2012_10_06

Bild: epd-Bild/Dethard Hilbig

Das Tor zum Märchenland

Tagesthema 05. Oktober 2012

Den Schlüssel zur Fantasie möglichst nicht verlieren

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Die professionelle Erzählkünstlerin Jana Raile nimmt am 2. Oktober 2012 rund 100 Kinder im hannoverschen Markuskindergarten mit auf eine Fantasie-Reise. Bild: eps-Bild/Dethard Hilbig.

Wer sich mit Jana Raile auf eine Reise begibt, kann viel erleben. Da geht es schon mal durch tiefe Seen und über hohe Berge bis zu einem goldenen Tor, für das man einen unsichtbaren Schlüssel braucht. Es ist das Tor zum Märchenland, und der Schlüssel dazu ist nichts anderes als die eigene Fantasie. Jana Raile ist professionelle Erzählkünstlerin. Beim 15. Festival der Erzählkunst in Hannover ist sie noch bis zu diesem Sonntag live zu hören - neben anderen Künstlerinnen und Künstlern aus ganz Deutschland, die ihre großen und kleinen Zuhörer allein durch das gesprochene Wort faszinieren.

Bei einem Festival-Auftritt im Markus-Kindergarten nimmt die 43-jährige rund hundert Mädchen und Jungen mit auf ihre fantastische Erzählreise. Mit viel Gestik, Liedern und kleinen Rätseln bindet sie die Kinder immer wieder in das Erzählte ein. Dabei muss Jana Raile die Kleinen nicht besonders animieren, denn sie machen begeistert mit. «Die Kinder haben den Schlüssel der Fantasie noch nicht verloren», sagt die Erzählerin aus Neustadt bei Lübeck. „Ganz anders als viele Erwachsene, die meist sehr in ihrem Alltag gefangen sind.“

Geschichten wie ein Kurzurlaub für die Seele

Die Erzählkünstlerin ist normalerweise auch keine Märchenvorleserin für Kinder, sondern erzählt Erwachsenen aus Werken der romantischen Literatur, etwa von E.T.A. Hoffmann. „Für viele Erwachsene sind die Geschichten ein Kurzurlaub für die Seele, und oft haben sie Märchen sogar nötiger als die Kinder“, erzählt die gebürtige Fürtherin. Das liegt auch an Internet und Fernsehen, gegenüber denen das klassische mündliche Erzählen heute manchmal wie ein Relikt aus alter Zeit wirkt. Mit schnellen Schnitten, viel Action und der Möglichkeit des „Wegzappens“ erzeugen die modernen Medien ein Publikum mit anderen Unterhaltungsansprüchen als in früheren Zeiten.

Mit ihrer 20-jährigen Berufserfahrung hat Jana Raile bemerkt, dass sich an den Aufmerksamkeitsspannen ihres Publikums etwas geändert hat. Zwar war im evangelischen Markus-Kindergarten von Konzentrationsmängeln bei den kleinen Zuhörern nichts zu bemerken. Doch dies liege in erster Linie an den fesselnden Erzählungen selbst: „Die Geschichten mit ihren Prüfungen, Helfern und Helden sind das wirklich Magische für die Kinder.“ Um im Internet-Zeitalter Menschen durch mündliches Erzählen zu begeistern, sei aber auch eine faszinierende Sprache und eine besondere Umsetzung durch Mimik und Gesten nötig.

Die originale Ausdrucksweise der Brüder Grimm, die Jana Raile für ihre Märchen nutzt, scheint die Kinder auch nicht zu verwirren. „Ich nutze absichtlich die alte Sprache, um den Wortschatz der Kinder zu erweitern“, sagt sie und berichtet von kleinen Zuhörern, die nun anstelle von geil oder cool „über die Maßen schön“ sagen. „Gerade die Kinder lernen gute Sprache sehr schnell.“ Auch sie selbst lernte schnell:

Mit 17 Jahren hörte Jana Raile das erste Mal einen Live-Erzähler und war fortan mitgerissen von dieser Kunst. Bereits ein Jahr später trat sie selbst als Erzählerin auf und brach dafür sogar ihre Ausbildung zur Krankenschwester ein halbes Jahr vor dem Examen ab. „Ich bin sozusagen Autodidaktin, aber für mich war die Erzählkunst von Anfang an eine Berufung.“ Im Alter von 23 Jahren machte sie sich selbstständig, und seit 1994 bildet sie Erzähler in Seminaren aus. Mittlerweile ist sie als Künstlerin mit 60 bis 80 Veranstaltungen im Jahr etabliert und hat zwei Bücher zur Trauerbegleitung mit Märchen geschrieben.

Stefan Korinth / eod

Märchenstunde als Video

Kurz gefasst

Fernsehen und Internet haben die Unterhaltungsansprüche der Menschen grundlegend verändert. Doch es geht auch anders: Erzählkünstler setzen auf die gute alte mündliche Geschichte und fesseln ihre Zuhörer durch Stimme, Mimik und Gesten.

Professionelle Erzählkunst

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Mittlerweile ist Jana Raine als Künstlerin mit 60 bis 80 Veranstaltungen im Jahr etabliert und hat zwei Bücher zur Trauerbegleitung mit Märchen geschrieben. Bild: eps-Bild/Dethard Hilbig

Erzählkünstler aus ganz Deutschland sind noch bis zum 7. Oktober beim 15. Festival der Erzählkunst in Hannover zu erleben. Unter dem Motto „Es war einmal ...“ werden in der evangelischen Markuskirche und anderen Aufführungsorten insgesamt rund 1.500 Besucher erwartet.

„Ohne Buch, Kostüme oder Bühnenbild, allein durch Mimik, Gestik und das gesprochene Wort werden Geschichten im Erzählen lebendig“, erläutern die Initiatoren. Sie weckten Bilder in den Köpfen, bauten Brücken zur Vergangenheit und öffneten Wege zwischen Kulturen. Im Mittelpunkt des Festivals stehen diesmal die Brüder Grimm, deren berühmte „Kinder- und Hausmärchen“ vor 200 Jahren im Winter 1812 erstmals veröffentlicht wurden.

Nach der Bibel seien sie bis heute weltweit das meistgelesene Buch in deutscher Sprache, hieß es. Bei einer „Erzählnacht“ lassen die Künstler an diesem Sonnabend um 19.30 Uhr Geschichten aus aller Welt lebendig werden. Am Sonntag um 10.30 Uhr schließt das Festival mit einem Familien-Gottesdienst. Die professionellen Erzählkünstler sind auch in Schulen und Kindergärten unterwegs.

Die „Erzählnacht“ im Rahmen des 15. Festivals der Erzählkunst beginnt um 19.30 Uhr in der evangelischen Markuskirche, Lister Platz, 30169 Hannover.

Stefan Korinth / eod

Das Erzählfest im Internet

Jana Raile - Auftritte

28.11., 20 Uhr, „Die Weihnachtsgeschichte“ nach Charles Dickens Hannover-Langenhagen, daunstärs, Konrad-Adenauer-Str. 15

1.12., 20 Uhr, „Die Weihnachtsgeschichte“ nach Charles Dickens, Celle, Am Nordwall 46, Kunst und Bühne
 

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