2012_10_21

Elbe mit der Siluette Dresdens, Bild: ringo / photocase.com

Lieder am Fluss

Tagesthema 20. Oktober 2012

Elbe von der Quelle an die Mündung

Klaus-Uwe Nommensen
Klaus Uwe Nommensen

Singend zog die Revolte mit der Elbe flussaufwärts und flussabwärts. Lieder trugen sie von dort ins Land hinein. Reformation, Gesang und Elbe sind unzertrennbar miteinander verbunden. Für den hannoverschen Pastor Klaus-Uwe Nommensen Anlass für eine außergewöhnliche Reise entlang der Elbe.

In dem neuen Buch „Mein Herz ist eine Quelle“ stellt er Landschaft, Geschichte und Kultur sowie Städte und kleinere Orte an der 1000 Kilometer Elbe in einzelnen Kapiteln vor. Einen Schwerpunkt bilden die Kurzporträts von 64 Dichtern und Komponisten aus knapp fünf Jahrhunderten protestantischer Liedgeschichte. Sie haben entlang der Elbe gelebt oder gewirkt und mit ihnen weit über die Täler und die Auen des Flusses hinaus ihre Lieder, angefangen bei den böhmischen Brüdern und den Wittenberger Reformatoren.

Bizarre Felsentürme - Litoměřice bis Dresden

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„Gesangbuch Der Brüder in Behemen und Merherrn, die man aus haß und neid Pickharden, Waldenses [et]c. nennet. Von jnen auff ein neues (sonderlich vom Sacrament des Nachtmals) gebessert, vnd etliche schöne neue Geseng hinzu gethan “. Gedruckt bei Gerlach und Berg in Nürnberg, 1585. Bild: Klaus-Uwe Nommensen

Bei Litoměřice (Leitmeritz) schlägt die Elbe nun ihren endgültigen Weg in Richtung Nordwesten ein, zur Rechten und zur Linken erheben sich Berge aus Vulkangestein. Apfel- und Pflaumenbäume säumen die Ufer. Kurz bevor der Fluss die Stadt Ústí nad Labem (Aussig) erreicht, überragt seit dem 14. Jahrhundert die Burg Schreckenstein das rechte Elbufer, mehrfach Motiv für Werke romantischer Maler und Dichter.

Die Stadt selbst entwickelte sich nach langer Bedeutungslosigkeit vom 19. Jahrhundert an zu einer wichtigen Industriestadt. Sie bezahlte diesen Aufstieg allerdings mit dem Verlust historischer Plätze. Auch Děčín (Tetschen-Bodenbach), die nächste Stadt rechts und links der Elbe, ist zur Industriestadt geworden.

„Wenn Du mich siehst, dann weine“ ist unter einer Děčíner Brücke als Inschrift auf einem Basaltquader im Fluss, dem „Hungerstein“, zu lesen. Wurde dieser Stein sichtbar, musste die Schifffahrt auf der  Elbe eingestellt werden, Hunger und Not waren die Folge.

Plötzlich säumen bizarre Felsentürme und wilde Schluchten die Elbe. Die Erde hat hier mit ihren Kräften wunderliche Formen und verwunschene Täler geschaffen. Im Terziär hoben sich die  Sandsteinplatten und zerbarsten. Die Elbe und ihre Nebenflüsse suchten sich ihre Wege hindurch, fraßen sich in das 100 Millionen Jahre alte Gestein.

„Böhmische Schweiz“ wurde der Teil des Elbsandsteingebirges  bis zur Grenze nach Deutschland benannt, von dort an heißt es „Sächsische Schweiz“. Der größte Sandsteincanyon Europas bietet nicht nur seine vielfältigen Felsstrukturen, sondern beherbergt  auch viele ungewöhnliche Tier- und Pflanzenarten.

Der Mensch begann, den Sandstein zu nutzen, baute ihn vor Ort ab und in Dresden, Hamburg, Berlin, Magdeburg, Wittenberg, Kopenhagen und vielen weiteren Orten Europas zu Kirchen, Schlössern, Brücken und Toren wieder auf.

Mitten im Elbsandsteingebirge, zehn Kilometer im Norden von Děčín, passiert die Elbe die tschechisch-deutsche Grenze und ist einige Kilometer selbst Grenzfluss. Der Ort Hřensko war bereits seit Jahrhunderten Zollstation zwischen dem Kaiserreich Österreich und dem Königreich Sachsen.

Hinter Bad Schandau umschlingt die Elbe den Lilienstein, einen der weit sichtbaren Tafelberge. Ihm gegenüber in 240 Metern Höhe steht uneinnehmbar die Festung Königstein, die mächtigste Befestigungsanlage Deutschlands. Johann Friedrich Böttger und August Bebel wurden hier gefangen gehalten. In Kriegszeiten diente die Burg als Kriegsgefängnis. Im 2. Weltkrieg verbrachten die Nationalsozialisten in 450 Kisten verpackt die Dresdner  Kunstschätze dorthin.

Der Klang der Elbe

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Sein Buch sei „ein Reisebegleiter besonderer Art“, erklärt Nommensen und lädt mit dem Buch ein, dieses und das Gesangbuch zu einer realen oder einer gedachten Reise mit auf „Entdeckertour“ zu nehmen.