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Bild: Rike. / photocase.com

Fürchte dich nicht (BWV 228)

Tagesthema 06. Oktober 2012

Fürchte dich nicht, ich bin bei dir!
Weiche nicht, denn ich bin dein Gott.
Ich stärke dich, ich helfe dir auch,
ich erhalte dich durch die rechte Hand
meiner Gerechtigkeit. (Jes 41,10)
Fürchte dich nicht,
denn ich habe dich erlöset;
ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. (Jes 43,1)

Choral
Herr, mein Hirt, Brunn aller Freuden,
du bist mein, / ich bin dein,
niemand kann uns scheiden.
Ich bin dein, weil du dein Leben
und dein Blut, / mir zugut,
in den Tod gegeben.
Du bist mein, weil ich dich fasse,
und dich nicht, / o mein Licht,
aus dem Herzen lasse.
Lass mich dahin hingelangen,
da du mich/ und ich dich,
lieblich werd umfangen.
(Paul Gerhardt)

Die Motetten Johann Sebastian Bachs

Bach
Johann Sebastian Bach im Alter von 61 Jahren, von Elias Gottlob Haussmann, Kopie oder Zweitversion seines Gemäldes von 1746, Privatbesitz von William H. Scheide, Princeton, New Jersey, USA.

Die Motetten Bachs, über deren Entstehung wir bis heute sehr wenig wissen, stehen deutlich in der kirchenmusikalischen Tradition des 17. Jahrhunderts (vgl. z.B. die Psalm- und Evangelienmotetten von M. Franck, Vulpius, Schütz u.a). Eigentlich war die Gattung Motette ja schon aus der Mode gekommen, doch hat den Leipziger Musikdirektor möglicherweise gerade dies gereizt. Er führt sie (wie die Kantate) in einer bis dahin unerhört virtuosen und komplexen Weise zur kompositorischen und klanglichen Perfektion.

Dem Musikalischen Lexicon (1732) von Johann Gottfried Walther, einem Vetter J.S. Bachs, zufolge ist eine Motette „eine mit Fugen und Imitationibus stark ausgeschmückte, und über einen biblischen Spruch bloß zum Singen ohne Instrumente (den General-Baß ausgenommen) verfertigte musicalische Composition“. Dies besagt, dass für die Motette im Gegensatz zur Kantate in der Regel keine freien Dichtungen (vgl. allerdings BWV 229), sondern Bibel- oder Choraltexte zugrunde gelegt wurden und bis auf die Continuogruppe gewöhnlich auf eine (die Singstimmen verdoppelnde oder sie ersetzende) Begleitung verzichtet wurde.

Der Leipziger Thomanerchor hat diese Stücke in ununterbrochener Aufführungstradition im Repertoire behalten. So berichtet Ernst Ludwig Gerber 1767, dass er eines dieser Werke „mit tiefer Erschütterung seines ganzen Wesens“ anhörte und auch Wolfgang Amadé Mozart soll bei seiner Durchreise im Revolutionsjahr 1789 beim Hören der Motetten J.S. Bach seine „innigste Verehrung“ ausgedrückt haben.

CD-Cover

Die Vorzüge der Motetten von J. S. Bach rühmen hieße Eulen nach Athen tragen. In den vier großangelegten doppelchörigen Werken, darunter das jubelnde „Singet dem Herrn ein neues Lied“ (BWV 225), die berühmte fünfstimmige Motette „Jesu,meine Freude“ (BWV 227) und das lange in seiner Echtheit umstrittene vierstimmige „Lobet den Herrn alle Heiden“ (BV 230), begegnet uns Chorkunst in virtuoser Vollendung.


Ein Genuss für alle Experten, die mit einer modernen, profilierten Deutung konfrontiert werden. Und für Neueinsteiger, die mit Bachs Motetten eine andere Welt entdecken können.

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Bach-Werke-Verzeichnis 228

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Jochen Arnold

Der reiche, filigran geführte achtstimmige Satz der Motette Fürchte dich nicht (BWV 228) nimmt Worte aus Jesaja 41 und 43 auf. Wahrscheinlich stammt das Stück schon aus der Weimarer Zeit. Auffällig ist, dass sich der achtstimmige Satz in der Mitte bei den Worten „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“ zur Vierstimmigkeit reduziert. Die drei tiefen Stimmen beginnen dann eine elegische Doppelfuge mit einem absteigenden chromatischen Thema auf den Text „Denn ich habe dich erlöset“ und einem aufsteigenden diatonischen Hoffnungsmotiv, das den Satz ¡Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“ zum Klingen bringt.

Die absteigende Linie versinnbildlicht das vom Himmel herabsteigende Erlösungshandeln Gottes, die aufsteigende, die Freude derer, die dies im Glauben annehmen. Dann erhebt sich – als Höhepunkt des Stückes – über den fugierenden Stimmen die Choralmelodie „Herr mein Hirt, Brunn aller Freuden“, ehe am Ende die doppelchörige Struktur des Anfangs wiederkehrt.

Von Jochen Arnold (aus dem Booklet: J.S.Bach: Motetten, erschienen in chrismon-edition)

Johann Sebastian Bach

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Er wurde nach dem julianischen Kalender am 21. März in Eisenach geboren, am 28. Juli 1750 ist er in Leipzig gestorben. Johann Sebastian Bach war ein deutscher Komponist sowie Orgel- und Klaviervirtuose des Barock.

Er gilt heute als einer der bekanntesten und bedeutendsten Musiker. Seine Werke beeinflussten nachfolgende Komponistengenerationen und inspirierten Musikschaffende zu zahllosen Bearbeitungen.