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Kinderbibeln - Zeugen ihrer Zeit

Tagesthema 29. Oktober 2012

Auf der Vespa nach Bethlehem

Goliath als Wikinger, Maria und Josef auf dem Motorroller. Eine Ausstellung in Oldenburg zeichnet die Entwicklung der Illustrationen in Kinderbibeln über acht Jahrhunderte nach.

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Die Oldenburger Theologieprofessorin Christine Reets hat jahrzehntelang über Kinderbibeln geforscht. Bild: Jörg Nielsen / epd-Bild

Die Weihnachtsgeschichte mal anders: Statt auf einem Esel lässt der Bibel-Comic-Zeichner Rüdiger Pfeffer die hochschwangere Maria und Josef auf einem Motorroller nach Bethlehem reisen. „Eigentlich ein logischer Schritt“, sagt die Theologieprofessorin Christine Reents aus Oldenburg. Schon immer hätten sich Bibel-Illustratoren am Zeitgeist und den aktuellen Vorstellungen der Menschen vom biblischen Land orientiert. Die Oldenburger Landesbibliothek zeigt vom 1. November an eine Auswahl von Illustrationen und Kinderbibeln aus fast acht Jahrhunderten - vom Holzschnitt bis zum Bibel-Comic.

Seit den ersten Kinderbibeln im 16. Jahrhundert sind rund 1.000 Titel erschienen, sagt die 81-jährige Theologieprofessorin, die seit Jahrzehnten Kinderbibeln erforscht. Für die Ausstellung hat sie 17 Motivreihen mit mehr als 100 Bildern und Bibeln zusammengestellt.

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Die Oldenburger Theologieprofessorin Christine Reets zeigt die erste Bibel „für kinder und einfeltige“, die der Reformator Martin Luther im Jahre 1529 geschrieben hat. Bild: Jörg Nielsen / epd-Bild

Als Vater der Kinderbibeln hat Reents den Reformator Martin Luther (1483-1546) ausgemacht. Der wollte mündige Christen und war der deshalb der Meinung, Kinder müssten mit sieben Jahren die ganze Heilige Schrift lesen können. Doch musste er feststellen, dass es mit dem Lesevermögen der einfachen Menschen nicht weit her war. „Das hat ihn wieder auf den Boden der Tatsachen geholt“, sagte die Professorin. Also nutzte Luther die mediale Revolution seiner Zeit, den Buchdruck, und setze auf die Überzeugungskraft von Bildern.

Schon 1529 ließ er ein sogenanntes Passional für „kinder und einfeltige“ drucken. Mit einprägsamen Holzschnitt-Bildern im Stile Albrecht Dürers (1471-1528) und ganz kurzen Texten zeigt es die Leidensgeschichte Jesu. Es war die erste Bibel, in der die Erzählbilder gleichberechtigt neben dem Text standen und nicht nur Schmuck waren. Für die Ausstellung kommt eine Originalausgabe aus Lindau am Bodensee nach Oldenburg.

„Interessant ist, wie sich die Bilder über die Jahrhunderte verändern“, sagt Reents. Oft spiegeln sich darin die Gegenwartserfahrungen der Menschen. Im «Heilsspiegel», der um 1360 für wohlhabende Familien aufwendig und bunt hergestellt wurde, wird die Geschichte vom Hirtenjungen David erzählt, der den Riesen Goliath mit einer Steinschleuder tötet. „David wird hier als junger adretter Page mit blonden Haaren gezeigt, wie es an den deutschen Höfen Mode war. Goliath dagegen ist klar als Wikinger in Kriegsrüstung zu erkennen.“

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Für eine Ausstellung in der Oldenburger Landesbibliothek hat Christine Reets Kinderbibeln und Bibelbilder aus acht Jahrhunderten zusammengetragen. Der Auschnitt zeigt den Kampf zwischen David und Goliath aus dem Alten Testament in der Bildersammlung „Heilspiegel“, der um 1360 entstanden. Bild: Jörg Nielsen / epd-Bild 

Doch es gab auch Kinderbibeln als Gegenpol zur gesellschaftlichen Entwicklung, berichtet Reents: Als durch deutsche Städte bereits die Nazis marschierten und antijüdische Parolen brüllten, gab der Berliner Rabbiner Joachim Prinz zusammen mit dem Zeichner Heinz Wallenberg 1934 ein Buch mit Heldengeschichten aus der jüdischen Bibel heraus.

Für den Theologischen Leiter der Hannoverschen Bibelgesellschaft, Jürgen Schönwitz, sind Kinderbibeln heute unverzichtbar. „Die sogenannten Vollbibeln sind reine Bleiwüsten ohne Bilder. Kinder brauchen dagegen kurze verständliche Texte und Bilder.“ Viele Menschen behielten die Kinderbibel ein Leben lang in guter Erinnerung. Das zeige sich bei fast jeder Bibelausstellung: „Es sind die Erwachsenen, die sofort in die Ecke mit den Kinderbibeln gehen, um ihre alte Kinderbibel zu suchen.“

Von Jörg Nielsen (epd)

Aus dem Lutherischen Verlagshaus,
dem Verlagshaus der hannoverschen Landeskirche

Nico ter Linden, König auf einem Esel. Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament für die ganze Familie

Der biederlänische Theologe Nico ter Linden versteht es, die uralten Geschichten der Bibel aktuell, spannend und zugleich poetisch zu erzählen. Er bedient sich dabei verschiedener Gesprächspartner, übergibt zum Beispiel für die Geschichten aus dem Neuen Testament das Wort an Matthäus und Lukas. Leserinnen und Leser nehmen Anteil daran, was sie mit Jesus erlebt haben, was ihnen erzählt wurde und wie es sie bewegt.

Das Erzählbuch zur Bibel ist in den Niederlanden in drei Bänden erschienen. Für die einbändige deutsche Übersetzung von Wolfgang Rescheleit wurden die Originalillustrationen von Ceseli Josephus Jitta übernommen. Auf originelle Weise ergänzen sie die Erzählungen als Aquarelle, Collagen und Zeichnungen.

Nico ter Linden, geboren 1936, war bis 1995 als Pfarrer in der Amsterdamer Westerkerk tätig, Kolumnist der Tageszeitung Trouw, zahlreiche Buchveröffentlichungen. Seit 1995 ist er freier Autor. Nico ter Linden ist immer wieder Bibelarbeiter auf den Kirchentagen

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Das Buch der Bücher

Die Heilige Schrift
Deckblatt einer alten Bibelausgabe.   Bild: Wodicka

Die Bibel ist Grund und Quelle des christlichen Glaubens, und zwar in allen christlichen Kirchen. Sie besteht aus dem Alten Testament mit 39 und dem Neuen Testament mit 27 einzelnen Schriften. Sie enthält vom Schöpfungsbericht bis zur Apokalypse des Johannes alle Geschichten, Gleichnisse, Prophezeiungen, Briefe, Berichte, Anweisungen, Psalmen, Gebete, Gebote und Erzählungen, die den christlichen Glauben in seiner Gesamtheit darstellen. Es gibt mehr als 30 Bibelübersetzungen ins Deutsche, aber für die evangelische Kirche ist vor allem eine maßgeblich: die Lutherbibel. Mit der Übersetzung der Bibel aus den biblischen Ursprachen Hebräisch und Griechisch hat der Reformator Martin Luther um 1530 die Textfassung geschrieben, die heute in der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) in der revidierten Fassung von 1984 immer noch verwendet wird.

Informationen zum Thema "Bibel"

Thomas Gottschalk zum Thema Kinderbibeln

"Ich habe ganz selbstverständlich in einem Alter in der Kinderbibel geblättert, in dem meine Kinder Pokemon- oder Simpsons-Comics geschaut haben. Die vier Evangelisten waren mir so vertraut wie meinem Sohn gleichen Alters die Teenage Mutant Ninja Turtles. Und während ich als Junge mit meinem Onkel durch die Felder in Oberfranken wanderte und die Heilige Schrift erklärt bekam, fuhr ich mit meinen Kindern, als sie so alt waren, Achterbahn in Disneyland."

Aus der Laudatio von Thomas Gottschalk für die „Aktion Volksbibel“ anlässlich der Verleihung der „Goldenen Feder“ 2005

Über Kinderbibeln

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"Kinderbibeln? Da blick ich nicht mehr durch!" Diese Aussage einer jungen Lehrerin, die eine Kinderbibel als Erzählhilfe suchte, ist leicht nachvollziehbar. In Buchhandlungen, im Internet und sogar in Supermärkten begegnet man weit über hundert lieferbaren Titeln im deutschsprachigen Raum.

Jedes Jahr erscheinen unzählige neue Kinderbibeln - ein anscheinend rentables Geschäft für viele Verlage. So wird es für Eltern, Großeltern und Paten, für Religionslehrerinnen und Mitarbeiter in Gemeinden, für Bibliothekarinnen und Buchhändler immer schwieriger, sich in dem Dschungel von Kinderbibeln zurechtzufinden.

Das Buch von Michael Landgraf möchte all denen eine Hilfe sein, die sich Orientierung verschaffen wollen. In einem Dreischritt wird dem Phänomen Kinderbibel dabei nachgegangen.
 

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