessen Direktor Bülent Ucar. Das Institut ist mit 6,6 Millionen Euro für die kommenden fünf Jahre ausgestattet.

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Muslimisches Grab auf einem Friedhof. Begräbnisstäten für Muslime gibt es in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert. Bild: Christopher Clem Franken / epd-Bild

Das Fach Islamische Theologie ist in Deutschland noch relativ jung. Doch die Osnabrücker bilden schon seit rund zehn Jahren muslimische Religionspädagogen an der Uni fort und sehen sich dabei als Vorreiter. Seit 2007 gibt es für die Pädagogen einen Aufbaustudiengang, seit Semesterbeginn das Vollstudium. 2010 richtete die Uni zudem einen bis heute einmaligen Weiterbildungsstudiengang für Imame und Seelsorgerinnen ein. Von Beginn an arbeitete Ucar mit den muslimischen Verbänden zusammen. „Die Akzeptanz an der Basis ist wichtig. Die Absolventen wollen schließlich in den Gemeinden und Schulen arbeiten“, unterstreicht der Professor.

Die volle Gleichberechtigung des Islam mit dem Christentum und dem Judentum ist das Ziel von Bülent Ucar. Die universitäre Ausbildung von Theologen ist für ihn ein großer Schritt in diese Richtung. Bleibt noch die verfassungsrechtliche Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft. Einen solchen Staatsvertrag sieht der Religionspädagoge in nicht allzu ferner Zukunft: „Dann können Muslime in dieser Gesellschaft eine eigene Identität entwickeln und sich besser integrieren.“

Auch Dua Zeitun ist die Gleichberechtigung des Islam wichtig: „Der Islam ist ein wichtiger Bestandteil in Deutschland und sollte auch hier beheimatet sein“, sagt die Studentin. Dass die Religion mit Grundgesetz und Demokratie harmonieren muss, ist für sie selbstverständlich. Islam und deutsche Kultur werden sich gegenseitig befruchten, glaubt Zeitun.

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Im bundesweit einzigartigen "Haus der Religionen" in Hannover treffen sich regelmäßig Christen und Muslime, um gemeinsam den Koran und die Bibel zu lesen. Sie stellen dabei viele Gemeinsamkeiten fest - aber auch große Unterschiede. Zu den Referenten gehören der Ingenieur und Islamwissenschaften Hilal Al-Fahad (links) und der evangelische Theologieprofessor Wolfgang Reinbold (rechts) Bild: Dethard Hilbig / epd-Bild  

Der in Deutschland gelehrte Islam werde in den kommenden Jahrzehnten durch die deutsche und europäische Kultur geprägt werden, sagt Ucar: „Der Islam in Deutschland wird ein neues Gesicht bekommen.“ Sein Institut wolle sich in diesem Prozess mit einer „ausgewogenen Theologie der Mitte“ positionieren: „Wir wollen Wandel und Erneuerung, aber innerhalb eines tradierten Rahmens.“ Der Professor will mit Wissenschaftlern aus den muslimischen Kernländern im Austausch bleiben. Nur so könne sich ein europäisch geprägter Islam entwickeln, der auch ernst genommen werde.

Dua Zeitun studiert neben ihrem Beruf. Sie ist außerdem ehrenamtlich im muslimischen Landesverband Schura engagiert und bietet interreligiöse Führungen in Kirchen und Moscheen an. Und sie ist Mutter dreier Kinder: „Ohne meinen Mann könnte ich das alles gar nicht machen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar, dass er sich um die Kinder und den Haushalt kümmert, wenn ich nicht da bin.“

Von Martina Schwager (epd)

Schavan: Glaube muss gedacht werden
Zentrum für Islamische Theologie in Osnabrück und Münster eröffnet

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Bundesministerin Annette Schavan (CDU) hat in Münster das Zentrum für Islamische Theologie eröffnet. Das an den Universitäten Münster und Osnabrück angesiedelte Studienzentrum bildet muslimische Wissenschaftler, Theologen und Religionslehrer aus. Danach feierte auch die Uni Osnabrück den offiziellen Start ihres Institutes für Islamische Theologie unter dem Dach des Zentrums. „Glaube muss nicht nur geglaubt, sondern auch gedacht werden“, sagte Schavan. Beide Standorte wiesen eine langjährige Tradition auf: Münster für Religionswissenschaft und Theologie, Osnabrück für Religionspädagogik.

Das Bundesbildungsministerium hatte 2010 beschlossen, bundesweit vier solcher Zentren einzurichten. Weitere Standorte sind Tübingen, Frankfurt/Gießen und Nürnberg gemeinsam mit Erlangen. «Wir wollen dazu beitragen, dass die vier Millionen Muslime, die in Deutschland leben, in unserer Gesellschaft beheimatet sein können», sagte Schavan. Dazu gehöre auch, dass die Kinder Religionsunterricht erhielten und die Religionsgelehrten in den Gemeinden aus den eigenen Reihen kämen.

Mit demnächst sieben Professoren ist das Osnabrücker Institut der Universität zufolge das größte in Deutschland. Niedersachsens Kultusministerin Johanna Wanka (CDU) sagte bei der Eröffnungsfeier im Rathaus der Stadt: „Mit den vom Bund gestarteten Zentren für Islamische Theologie bieten wir in Deutschland aufgewachsenen Muslimen eine wissenschaftlich fundierte theologische Ausbildung als Religionslehrer oder als Imame.“ Dies trage in den Moscheegemeinden zur Integration bei.

Vertreter aller Weltreligionen ließen auf dem Osnabrücker Marktplatz Ballons mit Friedensbotschaften aufsteigen. Zu der Feier waren auch der Großmufti von Istanbul, Rahmi Yaran, sowie Professoren aus Malaysia, Marokko und Sarajewo gekommen.

Der Leiter des Osnabrücker Institutes, Bülent Ucar, hob die Kontakte zu Hochschulen im In- und Ausland sowie zu den muslimischen Verbänden hervor. Partnerschaften gebe es unter anderem zur Al-Azhar Universität in Kairo und zu Fakultäten in der Türkei und in Bosnien-Herzegowina. Ziel sei es, eine wissenschaftliche Einrichtung zu schaffen, die national und international mit Hochschulen und muslimischen Verbänden vernetzt sei.

Der Bund und das Land Niedersachsen haben das Osnabrücker Institut für die kommenden fünf Jahre mit 6,6 Millionen Euro ausgestattet. Bereits 2002 hatte die Universität mit der Ausbildung muslimische Religionslehrer begonnen. 2010 folgte ein bis heute einmaliger Weiterbildungsstudiengang für Imame. Mit Semesterbeginn haben im Oktober die ersten Studenten der islamischen Theologie und der Religionspädagogik an dem neuen Institut ihr Studium aufgenommen.

epd