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Bild: Alamodefilm

Gnade: Verzeihen befreit

Tagesthema 19. Oktober 2012

Schaupieler Jürgen Vogel findet Verzeihen befreiend

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Redakteur Lukas Schienke (ekn) interviewt Schauspieler Jürgen Vogel zum Kinostart des Films „Gnade“. Bild: ekn

Der Schauspieler Jürgen Vogel findet es befreiend, einem anderen Menschen zu verzeihen. Sonst belaste ein Problem einen Menschen manchmal viel länger, sagte Vogel am Donnerstag im Interview mit dem Evangelischen Kirchenfunk (ekn). „Wenn du dann verzeihst, beschäftigt dich das gar nicht mehr so lange. Du kannst besser damit umgehen.“ Er wolle in keiner Welt leben, in der es keine Gnade gebe. Manchmal bräuchten aber Verletzungen auch eine bestimmte Zeit, um zu heilen. Dabei gebe es keine Faustregel.

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Plakat zum Film „Gnade“. Bild: Alamodefilm

In dem Film „Gnade“ spielt Vogel einen Ehemann, der mit Frau und Sohn nach Norwegen zieht. Dort suchen sie einen Neustart für ihr Leben, doch die Ehe kriselt. Sie stürzt sich in Arbeit, er beginnt eine Affäre. Dann verursacht die Frau einen nächtlichen Autounfall und begeht Fahrerflucht. Als sie sich ihrem Mann anvertraut, finden die Eheleute wieder zueinander.

Vogel sagte dem ekn, es sei sehr menschlich, dass Krisen zusammenschweißen und Beziehungen wieder wichtig machen könnten. „Ich glaube, das Leben ist so.“ Der Film um Schuld und Sühne berühre auch ethische Fragen. Es gehe um Bedürfnisse, die unabhängig von Religion bestünden. Dazu gehöre es, für einander da zu sein und einander zu helfen. „Sonst hätten wir Menschen gar nicht überlebt.“ Auch die Religion könne Menschen zusammenhalten. Er selbst halte jedoch von der Kirche als Institution nichts. „Das finde ich so unfrei.“

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Grandiose Bilder einer diffus illuminierten Eiswüste

Zwischen Niels und Maria läuft es nicht besonders. Um die Ehe zu kitten, wagt das Paar gemeinsam mit dem pubertierenden Sohn Markus einen Neuanfang in Norwegen am nördlichen Polarkreis. In einem schnuckeligen roten Holzhaus mit Blick auf den Fjord soll alles besser werden. Doch der idyllische Aussteigertraum mit Schafzucht kann ihre marode Beziehung nicht retten. Während sie Doppelschichten in einem Hospiz für todgeweihte Kinder schiebt, geht er heimlich fremd. Warum er noch immer nicht Norwegisch gelernt habe, fragt Maria ihren Gatten am Küchentisch. Lass das mal meine Sorge sein, gibt er einsilbig zurück und stochert lustlos in seinem Essen herum. Harmonie sieht anders aus.

Diese Szenen einer Ehe bilden den Ausgangspunkt einer aufwendigen Produktion, die Matthias Glasner nach einem Buch des preisgekrönten dänischen Autors Kim Fupz Aakeson realisierte. Der Regisseur knüpft an seine kontrovers aufgenommenen Filme „Der freie Wille“ und „This Is Love“ an, in denen er von einem Vergewaltiger und der pädophilen Liebe eines Mannes zu einer achtjährigen Vietnamesin erzählte. Nicht minder ungewöhnlich erscheint auch jene Wendung, dank derer die entfremdeten Eheleute in Gnade wieder zueinanderfinden: Nach einem nächtlichen Autounfall begeht Maria Fahrerflucht. Tage später erfährt sie aus der Zeitung, dass durch ihre unterlassene Hilfeleistung ein Schulmädchen tödlich verletzt wurde. Statt zur Polizei zu gehen, vertraut sie sich nur ihrem Mann an. Merkwürdigerweise wächst gerade dadurch das Vertrauen zwischen Nils und Maria wieder.

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Regisseur Matthias Glasner im Interview über seine Idee für das Drehbuch zum Film „Gnade“. Bild: ekn

Dieses überraschende Aufkommen von Nähe gibt Rätsel auf, die Glasner psychologisch auszuleuchten versucht. So erzählt Niels den Vorfall seiner heimlichen Geliebten, mit der er bislang nur animalischen Sex hatte. Sie frohlockt, weil er endlich etwas Persönliches preisgibt. Als er dann die Affäre beendet, um zu seiner Frau zurückzukehren, zieht sie sich diskret von der Bildfläche zurück. Die Motivation dieser Frauenfigur ist ebenso schwer nachvollziehbar wie der Wandel zwischen Niels und Maria: Wodurch wird eine Ehefrau, die sich schuldig machte, plötzlich wieder erotisch attraktiv? Die Frage ist nicht uninteressant, doch Glasners Versuch ihrer Beantwortung wird vielleicht nicht alle Zuschauer überzeugen. 

Für das schlechte Gewissen, das die Eltern innerlich zu zerfressen droht, versucht Glasner Bilder zu finden. Und tatsächlich ist seine Visualität die Stärke des Films: Die Geschichte spielt während des eigenartigen Halbdunkels in den Wintermonaten, wenn es die Sonne am Nordkap nicht mehr über den Horizont schafft. Glasner und seinem Kameramann gelingen grandiose Bilder dieser diffus illuminierten, endlosen norwegische Eiswüste. Als Abbild der „vereisten“ Beziehung zwischen Maria und Niels erscheint die Metapher der „Seelenlandschaft“ auf den ersten Blick vielleicht etwas konventionell, auf längere Sicht aber gewinnt die Inszenierung den Meer- und Bergpanoramen immer wieder neue Akzente ab. Die Darsteller ziehen alle Register. Als gutmenschelnde Krankenschwester wirkt Birgit Minichmayr auf irritierende Art überzeugend, während man in Jürgen Vogels Figur seine charakteristische Leinwandpersona wiedererkennt.

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Redakteur Lukas Schienke (ekn) im Interview mit Schauspieler Jürgen Vogel, im Kino am Raschplatz in Hannover. Bild: ekn

Um eine geheimnisvolle Atmosphäre zu erzeugen, bricht Glasner die Perspektive. Der Sohn beobachtet seine Eltern durch die Linse seines iPhones und dreht aus den Wackelbildern ein Homevideo mit Horroranmutung. So gelingen beeindruckende Momente: Wenn der Sohn seinen Selbstmord oder zumindest einen Unfall fingiert, um mitzuschneiden, wie Vater und Mutter im Dreieck springen, dann geht das Thema des Films plötzlich unter die Haut.

Der Regisseur ist sehr um Authentizität bemüht, lässt seine Protagonisten über weite Strecken sogar deutsch untertiteltes Norwegisch und Englisch sprechen. Mit 130 Minuten ist das Drama eine Spur zu lang geraten. Ein gewisses Ungleichgewicht zwischen dem großen formalen Aufwand und der nicht durchweg überzeugenden Geschichte um Schuld und Sühne wird offenbar.

Katharina Grimnitz / epd-Film

Gespräch mit Jürgen Vogel

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Seit wenigen Tagen läuft Matthias Glasners neuer Film „Gnade“ in den Kinos. In der Hauptrolle spielt Jürgen Vogel einen Ingenieur, der mit Frau und Sohn nach Hammerfest in Norwegen auswandert, um der brüchigen Beziehung eine letzte Chance zu geben. Doch der Plan geht nicht auf, bis Ehefrau Maria eines Nachts einen schrecklichen Unfall verursacht.

Lukas Schienke vom Evangelischen Kirchenfunk Niedersachsen hat Jürgen Vogel bei der Filmpremiere in Hannover getroffen und sich mit ihm über Gnade, Schuld und Vergebung unterhalten.