Blasphemie - strengere Gesetze nötig?

Tagesthema 17. Oktober 2012

Themen der Zeit im Widerstreit der Meinungen

Muss Gotteslästerung verboten werden?

„Mehr Respekt vor dem religiösen Empfinden: Muss der “Blasphemie“-Paragraf verschärft werden?“ Die Diskussion um das „Mohammed“-Video hat eine alte Diskussion wieder aufkochen lassen. Die Evangelische Zeitung hat zwei Bischöfe gebeten, ihre Meinung aufzuschreiben und als Pro und Contra einander gegenüber gestellt:

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Ludwig Schick

Gesetzlich ist die Gotteslästerung im sogenannten Blasphemie-Paragrafen 166 thematisiert. Er stellt die Beschimpfung einer Religion unter Strafe, wenn der öffentliche Friede gestört wird. Der „Wenn-Satz“ benachteiligt die Christen, die durch das Evangelium zur Gewaltlosigkeit verpflichtet sind. Sie dürfen nicht den öffentlichen Frieden stören und niemals andere verletzen oder gar töten – wie es durch radikale Gruppen in der islamischen Welt geschieht.

Dabei hätten auch Christen immer wieder Grund, ihre Empörung zu zeigen. Weil jedoch von Christen keine Reaktion zu erwarten ist, „die den öffentlichen Frieden stört“, gibt es keine juristische Handhabe gegen Schmähungen der christlichen Religion. Bei Beleidigung des Islam, schaltet sich zum Beispiel das Innenministerium ein und lässt ein Verbot prüfen. Das ist richtig und vom Gesetz gefordert, weil der öffentliche Friede gefährdet ist. Bei Jesus und dem Christentum geschieht dagegen nichts.
Die Regelung des Paragrafen 166 führt zu einer Ungleichbehandlung: Er schützt Extremisten, die oft Religion politisch missbrauchen, und er lässt die zur Gewaltlosigkeit Verpflichteten im Stich. Darin liegt ein Problem. Es geht nicht um Verschärfung, sondern um Gleichbehandlung. Vor allem müssen wir Christen hier die Gleichbehandlung unserer Glaubensgeschwister in muslimisch geprägten Nationen einfordern. Sie werden dort oft durch Gesetz und Praxis bezüglich Religionsfreiheit und Respekt vor ihrer Religion als Bürger zweiter oder dritter Klasse behandelt.

Beim Blasphemieverbot geht es aber um mehr als um Paragrafen. Es geht um die Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? In einer Gesellschaft, die von Respektlosigkeit, Verachtung und Schmähung anders Denkender geprägt ist oder in einer Gesellschaft, wo Toleranz und Achtung herrschen? Respekt vor religiösen Überzeugungen und Gefühlen soll für den christlichen wie für jeden anderen Glauben gelten. Dafür müssen die Staaten und Regierungen entsprechende Gesetze erlassen.

Dr. Ludwig Schick, Erzbischof des Erzbistums Bamberg.

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Ralf Meister

Der Forderung „Wir brauchen mehr Respekt vor dem religiösen Empfinden“ werden nur die harten Gegner jeder Religion ernsthaft widersprechen. Als moralischer Appell hat sie ihr Recht, aber eine damit verbundene Einschränkung der Meinungsfreiheit würde weit über das Ziel hinausschießen!

„Respekt vor dem religiösen Empfinden“ – wo wollen wir da anfangen und wo aufhören? Zur Zeit der Reformation spielten Flugblätter eine große Rolle. Gegenüber deren Abbildungen – ein Drache mit der Papst-Tiara auf dem Kopf, der Teufel mit Luther als Sackpfeife – wirken die aktuellen Titanic-Titelblätter fast schon harmlos.

Zeitsprung: Die 1979 erschienene bitterböse Monty-Python-Satire „Das Leben des Brian“ – soll die nun im Nachhinein verboten werden? Und noch ein kleiner Zeitsprung: das islamische Hass-Video, das die Blasphemie-Debatte neu hochgespielt hat – tangiert es wirklich eine grundgesetzlich garantierte Freiheit?

Die Entwicklung der aufgeklärten freiheitlich-demokratischen Gesellschaft mit ihrer Trennung von Kirche und Staat steht unter der Prämisse der Freiheit, die im Grundgesetz in persönliche Freiheitsrechte, Gewissensfreiheit, Glaubensfreiheit, Meinungsfreiheit, Freiheit der Kunst und der Wissenschaft sowie Versammlungsfreiheit aufgefächert ist. Diese Freiheiten sind unantastbar.

Aber sie sind keineswegs grenzenlos. Im Grundgesetz heißt es: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, so weit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

Dieses „so weit“ muss aber – um der Freiheit willen – stets Gegenstand des offenen, freiheitlich und transparent geführten gesellschaftlichen Diskurses bleiben, der selbstverständlich auch andere Religionsgemeinschaften mit einschließt. Das haben wir in den letzten Jahrhunderten gelernt, auf diesem Stand möchte ich bleiben.

Ralf Meister, Landesbischof der Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers.

„Das Leben des Brian“ - Steinigung

Eine der bekanntesten Szenen aus dem Film, auf dem Channel von Youtube.

Vorsicht: Blasphemie

In den vergangenen Jahren beschwerten sich alle Religionen und Konfessionen in Deutschland wieder vermehrt über blasphemische Aktionen. Interessant dabei: Immer agieren die anderen blasphemisch. Die eigene Religion oder Konfession wird selten als blasphemisch wahrgenommen. Das gibt zu denken.

„Nach evangelischer Lesart des Christentums kann es gar keine Blasphemie geben. Denn was könnte blasphemischer sein als der Gedanke, Gott stirbt am Kreuz? An diesem Punkt ist das Allerheiligste nicht mehr abgrenzbar: Der Vorhang im Tempel zerreißt. Doch der Tod siegt nicht. Und mit dem Schlusschoral des Weihnachtsoratoriums singen wir: Nun seid ihr wohlgerochen an eurer Feinde Schar. Denn Christus hat zerbrochen, was euch zuwider war. Tod, Teufel, Sünd und Hölle sind ganz und gar geschwächt. Bei Gott hat seine Stelle das menschliche Geschlecht....“

Respekt vor dem, was anderen heilig ist, sei eine „Frage des Anstandes“ schreibt Harald Schroeter-Wittke, Professor für Didaktik der Evangelischen Religionslehre an der kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Paderborn, in der neuesten Ausgabe der Evangelischen Zeitung.

Den gesamten Beitrag von Harald Schroeter-Wittke online lesen...

Kirchenkabarett braucht eine eigene Ethik

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Matthias Schlicht. Bild: privat

Matthias Schlicht beschreibt, wie eine Kirchenkabarett-Ethik aussehen kann, an die er sich als Pastor und Kabarettist selbst hält: „Während persönliche religiöse Emotionen außen vor bleiben, finden sich genügend andere kirchliche Themen, die ein Lachen verdienen. Ganz im Sinne von Hanns Dieter Hüschs 'Psalm': 'Was macht, dass ich so unbeschwert und mich kein Trübsal hält? Weil mich mein Gott das Lachen lehrt wohl über alle Welt'.“ Wie er seine Kabarett-Ethik gefunden hat und selbst zum Kabarettisten geworden ist, ist nachzulesen in der Evangelischen Zeitung.

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Der umstrittene Paragraf 166

Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen:
(1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Ebenso wird bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) eine im Inland bestehende Kirche oder andere Religionsgesellschaft oder Weltanschauungsvereinigung, ihre Einrichtungen oder Gebräuche in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören.

aus: Strafgesetzbuch, 11. Abschnitt – Straftaten, welche sich auf Religion und Weltanschauung beziehen

„Das Leben des Brian“ ist Lebensbejahung

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Dietmar Adler

Monty Pythons „Das Leben des Brian“ von 1979 nimmt mit schwarzem Humor die „Jesus-Streifen“ der damaligen Zeit auf die Schippe – und wird doch von vielen missverstanden.

Es gibt Sätze, die lassen einen ganzen Film vor dem inneren Auge erscheinen. „Jeder nur ein Kreuz!“ ist so ein Satz. Und viele wissen sofort Bescheid – und lächeln: „Das Leben des Brian“ der britischen Komikergruppe Monty Python. 1979 hat diese Spitzentruppe des schwarzen Humors, der (fast) nichts heilig ist, diese  Satire gedreht. Persifliert wird – ja was eigentlich? Zunächst mal die oft spöttisch „Sandalen-Filme“ genannten Jesus-Streifen. Aber macht sich der Film auch über Jesus lustig? Und über die, die an ihn als Heiland glauben?

Erzählt wird die Geschichte von Brian. Er wird zur gleichen Zeit wie Jesus geboren, und die Magier aus Morgenlanden irren sich in der Tür. Als sie merken, dass sie im falschen Stall sind, packen sie ihre Geschenke wieder ein und ziehen zum wahren Messias weiter.

Niemand muss sich Satire, über was auch immer, anschauen
33 Jahre später sehen wir Brian und seine Mutter. Sie sind von ferne Zeugen von Jesu Bergpredigt. Brian hat nun das Schicksal, dass er immer wieder versehentlich für den Heiland gehalten wird und darum von Menschen verehrt und bedrängt wird. Brian schließt sich der Volksfront von Judäa an, eigentlich will sie das Land von den Römern befreien, aber viel wichtiger scheint der Konflikt mit der Judäischen Volksfront zu sein – ein wunderbarer Seitenhieb auf die Zersplitterung revolutionärer Gruppen in den 1970er-Jahren.

Warum haben Menschen an dem Film Anstoß genommen, oft ohne ihn gesehen zu haben? Eine Satire, in der auf Jesus angespielt wird, wird anscheinend als Ärgernis empfunden. Da kann man noch so oft erklären, der Film mache sich gar nicht über Jesus lustig, sondern eher über das Genre der Jesus-Filme, die Zersplitterung der Widerstandsbewegungen und über fanatische Formen der Religiosität – Menschen fühlen sich verletzt. Auch der Hinweis fruchtet dann nicht: Kein Mensch ist gezwungen, sich eine Satire, über was auch immer, anzuschauen.

Ein freierer, unbefangener Umgang mit dem eigenen Glauben
Ein Anstoß für die Empörung über den Film war der Schluss. Die Massenkreuzigung ist als eine Infragestellung der Einzigartigkeit des Todes Jesu empfunden worden. Aber dass Jesus der Einzige war, der von den Römern gekreuzigt wurde, behauptet auch die Bibel nicht. Zu der Frage, ob der Tod dieses einen Menschen Bedeutung für andere hat, äußert sich der Film gar nicht. Er scheint sogar – trotz des schwarzen Humors –  eine gewisse Scheu zu haben, der Gestalt Jesu zu nah zu kommen.
Der Film ist zum Kultfilm geworden. Und ich habe den Eindruck: Gerade in kirchlichen Jugendgruppen gehört er zum gemeinsamen, stets wieder gern gesehenen und zitierten Repertoire – schon erstaunlich für einen 33 Jahre alten Film. Hier deutet sich ein freierer, unbefangener Umgang mit dem eigenen Glauben an.

Ein Verweis über die sichtbare Wirklichkeit hinaus
Meine einzige Anfrage an diesen Film knüpft aber auch an diese Kreuzigungsszene an. Ist es eine Verballhornung der Todesstrafe, wenn in der Schlussszene des Films die Gekreuzigten singen und pfeifen? Anstößig ist diese Szene für mich nicht deshalb, weil auch Jesus gekreuzigt wurde, sondern weil überhaupt Menschen in dieser qualvollen Weise getötet wurden.

Aber vielleicht ist ja der Inhalt des Liedes auch schon ein Verweis über die sichtbare Wirklichkeit hinaus. Die ehemaligen Akteure der Monty-Python-Truppe sollen bei der Trauerfeier für eines ihrer Mitglieder Jahre später das Schlusslied des Films gesungen haben: „Always look on the bright side of life!“ – „Schau stets auf die freundliche Seite des Lebens!“

Ein Stück Lebensbejahung angesichts des Todes, die dem christlichen Glauben zumindest nicht widerspricht.

Dietmar Adler, Pastor in Bad Münder und ein versierter Filmkenner.