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Bild: Beate Woltmann

Keine Gemeinschaft wie andere

Tagesthema 31. Oktober 2012

„Das Wichtigste ist die Gemeinschaft“

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Freie Entfaltung ist Karin Köhler wichtig. In der Kirche fühlt sich die Mutter zweier Kinder und promovierte Chemikerin nicht in irgendeine Schiene gepresst und kann sich dort engagieren, wo es ihr wichtig erscheint. Bild: Luisa Meyer / Evangelische Zeitung

„Das Wichtigste an Kirche ist für mich die Gemeinschaft“, meint Karin Köhler. Sie ist Kirchenmitglied aus voller Überzeugung und engagiert sich seit nunmehr 20 Jahren in der Kirche. Karin Köhler ist im Kirchenvorstand, im Kirchenkreisvorstand und seit 2008 Synodale in der Landeskirche. „Die Kirchengemeinde bedeutet auch Heimat“, stellt sie fest.

Wenn Karin Köhler von ihrer Arbeit in der Synode erzählt, leuchten ihre Augen. „Mir macht Kirchenpolitik wirklich viel Spaß“, sagt sie nachdrücklich, „man bekommt viel zurück“. Ihr gefällt auch, dass man in der Synode viel mitgestalten kann.

Nach ihrer Konfirmanden- und Schulzeit spielten Glauben und Kirche lange Zeit für Karin Köhler keine große Rolle. Das änderte sich, als ihre Kinder in den Kindergarten kamen und eine andere Mutter sie fragte, ob sie nicht auch einmal mit zu einer Veranstaltung der Kirchengemeinde kommen wolle. Dieser Frauengesprächskreis, an dem sie dann teilnahm, war ihr Einstieg. Von da an begann sie, sich für kirchliches Engagement zu interessieren und auch damit, sich mit Glaubensfragen auseinanderzusetzen. „Der Glaube ist eine Art unendliche Geschichte. Ich habe nie das Gefühl, damit abzuschließen“, sagt die Synodale.

Im Kirchenvorstand organisiert Karin Köhler Feste und Feiern mit. Demnächst steht ein Stiftungsessen an, bei dem sie beim Kochen hilft. Auch bei der Planung des Frauenfrühstücks ist sie immer mit dabei. Zudem ist sie bei der Koordination des großen Teams von Ehrenamtlichen in der Gemeinde beteiligt. Besonders am Herzen liegt ihr der monatliche Mittagstisch, den sie mitorganisiert. Vielen Menschen, die zum Mittagstisch kommen, bereite das Essen in Gemeinschaft große Freude. Sie lächelt, als sie von dieser Erfahrung berichtet.

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Nach der morgendlichen Andacht versammeln sich die Mitglieder der Landessynode zum zweiten Sitzungstag im Plenum. 

„In der Kirchenarbeit findet man seine Erfüllung, weil man nicht in irgendeine Schiene gepresst wird“, findet Karin Köhler. Man könne sich genau aussuchen, wo man sich einbringen möchte. Alle Begabungen würden benötigt. So habe sie außerdem das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun und Dinge zu bewegen. Beruhigend ist für sie auch das Vertrauen, dass mit Gott immer eine Instanz da ist, die die Geschicke leitet und an die man Verantwortung abgeben kann.

Der freundliche Umgang in der Kirche sagt der Synodale sehr zu. Egal ob in der Gemeinde, im Kirchenkreisvorstand oder in der Synode, die Menschen kümmerten sich umeinander. Nach ihrer ersten Sitzung im Kirchenkreisvorstand Hildesheim-Sarstedt war sie positiv überrascht von der freundlichen Sitzungskultur: „Es ist erstaunlich, wie rücksichtsvoll und nett alle miteinander umgehen.“ Jeder werde respektiert.

„In der Synode kann ich mehr Menschen erreichen als in der Ortsgemeinde“, sagt Karin Köhler. Ihr gefallen beide Aspekte des kirchlichen Engagements: der sehr praktischen Teil in den Gemeinden vor Ort und die Arbeit auf gestalterischer, eher abstrakter Ebene in der Synode. Immer wieder betont sie, wie wichtig ihr diese beiden Komponenten kirchlichen Engagements sind.

Ein Thema, das Karin Köhler besonders bewegt, ist Bildung. In der Landessynode ist sie im Bildungsausschuss. Dort setzt sie sich für christliche Bildung in Kindertagesstätten und Schulen, aber auch für Familienbildungsstätten ein. Auch im Struktur- und Planungsausschuss der Synode und im Kuratorium des Schulwerks ist sie aktiv.

Karin Köhler ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern, die mittlerweile studieren. Sie ist promovierte Chemikerin und arbeitet in Teilzeit. „So habe ich viel Zeit für meine ehrenamtlichen Aktivitäten.“ Und man merkt ihrer Freude an, was für ein erfüllender Bestandteil ihres Lebens ihre kirchliche Arbeit ist

Von Luisa Meyer / Evangelische Zeitung

Kirche: was zählt die Mitgliedschaft?

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Bild: Evangelische Zeitung

Anders als etwa im Kleingartenverein oder dem Automobil-Club sind die tragenden Säulen unserer reformatorischen Kirche nicht Satzung und Geschäftsordnung, sondern Predigt und Sakrament. So geht auch das jüngste Urteil eines Leipziger Gerichts, demzufolge Kirchenmitglied nur bleiben kann, wer Kirchensteuer zahlt, am tieferen Kirchenverständnis vorbei.  Die „Gemeinschaft der Heiligen“ tickt eben doch anders als gelbe Engel, die bekanntlich nur dem Starthilfe geben, der  Mitglied ist oder wird. Ulrich Anke, der Präsident im Kirchenamt der EKD, und Rainer Ponitka. Sprecher des Internationalen Bunds der Konfessionslosen und Atheisten diskutieren auf den online Seiten der Evangelischen Zeitung pro und contra: „Die Kirche ist ein Verein wie jeder andere - Unterscheiden sich Religionsgemeinschaften und Kirchen nicht von Vereinen?“

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Geht Glauben nur in der Kirche?

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Michael Wohlers

Muss man als Christ auch Mitglied in der Kirche sein?

Für die Evangelische Zeitung antwortet Michael Wohlers, Pastor in Hannover und Leiter der Wiedereintrittsstelle „Kirche im Blick“:

Ja und Nein. Nein, denn wer einmal getauft ist, bleibt Christ, auch wenn er aus der Kirche ausgetreten ist. Viele Ausgetretene leben ihren Glauben, obwohl sie aus der Kirche ausgetreten sind. Sie beten, besuchen Gottesdienste, erziehen ihre Kinder christlich und verhalten sich nach den 10 Geboten. Sie fühlen sich als Christen, und haben damit Recht. Die Kirche hat den Auftrag, ihnen immer wieder nachzugehen und sie zum Wiedereintritt in die Kirche einzuladen.

Doch ist damit noch nicht alles gesagt. Gleichzeitig gilt: Ja, als Christ muss ich zur Kirche gehören. Denn wenn ich meinen Glauben lebe, will ich, dass er beständig weiter gegeben und praktiziert wird. Ohne Kirche gibt es keine verlässliche Verkündigung, keine Diakonie dort, wo sie am nötigsten ist, keine religiöse Kindererziehung über die Familie hinaus, kein ethisches Gewissen und keine Stimme der Armen in der Gesellschaft. Als Einzelner kann ich immer nur dort helfen, wo ich gerade bin. Die Gesellschaft durchdringen, den Glauben allen Menschen weiter sagen, kann auf Dauer nur eine Gemeinschaft, die sich Formen gibt, Mitarbeiter einstellt und mehr bewirkt, als der Einzelne tun kann. Wenn ich vom Glauben überzeugt bin, will ich auch ein Teil dieser Gemeinschaft sein und sie nach meinen Kräften unterstützen.

Im Grunde ist es mit der Kirche wie mit der Eltern- oder Kindschaft. Ich bleibe Zeit Lebens Kind meiner Eltern, und wer einmal Vater geworden ist, bleibt das sein Leben lang. Ich kann den Kontakt verlieren, ich kann mich zerstreiten, aber trotzdem bleibe ich Kind meiner Eltern und Vater meiner Kinder. Und ich wünsche mir wahrscheinlich immer wieder, dass der unterbrochene Kontakt auflebt und wir unsere Beziehung leben.

So ist das auch mit der Taufe. Sie bleibt zeitlebens bestehen, aber sie ist darauf angelegt, in der Zugehörigkeit zur sichtbaren Kirche gelebt zu werden.

Von Michael Wohlers / Evangelische Zeitung