2012_10_08

Bild: Jens Schulze

Taufe zwischen „High Explosive“ und „Shaker“

Tagesthema 07. Oktober 2012

Erstmals wird auf dem Oktoberfest in Hannover Gottesdienst gefeiert

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Ein Blick ins Gottesdienstprogramm. Bild: Jens Schulze

Im größten Festzelt auf dem Schützenplatz Hannover herrscht am Sonntag schon Betrieb, bevor die Fahrgeschäfte des Oktoberfestes öffnen. Rund 250 Menschen haben sich im „Marris“ versammelt, das ganz im Stil des bayrischen Vorbildes blau-weiß gestaltet ist. Vor der mit Kürbissen und Herbstblumen geschmückten Festbühne tummeln sich Kinder. Ein Altar und ein mobiles Taufbecken sind dort aufgebaut. Mit der Taufe des kleinen Dominik wird zum Erntedankfest erstmals ein Gottesdienst auf dem hannoverschen Schützenplatz gefeiert.

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Die Eltern, Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann und die Patin. Bild: Jens Schulze

Noch stehen die Achterbahn „High Explosive“ und das Karussell „Shaker“ zu beiden Seiten des Zeltes still. Der elf Monate alte Dominik bleibt gelassen, während die evangelische Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann Taufwasser über seinen Kopf träufelt. „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“, spricht sie ihm seinen Taufspruch zu. Seine Eltern hätten dieses Bibelwort gewählt, weil er viel Kraft und Besonnenheit brauche, um das harte Alltagsleben einer Schaustellerfamilie bewältigen zu können, erklärt die Theologin.

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Propst Martin Tenge und Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann. Bild: Jens Schulze

Dominiks Eltern, Harald Müller (48) und Marta Czyrko (31), freuen sich, dass der Gottesdienst ökumenisch gefeiert wird. Müller ist evangelisch, seine Lebensgefährtin katholisch. Der katholische Propst Martin Tenge hebt in seiner Ansprache hervor, dass es eine lange Tradition von Gottesdiensten während der Jahrmärkte gegeben habe. Es sei schön, wenn diese wiederbelebt werde, sagt er vor der Gemeinde aus Schaustellerfamilien und Volksfestgästen: „Wir verwandeln das Festzelt für einen Augenblick in eine Kirche.“

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Zeichen des Erntedanks. Bild: Jens Schulze

Dominik verschläft den größten Teil der Feier. Selbst die quirligen Mädchen und Jungen des Kinderchores „Kikimu“ wecken ihn zunächst nicht. Die elfjährige Stella Wolf aus seiner Großfamilie liest ein Psalmwort. Und der Vertreter des Schaustellerverbandes, Arthur Armbrecht, spricht ein traditionsreiches Dankgebet der Marktbeschicker.

Dominik Müller stammt aus einer alten Schaustellerfamilie, die in der siebten Generation auf Volksfesten mit Kinderkarussells, Spielständen und gastronomischen Betrieben unterwegs ist. „Die meisten Schausteller sind gläubige Menschen und mit Religion und Kirche tief verbunden“, sagt der Vater des Täuflings am Rande der Feier: „Wir erleben die Naturgewalten oft noch hautnah!“ Auch die anderen beiden Söhne Harald Müllers aus erster Ehe wurden auf Volksfesten im kleinen Kreis der Schaustellerfamilien getauft und konfirmiert.

Von Ines Goetsch (epd)