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Michael Morgner:  „Ich kann nicht mehr“

„Ich kann nicht mehr“

Tagesthema 30. Oktober 2012

„Ich kann nicht mehr“. Diese vier Worte schreibt der Künstler Michael Morgner 1987 in Tusche auf Papier. Lange hat er um das Leben seiner Frau gekämpft und sie in ihrer Krebserkrankung begleitet, nun ist sie gestorben. Neben der persönlichen Erschütterung ist es die gesellschaftliche Unfreiheit als Bürger und Künstler in der DDR, die ihm die Luft zum Atmen und Arbeiten nimmt. Immer wieder begehrt er auf, versucht Wege zu finden, in der vorgegebenen Situation zu leben und kreativ damit umzugehen und nach Sinn und Wahrheit zu suchen. Mit Freunden gründet er die erste unabhängige Produzentengalerie, entdeckt neue künstlerische Formen und widmet sich dem geschundenen Menschen, in Geschichte und Gegenwart. Neben dem Leiden tritt der Gedanke der Auferstehung und Hoffnung in seinen Werken deutlich hervor.

Doch 1987 fehlt ihm dazu die Kraft. „Ich kann nicht mehr“. Und dann geschieht etwas, das für den Künstler selbst nach eigener Einschätzung ein Schlüsselmoment seiner Existenz darstellt: Er arbeitet mit diesem Satz, wäscht die Tusche aus, beginnt diesen Satz zu überschreiben, zu übermalen. Er will nicht aufgeben. Er legt mit festen Pinselstrichen die Silhouette seines Kopfes über diese Worte. Wieder wäscht er das Bild aus, das Miteinander von sorgfältiger Komposition und Zufallsprinzip, die so genannte Tuschenlavage hat er auf höchstem Niveau entwickelt. Mal ist das Abbild seines Kopfes, Zeichen für Geist und Verstand, für Wille und zugleich Resignation, stärker zu sehen, mal schwächer. Es ist ein Wechselbad, nicht nur der Gefühle, sondern seiner gesamten Existenz. Und in diesem Wechselbad ändert sich  das Bild: aus Schwäche erwächst Widerstand. Eine andere Einstellung zum Leben. Aus dem Eingeständnis der Schwachheit und der Verzweiflung wird Stärke und Klarheit. Bild und Wort verbinden sich. Michael Morgner nennt sein Werk „Selbstporträt“. Ein Porträt, das vom Wort geprägt ist und weit über den Menschen hinaus wirkt. Es steht für die Gesellschaft, aus der es entwächst und für das Mensch-Sein, das über sich selbst hinaus wächst.

Für mich ist das ein zutiefst reformatorisches Bild. Die Reformation ist ein Wort-Ereignis. Ohne Michael Morgner mit Martin Luther vergleichen zu wollen, atmet hier ein ähnlicher Geist. Das Leiden an einer vorhandenen Situation, der Zweifel, das Hin- und Herwenden der eigenen Gedanken und Argumente. Sätze und Überlegungen werden überschrieben, gedreht und gewendet, auf ihre Tragbarkeit überprüft. Und schließlich eine Klarheit, die aus einer tiefen Krise entsteht. So will und kann ich nicht mehr leben, nicht mehr glauben, lehren, beten! Das stand für Martin Luther fest, bevor er mit seinen 95 Thesen zur Diskussion aufrief und vor den Reichstag zu Worms trat. Selbstzweifel und Gotteszweifel begleiteten ihn auch weiter. Aber auch das Wissen „Ich kann nicht mehr.“ Das ist als Satz verklausuliert oder auch offen immer wieder in seinen Schriften dieser Zeit zu finden, einer Zeit tiefster Anfechtungen. Doch er gibt nicht auf und findet Halt in Worten aus den Briefen des Apostels Paulus: „Der Gerechte wird aus Glauben leben“ (Römer 1,17) und „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (2. Korinther 12,9). Sie helfen ihm für das einzustehen, was er als Wahrheit des Evangeliums erkannt hat.
In unser Drehen und Wenden, in unsere Suche nach Möglichkeiten, in unser Eingeständnis unseres eigenen Unvermögens hinein klingen die göttlichen Worte: du wirst aus Glauben leben. Meine Kraft ist in deiner Schwachheit stark. Reformation ist ein Wort-Ereignis, auch in unserem Leben.

Landesbischof Ralf Meister

Reformationsfest feiern

Der 31. Oktober hat in meinen Erinnerungen an meine Kindheit eine besondere Bedeutung. Nicht nur, dass an diesem Tag auch Weltspartag war und ich als Kind dann meine mal mehr mal weniger mit einigen Münzen gefüllte Spardose zur Sparkasse brachte, um den mühsam ersparten kleinen Betrag in mein Sparbuch eintragen zu lassen. Der 31. Oktober gewann für mich als Schüler auch an Bedeutung, weil es an diesem Tag schulfrei gab und dafür alle Klassen gemeinsam in die Kirche zum Reformationsgottesdienst gingen. Noch sehr genau kann ich mich an jenes kleine Anspiel erinnern, dass ältere Schüler dabei zur Aufführung brachten. Mit wuchtigen Schlägen hämmerte ein als Martin Luther verkleideter Schüler ein großes Blatt mit der Aufschrift „95 Thesen von Dr. Martin Luther“ an eine alte prachtvolle Tür, die im Altarraum stand. Uns selbstverständlich sangen wir dann auch das Reformationslied „Ein feste Burg ist unser Gott“, dass ich seither auswendig singen kann.

Da in der Geschichte über Martin Luther auch die Rede von Geld war, das in einem Kasten klingt, brachte ich als Schüler lange Zeit mit meinen kleinen ersparten Münzen in Zusammenhang.

Erst später habe ich begriffen, dass es Martin Luther um den Glauben ging, der sich einzig und allein auf Christus verlässt. Davon war er durch das Lesen der Bibel überzeugt: um an Gott zu glauben, braucht ein Mensch kein Gängelband von kirchlichen Gesetzen und auch keine eigenen Leistungen vorzuweisen. Vielmehr muss er sich bewusst werden, dass er in seinem ganzen Leben auf Gottes vergebende Liebe angewiesen ist. Luther nannte das in seiner ersten These „Buße“ und meinte damit die Umkehr vom selbstgerechten Weg und eine bewusste Hinwendung zu Gott. Diese Hinwendung zu Gott ist keine einmalige Angelegenheit, sondern muss immer wieder neu geschehen, jeden Tag.

Eine Reformation der Kirche muss sich – so Martin Luther – auf vier unaufgebbare Erkennungszeichen gründen und zwar auf den Glauben, auf Christus, auf die Bibel und auf die Gnade, wie sie uns durch Christus von Gott geschenkt wird.

Wenn wir heute in den Kirchengemeinden und in der Kirche nach Reformen rufen und sie auch gestalten, dann gilt es diese Kennzeichen fest im Blick zu behalten.

Den Reformationstag feiern wir jedenfalls in guter Weise, wenn wir uns dabei auch an die Anfänge der Evangelischen Kirche erinnern und nicht vergessen, dass Gott durch Wort und Tat eines einzigen Menschen das Gesicht seiner Kirche verändern kann, wenn Glaube, Christus, die Heilige Schrift und die Gnade dabei die Grundlage bilden.

Landessuperintendent Dr. Detlef Klahr, Sprengel Ostfriesland

Das Stichwort: Reformationstag

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Am Reformationstag (31. Oktober) erinnern Protestanten in aller Welt an den Beginn der Reformation durch Martin Luther (1483-1546) und die Entstehung der evangelischen Kirche vor fast 500 Jahren. Ob Luther seine 95 Thesen am 31. Oktober 1517 tatsächlich an die Tür der Wittenberger Schlosskirche schlug, ist zwar historisch nicht gesichert. Die öffentliche Wirkung, die von der Anprangerung kirchlicher Missstände wie dem Ablasshandel ausging, ist jedoch unumstritten.

Der Begriff Reformation bezeichnet die kirchliche Erneuerungsbewegung, die im 16. Jahrhundert von Deutschland ausging und Europa grundlegend veränderte. Anliegen des katholischen Augustinermönchs Luthers, der von der Suche nach einem gnädigen Gott getrieben war, war die Erneuerung der katholischen Kirche und deren Rückkehr zu ihrem geistigen Ursprung der Botschaft des Evangeliums.

Ein zentrales reformatorisches Anliegen war die Rückbesinnung auf das unverfälschte Wort der Bibel in der Landessprache. Mit seiner Theologie erteilte Luther aber auch dem mittelalterlichen Ablasshandel und der Heilsvermittlung durch die katholische Amtskirche eine Absage.

Als führende Köpfe der Reformation gelten neben Luther vor allem Johannes Calvin (1509-1564) und Huldrych Zwingli (1484-1531). Der Reformation schloss sich eine breite gesellschaftliche Bewegung an, in der sich Vertreter aller Stände - vom Adel bis zu den Bauern - im Kampf gegen die Papstkirche zusammentaten.

Die Ausbreitung der Reformation war von sozialen Unruhen begleitet, wie sie etwa in den Bauernkriegen zum Ausdruck kam. In ihrem weiteren Verlauf führte die Reformation zu Machtkämpfen zwischen katholischen Landesfürsten und Territorialherrschern, die sich der neuen reformatorischen Bewegung anschlossen. Es kam zu einer territorialen Aufspaltung.

Weil die mittelalterliche Papstkirche eine Reform verweigerte, kam es zudem zu der von Luther zunächst nicht beabsichtigten Bildung lutherischer und auch reformierter Kirchen. Die Fronten waren so verhärtet, dass sich das Christentum in verschiedene Bekenntnisse spaltete. Weltweit gibt es heute rund 400 Millionen Protestanten.

In jüngster Zeit gibt es zwischen katholischer und evangelischer Kirche wieder Annäherungen, wie etwa die 1999 in Augsburg von Lutherischem Weltbund und der katholischen Kirche unterzeichnete „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“. Annäherungswünsche der Protestanten im Blick auf ein gemeinsames Abendmahl werden jedoch bislang von der katholischen Kirche abgelehnt.

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Martin Luther - Denkmal vor der Marktkirche in Hannover. Bild: Jens Schulze