2012_10_24

Bild: brausemobil / photocase.com

Uhrwerk mit eigener Seele

Tagesthema 23. Oktober 2012

Das Schmuckstück spinnt um fünf Minuten

«So ein Uhrwerk hat seine ganz eigene Seele», sagt Jörg-Dieter Besch vom Turmuhren-Museum im niedersächsischen Bockenem. Die Zeiger einfach weiterzudrehen, das geht nicht. Dank moderner Funkuhren sei die Umstellung auf die Winterzeit an diesem Sonntag für viele Menschen zur Nebensache geworden. Wenn der Zeitmesser aber über ein mechanisches Werk verfügt und an einem Kirchturm, einer Schule oder einem herrschaftlichen Anwesen angebracht ist, erfordert die Umstellung manchmal Kraft und manchmal Geduld.

Angelika Turk steigt spätestens jeden zweiten Tag zur Turmuhr der St. Marienkirche in Ahlum bei Braunschweig hinauf. Die Mechanik aus dem Jahr 1913 hat die Ausmaße eines Wandschranks. Trotz ihrer Wuchtigkeit scheint ihr ein kindliches Gemüt innezuwohnen. «Das Schmuckstück spinnt spätestens nach einer Woche um fünf Minuten in die eine oder andere Richtung», sagt die Küsterin.

Im Dunkeln sieht keiner die Zifferblätter am Kirchturm

Zeitumstellung
Mit einer großen Handkurbel zieht Angelika Turk (Foto vom 19.03.12) die Turmuhr der St. Marienkirche in Ahlum bei Wolfenbüttel auf. Die 57-Jährige Küsterin betreut die 1913 erbaute Uhr der Firma Weule seit rund zehn Jahren. Für die Umstellung auf die Winterzeit am Sonntag muss sie einige Zahnräder lösen und die Uhr beschleunigt vorlaufen lassen. Bild: Björn Schlüter

Schon im Alltag ist der Aufwand, um Zahnräder, Pendel und Schlagwerk in Gang zu halten, enorm. Mit einer großen Handkurbel muss die 57-Jährige insgesamt vier 70 Kilogramm schwere Gewichte bis unter das Turmdach hieven, sonst würde das klangvolle Ticken der Uhr spätestens am dritten Tag verstummen. «Wer so eine Uhr betreut, braucht kein Fitnessstudio mehr», sagt sie. Die Umstellung auf Winterzeit ist allerdings eher eine Gedulds- als eine Kraftprobe.

Am Sonnabend werde sie kurz nach 18 Uhr in den Turm steigen, wenn die Glocke zum letzten Mal für den Tag geläutet hat, verrät Turk: «Dann wird die Uhr einfach eine Stunde angehalten.» Von der «stillen Stunde» bekommen die Dorfbewohner in der Regel nichts mit. «Es ist dann ja schon dunkel und keiner sieht mehr die Zifferblätter am Kirchturm. Sonntag zum Gottesdienst stimmt die Anzeige dann wieder», sagt Turk mit verschwörerischem Lächeln.

Weule-Uhren laufen in der ganzen Welt

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In der Nacht von Samstag auf Sonntag wird von Sommerzeit wieder auf Mitteleuropäische Zeit umgestellt: Um 3 Uhr - blauer Wecker - ist es dann 2 Uhr - roter Wecker. Bild: Steffen Schellhorn / epd-Bild

Gebaut wurde die Ahlumer Uhr von der Firma Weule, die von 1848 bis 1953 Turmuhren und Glockenspiele herstellte und als eines der weltweit führenden Unternehmen auf diesem Gebiet galt. Weule-Uhren liefen und laufen in Russland ebenso wie in den USA, in Südamerika oder Südafrika. Sie zeichnen sich durch wenig Verschleiß und hohe Reparaturfreudigkeit aus.

Nach und nach werden aber immer mehr Mechaniken durch elektronisch gesteuerte Uhren ersetzt. Moderne Funkturmuhren brauchen weniger Wartungsaufwand und gehen deutlich genauer. Die Braunschweiger Atomuhr als ihr Taktgeber unterliegt nur einer Gangabweichung von einer bis drei milliardstel Sekunden pro Tag.

Im richtigen Moment alles wieder festziehen

In vielen Kirchen steht die alte Turmuhr deshalb nur noch als Ansichtsexemplar. So auch in der Klosterkirche in Riddagshausen. Küster Rudolf Schäfer verlässt sich voll auf seine «Zauberbox mit Funkempfang». Alte Uhren haben natürlich ihren Reiz, sagt der 61-Jährige: «Ich bin aber froh, dass ich hier nur noch auf einen Knopf drücken muss und oben bimmelt es.» Angelika Turk wäre manchmal schon zufrieden, wenn alle Zifferblätter ihrer Turmuhr die gleiche Zeit anzeigten.

«Die Lager und Umlenkrollen sind schuld, dass es da nicht ganz passt», sagt sie. Und im Frühjahr wird sie Kraft brauchen, um die Sommerzeit einzustellen. Mit einem Schraubenschlüssel werden dann vorsichtig Teile der Mechanik gelöst, damit das Uhrwerk beschleunigt eine Stunde vorlaufen kann. Mit vollem Körpereinsatz müssten sie und ein Helfer gegenhalten, damit die Gewichte nicht unkontrolliert zu Boden sausen. «Und natürlich müssen wir im richtigen Moment alles wieder festziehen.»

Björn Schlüter (epd)

Kraft- und Geduldsprobe

Moderne Funkuhren übernehmen automatisch die Umstellung auf Winterzeit an diesem Wochenende. Bei mechanischen Kirchturmuhren ist allerdings Körpereinsatz gefragt. Je nach Jahreszeit wird die Zeitumstellung mal zur Kraft- und mal zur Geduldsprobe.

"Der du Zeit in Händen hast"

"Der du die Zeit in Händen hast,
Herr, nimm auch dieses Jahres Last
und wandle sie in Segen.
Nun von dir selbst in Jesus Christ
die Mitte fest gewiesen ist,
führ uns dem Ziel entgegen."

So die erste Strophe eines Gedichtes von Jochen Klepper, das nicht nur zum Jahreswechsel gesungen werden kann (Evangelisches Gesangbuch 64) - auch an den Wochenenden der Zeitumstellung erinnert es, dass Zeit "ein Geschenk Gottes" ist.

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Briefmarke zum 50. Todestag von Jochen Klepper mit dem Ausgabepreis: 100 Pfennig. Erstausgabetag: 11. Mai 1992,  Michel-Katalog-Nr: 1643,  Herausgeber: Deutsche Bundespost, Designer: Gerd Aretz

Jochen Klepper ist einer der bedeutsten Schriftsteller und Dichter der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Todestag jährt sich am 11. Dezember zum 70. Mal. Weil er mit einer Jüdin verheiratet war und geblieben ist, war er im Dritten Reich antisemitischen Verfolgungen ausgesetzt. Nachdem die Ausreise seiner jüngsten Tocher ins rettende Ausland gescheitert war und die Gerüchte sich verdichteten, dass Mischehen mit Partnern jüdischen Glaubens zwangsgeschieden würden, findet sich als letzter Eintrag in seinen Tagebüchern: „Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“

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Cover

Fritz Baltruweit, selbst bekannter Texter und Komponist zahlreicher Kirchenlieder, nähert sich dem Leben und Werk Jochen Kleppers auf seine ganz eigene Weise. Der 1955 geborene Pastor und Liedermacher begegnet dem, der 13 Jahre vor seiner Geburt verstorben ist. Mit seinen Texten und Gedanken korrespondieren ganzseitige farbige Bilder, die dieses Buch zu einem ganz besonderen Lesebuch und kostbaren Geschenk machen. Entstanden ist ein Lesebuch mit 24 Seiten für Ineressierte an Kirchenmusik und Lyrik, für Freunde feinsinniger Texte,.

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