2012_10_23

Bild: Dieter Sell

Wandelnde Klagemauer

Tagesthema 22. Oktober 2012

Deutschlands dienstältester Polizeiseelsorger geht in den Ruhestand

Er ist Deutschlands dienstältester evangelischer Polizeipastor. Fast 30 Jahre hat der Bremer Peter Walther Beamten begleitet. Im Regen. 36 Stunden am Stück. Wenn es galt, eine Todesnachricht zu überbringen.

"Absoluter Schwachsinn" - als er gefragt wurde Polizeipastor zú werden

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Ein letztes Mal vor dem zentralen Bremer Polizeipräsidium: der dienstälteste evangelische Polizeipastor geht in den Ruhestand. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Langsam kriecht der Regen unter den schwarzen Talar. Aber Bremens Polizeipastor Peter Walther lässt sich nicht beirren. Kripomann Thomas Irmer alias „Crazy Tom“ hat sich partout in den Kopf gesetzt, seine Frau Beate unter freiem Himmel zu heiraten. Das es da jetzt Hunde und Katzen regnet - geschenkt. Walther bleibt tropfnass an der Seite der Paares, das von Dutzenden Kollegen umringt leicht fröstelnd die Ringe tauscht. Eine typische Szene für Deutschlands dienstältesten evangelischen Polizeiseelsorger, der an diesem Mittwoch in den Ruhestand verabschiedet wird.

Bundesweit sind nach Angaben der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) rund 120 Polizeiseelsorger im Einsatz, davon etwa 45 hauptamtlich. Dass Walther mal dazugehören würde, das war anfangs gar nicht klar. „Ich und Polizeipastor? Absoluter Schwachsinn“, war die spontane Reaktion des heute knapp 63-Jährigen, als ihm das Amt angetragen wurde.

Nicht rumeiern

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Bundesweit sind nach Angaben der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) rund 120 Polizeiseelsorger im Einsatz, davon etwa 45 hauptamtlich. Deutschlands dienstältester evangelischer Polizeipastor, Peter Walther, geht nun in den Ruhestand. Bild: Dieter Sell

Der friedensbewegte Kasernen-Blockierer studierte in der heißen 1968er-Phase Theologie, hielt nichts von Hierarchien, trug nie eine Uniform, dafür aber Palästinenser-Tücher. Distanz zur Staatsgewalt? Linke Ehrensache. Gut, dachte Walther sozialromantisch verklärt: „Vielleicht kann ich vermitteln, wenn die Polizei übergriffig wird. Wenn's nicht klappt, werf' ich den Kram mit Bombast hin.“

So gepolt traf er auf Beamte, die ihrerseits ein Bild im Kopf hatten und ihm zu verstehen gaben: „Eigentlich brauchen wir hier keinen Pastor.“ Doch das hat sich über die Jahre gründlich geändert. Wenn Walther heute nach fast 30 Dienstjahren als Polizeipastor durch die Stadt geht, grüßen viele Uniformierte den Mann, der sich in seiner Freizeit gern beim Saxophon-Spielen entspannt. Etliche haben ihn im berufsethischen Unterricht, in Krisengesprächen, bei Seminaren oder in Einsätzen kennengelernt. Für manchen ist er zur Klagemauer geworden. Dienstlich sowieso. Und manchmal auch privat.

Er sei für die Beamten eine feste Größe gewesen, „besonders in emotional belastenden Situationen“, lobt Bremens Polizeipräsident Lutz Müller. Gerade, wenn es galt, eine Todesnachricht zu überbringen. Die erste Situation dieser Art hat er im August 1988 erlebt, beim Gladbecker Geiseldrama. Damals starb die 18-jährige Silke Bischoff. Zusammen mit einem Polizisten überbrachte Walther der Familie die Todesnachricht.

Seither weiß er um die Dramatik: „Wenn wir die Nachricht überbringen, machen wir mit einem großen Hebel eine Falltür unter den Füßen von Leuten auf, für die das Leben bis eben noch in Ordnung war.“ Trotzdem war er immer dafür, nicht rumzueiern, nicht in Floskeln von Menschen zu sprechen, die „von uns gegangen“ oder „eingeschlafen“ sind.

Fester Begleiter - zur Not auch mitten in der Nacht

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Deutschlands dienstältester evangelischer Polizeipastor, Peter Walther, geht in den Ruhestand. Fast 30 Jahre hat der knapp 63-jährige Bremer Beamten begleitet. Bild: Dieter Sell / epd-Bild

Bei der Wahrheit bleiben, die Angehörigen in solchen Ausnahmesituationen nicht alleine lassen, ihre Emotionen aushalten - das war die Linie von Walther, der in Bremen auch die Notfallseelsorge gegründet hat. Und das galt natürlich auch für die Einsatzkräfte. Stress, Schichtdienst, massenweise Überstunden, stetig steigende Gewalt selbst biederer Bürger gegen die Polizei - Walther stand über Jahrzehnte an der Seite der Beamten.

So wie im niedersächsischen Wendland, wenn Castoren ins atomare Zwischenlager nach Gorleben eskortiert werden mussten. Die Beamten handeln dabei wie sonst auch in staatlichem Auftrag, in Gorleben aber gegen den Willen der Bevölkerung, die deshalb in den Einsatzkräften oft nicht den Schutzmann, sondern den Feind sieht.

Vermitteln, wie früher mal gedacht, war da nicht drin. Also half Walther den Polizisten, Frust und aufkeimende Aggressionen zu sortieren. „Natürlich wollte ich, dass die alle heil nach Hause kommen“, sagt er rückblickend und erinnert sich an „seine Leute“, mit denen er 36 Stunden am Stück im Wendland verbracht hat. Das blieb nicht ohne Folgen. In einem Buch zum Abschied schreiben Beamten von Urvertrauen, das sich entwickelt habe, vom „festen Begleiter“, der mit ruhiger Art dagewesen sei. Zur Not auch mitten in der Nacht.

Von Dieter Sell (epd)

Und einer fährt im Polizeiauto mit:

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Ohne Teddy an Bord gehen Hardi Helbich (links) und Ingo Berndt nicht auf Streifenfahrt. Sie haben bereits erfahren, wie sehr so ein Teddy ein Kind nach einem schlimmen Erlebnis trösten kann. Bild: epd-bild/Jörg Nielsen

Deutsche Teddystiftung verteilt mehr als 120.000 kuschelige Seelentröster: 

Blaulicht zuckt über die nasse Straße. Im Graben liegt ein Kombi auf dem Kopf. Am Straßenrand sitzt ein blasser fünfjähriger Junge mit einem Teddy auf seinem Arm und wischt sich die Tränen ab. Den Bären hat er gerade von einem Polizisten geschenkt bekommen - zum Trösten.

Wenn in Deutschland Polizei, Feuerwehr oder Rettungswagen mit Blaulicht und Sirene unterwegs sind, ist er fast immer dabei: Ein Kuschelbär der Deutschen Teddy-Stiftung mit Sitz im ostfriesischen Esens.

Teddy tröstet - mehr über den kuscheligen Begleiter im Einsatzwagen
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Schriftzug Polizei auf weißem Stoff Bild: skyla80 / photocase.com

Seelsorge für Menschen in Konflikten und besonderen Lebenssituationen lässt sich anhand verschiedener seelsorgerlicher Handlungsfelder exemplarisch darstellen. Die grundlegenden Inhalte und Arbeitsformen der Polizeiseelsorge in der Landespolizei Niedersachsen auf den Internetseiten über die Polizeiseelsorge.

"Wir für Sie": Polizeiseelsorge - mit Kontakthinweisen.

In der Region für die Menschen

Notfallseelsorge im Einsatz
Bild: Daniel Rennen / pixelio.de

Ein System der Notfallseelsorge gibt es in fast allen Kirchenkreisen unserer Landeskirche. Alarmiert wird die Notfallseelsorge ausschließlich von den Leitstellen der Feuerwehren und Rettungsdienste.
Die Notfallseelsorge wird in der Regel alarmiert bei:

  • Todesfällen im häuslichen Bereich
  • der Überbringung einer Todesnachricht (gemeinsam mit der Polizei)
  • Tod und schweren Verletzungen von Kindern
  • Unfällen auf der Straße
  • Bränden
  • Suizid
  • Gewaltverbrechen

Notfallseelsorge ist „Hilfe für die Seele“ in einer Situation, in der für die Menschen nichts mehr so ist, wie vorher.

"Wir für Sie": Notfallseelsorge