Kopfgrafik Sprengel Stade

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Auf dem Weg in den Himmel

Tagesthema 24. Oktober 2012

Einfach die Hände in den Schoß legen

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Dr. Petra Bahr, Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland. Bild: Evangelische Zeitung

Mit Überschriften wie „Wege zu mehr Gelassenheit“, „Sich endlich nichts mehr beweisen müssen“ kann man Auflagen nach oben treiben. Vor der Kirchentür gibt es einen Boom des Lassenkönnens, eine ungestüme Sehnsucht nach einem Weg aus der Erschöpfung. Eigentlich müsste die Stunde des Protestantismus schlagen. Eine Religion, die das Gerechtfertigtsein aus Gnade in den Mittelpunkt stellt, müsste die Menschen in Scharen anziehen. „Hier musst Du niemandem mehr imponieren, nicht einmal Dir selbst. Das Evangelium heißt: „Lass es!“

Doch fragt man Menschen, was sie mit dem evangelischen Glauben verbinden, setzen sie andere Akzente. „Die Evangelischen laden sich die Last der Welt auf die Schultern“, sagt mein Freund, der Jesuit, spöttisch. „Gibt es denn bei Euch kein geistliches Recht auf Faulheit?“ Mir fällt auf, dass die, die in der evangelischen Kirche engagiert sind, (mich eingeschlossen) ein seltsames Imponiergehabe entwickelt haben. Wir tun was. Wir projektieren, zertifizieren, entwickeln, was das Zeug hält. Wir optimieren sogar noch unsere Gebete.

Die Formen der Selbstrechtfertigung sind so subtil, dass es schon gespitzter Sinne bedarf, um sie noch wahrzunehmen. Da rufen sich die Mitglieder eines Gemeindekirchenrats nach sechsstündigen Verhandlungen zur Kirchenfusion zu: „Den Seinen gibt’s der Herr statt Schlaf“. Der Psalmist betet anders.

Man stelle sich das vor, Kulturbüros, Kirchenkreise, Kirchenleitungen verabschiedeten sich mit diesem hintersinnigen „Schlaf gut“. Nein, da könnte ja billige Gnade lauern, und das ist die Todsünde moderner (Berufs)protestanten, die sonst mit dem Fegefeuer nicht viel anfangen können. Fraglos braucht das rostige Kirchenschiff umsichtige, wache und phantasievolle Menschen auf der Brücke. Aber die Hektik an Bord schafft nicht gerade Räume der Nachdenklichkeit. Wir haben eine kollektive Angst vor dem Versagen in einer Welt ausgebildet, in der der christliche Glaube zur Option geworden ist.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir vor allen Gremiensitzungen in unsere leeren Kirchen ziehen, eine Kerze anzünden und einfach nur warten – die Münder geschlossen, die Hände gefaltet. Ertragen wir einander und uns selbst so eine ganze Stunde lang? Das wäre doch mal ein Experiment auf dem Weg zum Reformationstag. Ach ja, und dieses Experiment wird nicht evaluiert!

Petra Bahr (aus: Evangelische Zeitung)

Alle sind geladen – wirklich?

Halten Sie das aus? Täter und Opfer sitzen im Reich Gottes am selben Tisch – aber nicht als Täter und als Opfer, sondern als von Gott geliebte Geschöpfe, die ihre Bestimmung in einem versöhnten Gottes- und Selbstverhältnis gefunden haben

Hartmut Rosenau
Hartmut Rosenau

Was erwartet uns nach dem Tod? Ein Jüngstes Gericht, durch das hindurch Menschen je nach Lebenswandel in die Hölle, andere dagegen in den Himmel kommen? So schildern es die Endzeitreden Jesu z.B. nach Matthäus 25, 31-46 und andere Texte des Neuen Testaments. Oder wird es eine Allversöhnung geben, so dass alle Menschen gerettet werden und niemand verloren geht? Dafür sprechen zwar nur wenige, aber doch vorhandene Bibelstellen wie z.B. Römer 11, 32; Kolosser 1, 15-20 und Epheser 1, 10.

Weil es keine eindeutige biblische Antwort auf diese Fragen gibt, suchen Theologen immer wieder eigene Lösungen wie z.B. Origenes (182-254 n. Chr.), Schleiermacher (1768-1834) und Karl Barth (1886-1968). Sie haben sich für die Allversöhnung ausgesprochen, weil hier die Güte Gottes oder das Mitgefühl der Erlösten oder die Erwählung aller Menschen in Jesus Christus am besten zum Ausdruck komme.

Aber dennoch: Bibelstelle steht gegen Bibelstelle, die Annahme der Güte Gottes liegt im Streit mit der von Gottes Gerechtigkeit, und Christus wird nicht nur als der kommende Erlöser, sondern auch als der Richter erwartet. So kommt es zu der merkwürdigen Situation, dass viele Theologen in Bezug auf verbindliche Lehraussagen an der Vorstellung vom doppelten Ausgang des Gerichts (Himmel – Hölle) festhalten, aber dennoch auf eine Allversöhnung hoffen – vielleicht um nicht den Eindruck zu erwecken, man könnte unbesorgt um das ewige Seelenheil moralisch über Tisch und Bänke springen. Obendrein schläft vielleicht das Engagement in der Mission ein, wenn am Ende Gott sowieso alle Menschen in sein Reich führen sollte.

Allerdings wäre es kein moralisch edles Motiv, aus Angst vor der Verdammnis oder wegen der Belohnung mit dem ewigen Leben Gutes zu tun und Böses zu meiden, anstatt aus Überzeugung und um der Nächsten willen. Hat nicht Martin Luther gepredigt, dass das Motiv der christlichen Ethik nicht darin liegt, mit eigenen Werken vor Gott bestehen zu können, sondern die Dankbarkeit dafür, was Christus an uns zu unserem Heil getan hat? Und ist nicht der Glaube ein bedingungsloses Geschenk Gottes anstatt ein eigenes Werk der Menschen, das man missionarisch weitergeben oder vorenthalten könnte?

Themenbild Himmelsleiter
Eine Leiter in den blauen Himmel. Bild epd-bild

Niemand von uns weiß, was im Jüngsten Gericht passieren wird. Es ist ein Geheimnis Gottes. Und doch wäre die Zurückhaltung einer klaren Antwort auf die Frage nach der Erfüllung oder dem Scheitern des Lebens, nach dem, was am Ende kommt und bleibt, für uns eine erhebliche Einschränkung der Relevanz des Glaubens. Und so könnte man für die Allversöhnungsvorstellung als eine verbindliche Option unseres theologischen Denkens plädieren, das auf einem bestimmten christlichen Menschenbild beruht, wie es sich auch aus Vernunft und Erfahrung ergibt, ohne ein Wissen in Anspruch zu nehmen, wer oder was Gott an und für sich ist und tut.
Dieses Menschenbild, das auch den Bibelstellen zugrunde liegt, die von einer Allversöhnung sprechen, besagt, dass wir nicht über die Erfüllung unseres Lebens selbst und aus eigener Kraft verfügen und dieses verwirklichen können. Vielmehr wird uns dieses geschenkt, wie es auch die lutherische Lehre von der Rechtfertigung der Menschen allein durch die Gnade Gottes gegen jede Annahme einer „Werkgerechtigkeit“ betont hat. Dieses Menschenbild kann auch philosophisch gut begründet werden.
Die Annahme einer Allversöhnung macht die Rede von einem Jüngsten Gericht keineswegs überflüssig, wie manche Kritiker meinen. Im Gericht wird aufgedeckt, wie es mit unserem Leben bestellt ist. Hier wird nicht alles gleich-gültig durch die Gnade Gottes weggewischt, und es werden auch nicht alle Unterschiede zwischen gut und böse, Tätern und Opfern eingeebnet. Aber dieses Aufdecken der Wahrheit über unser Leben ist etwas Heilsames, sofern zwischen Person und Werk, zwischen dem, was getan oder nicht getan worden ist, getrennt und unterschieden wird. Nicht die Person wird gerichtet und ggf. verworfen, sondern das, was die Person getan hat. Denn Gott hasst die Sünde (das böse Tun der Menschen), aber er liebt die Sünder (die Personen selbst). Täter und Opfer sitzen am selben Tisch im Reich Gottes, aber nicht als Täter und als Opfer, sondern als von Gott geliebte Geschöpfe, die durch das Gericht hindurch ihre Bestimmung endlich in einem versöhnten Gottes-, Selbst- und Weltverhältnis gefunden haben.

Dr. Hartmut Rosenau, Professor für Systematische Theologie an der Christian-Albrechts-Universität Kiel (aus: Evangelische Zeitung)

Die Seele ist dein

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Die Seele ist dein. Bild: "Landschaft mit dem Traum Jakobs" von Michael Lukas Leopold Willmann, ausgestellt in: Staatliche Museen zu Berlin (Gemäldegalerie), Quelle: wikimedia.commons

Allmächtiger, ewiger Gott!

Wie ist es nur ein Ding um die Welt!

Wie sperrt sie den Leuten die Mäuler auf! Wie klein und gering ist das Vertrauen der Menschen auf Gott! Wie ist das Fleisch so zart und schwach, und der Teufel so gewaltig und geschäftig durch seine Apostel und Weltweisen! Wie zieht sie so bald die Hand ab und schnurrt dahin, läuft die gemeine Bahn und den weiten Weg zur Hölle zu, da die Gottlosen hingehören; und siehet nur allein bloß an, was prächtig und gewaltig, groß und mächtig ist und ein Ansehen hat. Wenn ich auch meine Augen dahin wenden soll, so ist's mit mir aus, die Glocke ist schon gegossen und das Urteil gefällt.

Ach Gott! ach Gott! o du mein Gott!

Du mein Gott, stehe du mir bei, wider alle Welt Vernunft und Weisheit. Tue du es; du musst es tun, du allein.

Ist es doch nicht meine, sondern deine Sache. Hab ich doch für meine Person allhie nichts zu schaffen und mit diesen großen Herrn der Welt zu tun. Wollt ich doch auch wohl gute geruhige Tage haben und unverworren sein.

Aber dein ist die Sach, Herr, die gerecht und ewig ist.

Stehe mir bei, du treuer, ewiger Gott!

Ich verlasse mich auf keinen Menschen. Es ist umsonst und vergebens, es hinket alles, was fleischlich ist und nach Fleisch schmeckt.

Gott, o Gott! Hörest du nicht, mein Gott? Bist du tot? Nein, du kannst nicht sterben, du verbirgst dich allein.

Hast du mich dazu erwählet? Ich frage dich, wie ich es denn gewiss weiß; ei, so walt es Gott! denn ich mein Lebenlang nie wider solche große Herrn gedacht zu sein, habe mir es auch nie vorgenommen. Ei, Gott, so stehe mir bei in dem Namen deines lieben Sohns Jesu Christi, der mein Schutz und Schirm sein soll, ja, meine feste Burg, durch Kraft und Stärkung deines Heiligen Geistes.

Herr, wo bleibest du? Du, mein Gott, wo bist du?

Komm, komm, ich bin bereit, auch mein Leben darum zu lassen, geduldig, wie ein Lämmlein. Denn gerecht ist die Sache und dein; so will ich mich von dir nicht absondern ewiglich. Das sei beschlossen in deinem Namen. Die Welt muss mich über mein Gewissen wohl ungezwungen lassen, und wenn sie noch voller Teufel wäre, und sollte mein Leib, der doch zuvor deiner Hände Werk und Geschöpf ist, darüber zu Grund und Boden, ja zu Trümmern gehen; dafür mir aber dein Wort und Geist gut ist. Und ist auch nur um den Leib zu tun; die Seele ist dein und gehört dir zu, und bleibet auch bei dir ewig, Amen.

Gott helf mir, Amen.

Martin Luther, Gebet auf dem Reichstag zu Worms

Reformationstag:
Die Sache mit dem Seelenheil

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„So kommen Sie in den Himmel“, mit diesem vollmundigen Versprechen zogen noch vor 500 Jahren Ablasshändler durch die Lande, die „Seelenheil“ gegen Bares anboten. Sehr zum Ärger von Martin Luther, dem nichts mehr am Herzen lag, als genau diesem Spuk ein Ende zu bereiten.
Knapp 500 Jahre später kämpft Luther, längst zum Hammer schwingenden Reformator persifliert – allenfalls noch gegen Halloweengeister. Denn die Frage nach dem „Seelenheil,“ dem Weg in den Himmel , die ihn zeitlebens umtrieb, ist weitgehend aus dem Blickfeld geraten. Das Fegefeuer hat seinen Schrecken verloren und das Paradies schimmert auf Erden bereits so kräftig durch, dass der Himmel warten kann. Rechtfertigen muss sich allenfalls noch, wer das Klima schädigt oder am Sonntag zur „Tatort“-Zeit anruft.

Doch es gibt auch den anderen Blick: Da erlebt mit dem Pilgern ausgerechnet einer der ältesten aller „Heilswege“ eine neuzeitliche Renaissance. Da suchen Menschen in „Kirchen der Stille“  spirituelle Antworten auf Fragen, die sonst kein Gehör finden, und lange Kirchennächte werden  zu Publikumsrennern

Vielleicht könnte einen allzu oft medial verzerrten Luther dies besänftigen: „Seelenheil“ ist trotz anderslautender Werbeversprechen auch 2012 für kein Geld der Welt der haben. Umso mehr lohnt es sich, gut lutherisch darüber zu streiten: Wie kommen wir in den Himmel? In der dritten gemeinsamen Ausgabe der evangelischen Kirchenzeitungen im Norden von der holländischen bis zur polnischen Grenze machen sich die Redaktionen anlässlich des bevorstehenden Reformationstags gemeinsam auf die Suche nach Antworten.

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