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Bild: cdk / photocase.com

Frauen und Mystik

Tagesthema 25. Oktober 2012

Widerspruch anmelden

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Ein Tanz zur Konzentration und Sammlung stand beim Studientag auch mit auf dem Programm. Bild: Imma Schmidt / Evangelische Zeitung

Sie ist fasziniert – kennt sie doch Dorothee Sölle vor allem als Rebellin. Als Mystikerin hatte sie sie bislang noch nicht kennengelernt: „Mein Wissen hat sich heute vertieft.“ Lisa Görlich ist Beauftragte für Frauenfragen im Kirchenkreis Georgsmarienhütte und zum Sprengelstudientag in die Stiftskirche nach Bassum nahe Bremen gekommen. Informationen, Gespräch und Tanz, gemeinsames Gebet, Pilgern und kreative Angebote gehören zum Programm des Tages.

„Immer wieder aus Stille und Rückzug herausgehen, Widerspruch anmelden, wo er geboten ist“, in dieser Haltung findet Lisa Görlich aus Hilter sich auch selbst „ein Stück weit“ wieder. Interessant ist für sie auch, „dass Frauen auch zu früheren Zeiten mit ihren Ideen und dem, was sie zu sagen hatten, nach außen gingen.“ Das Thema des Studientages „Frauen und Mystik“ des Sprengels Osnabrück unter dem Motto „im Inneren meiner Seele“ hat auch Christa Funck aus Sulingen gelockt, auch sie Beauftragte für Frauenfragen, im Kirchenkreis Diepholz. Ingrid Philipp, Sprengelbeauftragte für Frauenarbeit aus Ostercappeln, stellte Leben und Denken von Theresa von Avila vor. Die Gedankenwelt Mechthilds von Magdeburg, die ebenfalls im Mittelalter wirkte, machte Diakonin Elisabeth Früchtenicht aus Bassum transparent. Die moderne Mystikerin und Hamburger Theologieprofessorin Dorothee Sölle schließlich wurde von Rita Steinbreder, Diakonin und Referentin für Frauenarbeit im Sprengel Osnabrück, den 32 Teilnehmerinnen des Studientages nahegebracht.

Positive Bilanz am Ende des Studientages

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Konzentration und Sammlung Bild: Imma Schmidt / Evangelische Zeitung

„Mechthild von Magdeburg, die ihre Beziehung zu Gott als persönliche Liebesbeziehung auffasst, kannte ich noch nicht. Sie sah sich als Braut Jesu“, berichtet Funck. Die „starke Sprache von Liebe und Hingabe“ habe sie berührt, auch der Gedanke „ich tue es nicht, weil ich muss, weil es Gesetz ist, beispielsweise Beten, sondern aus Liebe.“ Meditatives Tanzen hat sie schon öfter gemacht, erzählt Hanna Brummer. Sie ist aus Bassum und arbeitet im Kirchenvorstand der Stiftskirche mit. Sölle und Theresa von Avila waren ihr ein Begriff, Mechthild von Magdeburg ist sie neu begegnet. „Mich fasziniert, dass sie ganz in ihr Innerstes gehen und dann nach außen wirken konnte.“ In der Kirchenvorstandsarbeit stehe das Wirken nach außen im Vordergrund - Hanna Brummer wünscht sich ab und zu, mehr in ihrem Inneren sein und aus dem Inneren heraus wirken zu können.
„Ein schöner, gelungener Seminartag mit guten Gesprächen“, lautet am Abend die Bilanz der Organisatorinnen. Alle seien zufrieden und wünschten sich eine Wiederholung, so Früchtenicht. Bislang hätten derartige Semi-nartage zumeist in Osnabrück stattgefunden, zum ersten Mal nun im Kirchenkreis Syke-Hoya. Nun sei geplant, den Veranstaltungsort regelmäßig zu wechseln, in zwei Jahren solle erneut ein Seminartag in Bassum stattfinden, hofft die Diakonin.

Von Imma Schmidt (aus: Evangelische Zeitung)

Glaube und Leben verbinden – Wissenschaft und Erfahrung zusammen denken

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„Ich bin seit vielen Jahren in meiner Kirchengemeinde beheimatet, aber mir fällt es trotzdem schwer meinen Glauben in Worte zu fassen. Darum möchte ich mich einmal gründlich mit allen Fragen beschäftigen, die ich habe, und mir einen Überblick verschaffen.“

So beschreibt eine Teilnehmerin des „Fernstudiums Theologie feministisch“ ihre Motivation an dem Bildungsprogramm der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) teilzunehmen. Jetzt läuft das Anmeldeverfahren für einen neuen eineinhalbjährigen Kurs und zu einem Infotag wird am Samstag, 10. November eingeladen. In der Zeit von 11 bis 14 Uhr gibt es im Haus kirchlicher Dienste in Hannover Informationen und Einblicke in dieses besondere Angebot für Frauen. Denn in dem Studium werden klassische Themen der Theologie erfahrungsnah und gleichzeitig auf einem hohen Reflexionsniveau aufbereitet. „Der Kontext unterschiedlicher weiblicher Lebenserfahrungen dient dabei als Erkenntnisinstrument und als Prüfstein für die Wahrheit der Befreiungsbotschaft, die unsere Mütter und Väter im Glauben überliefert haben“ sagt Pastorin Anne Rieck, die den Studiengang gemeinsam mit anderen Frauen organisiert.

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Gestaltet. Bild: Imma Schmidt / Evangelische Zeitung

Moderne Mystikerin:
Dorothee Sölle

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Dortothee Sölle. Bild: epd-Bild

Dorothee Steffensky-Sölle wurde am 30. September 1929 in Köln geboren. Gestorben ist sie am 27. April 2003 an den Folgen eines Herzinfarkts, den sie in der Evangelischen Akademie Bad Boll erlitten hatte. Sie war eine streitbare deutsche evangelische feministische Theologin und Pazifistin und hat viele Bücher geschrieben. Eine Anerkennung im Universitätsbetrieb blieb ihr weitgehend versagt. Als theologische Schriftstellerin und Rednerin war sie weltweit bekannt und umstritten.

Die Lehre von der Allmacht Gottes wurde so für sie zum Gegenstand kritischen Nachdenkens. Sie war der Meinung, dass Gottes Wirken in dieser Welt abhängig ist von unserem Handeln („Gott hat keine anderen Hände als unsere.“). Sölle vertrat eine politische Theologie, die sich durch eine radikale Diesseitigkeit und eine Entmythologisierung der Bibel auszeichnete. Weiterhin bestimmend war für die engagierte Theologin eine durch den Feminismus geprägte Mystik. Dabei waren viele Ideen Sölles von der Befreiungstheologie Lateinamerikas geprägt, die durch Sölle in Deutschland bekannt wurde. Philosohisch prägte sie unter anderem die Veröffentlichungen des in Tübingen verstorbenen Philosophen Ernst Bloch.
 
Sölle versuchte in ihren Büchern alltägliche Lebenserfahrungen, insbesondere des Leidens, der Armut, Benachteilung und Unterdrückung mit theologischen Inhalten zu verknüpfen. Eines ihrer wichtigsten Bücher ist das 1997 erschienene "Mystik und Widerstand", in dem sie den Zusammenhang zwischen Kontemplation und Engagement darstellte.