2012_09_04

Bild: Jens Schulze

Schädel eines Universalgenies

Tagesthema 03. September 2012

Gipsabdruck des Leibniz-Schädels lockt Besucher nach Hannover

Schon zum zweiten Mal lockt ein spektakuläres Ausstellungsstück Besucher in die Neustädter Kirche in Hannover: Anlässlich der Leibniz-Festtage ist dort ein Gipsabguss vom Schädel des berühmten Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) zu sehen. Während der Schädel in diesem Jahr von einer Graböfffnung von 1902 stammt und eine Leihgabe der Berliner Charité ist, sorgte ein ähnliches Fundstück im vergangenen Jahr für Rätselraten.

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Der Abdruck des Leibniz-Schädels. Bild: Jens Schulze / epd-Bild

Pastorin Martina Trauschke war 2011 nicht nur stolz, das ungewöhnliche Exponat präsentieren zu können, sondern sich auch sicher: „Es ist ein Abdruck vom echten Schädel.“ Sie hatte ihn als Leihgabe von einem Antiquar in Hannovers Altstadt erhalten. „Das war kompletter Zufall.“ Der Abdruck stammte nach Angaben des Antiquars aus dem Nachlass eines früheren Beamten aus der NS-Zeit. Dessen 90-jährige Witwe habe sie ihm vor 15 bis 20 Jahren angeboten - zusammen mit rund 3.000 Büchern über Rassenkunde.

Der echte Schädel des Universalgelehrten ruht in einer Nische der evangelischen Kirche, in der er am 16. Dezember 1716 beigesetzt wurde. In einer Kupferschatulle innerhalb eines Steinsarkophags werden dort die Original-Gebeine aufbewahrt. Doch stammte der Abdruck vom vergangenen Jahr wirklich vom Original? Die Beweiskette war schlüssig, sagt Trauschke: „Die Argumente gegen die Echtheit sind sehr windig und haben mich nicht überzeugt.“

Tatsächlich deutet ein Protokoll der „Anstalt für Germanische Volks- und Rassenkunde in der Gauhauptstadt Hannover“ darauf hin, dass das Leibniz-Grab zwischen Ende 1943 und Anfang 1944 geöffnet wurde. Möglicherweise befürchteten die Nazis, dass die Überreste des großen Philosophen und Mathematikers alliierten Bombenangriffen zum Opfer fallen könnten, vermutet Trauschke. Ob damals tatsächlich Gipskopien genommen wurden, lässt sich allerdings nicht mit letzter Gewissheit klären.

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Der Abdruck des Leibniz-Schädels. Bild: Jens Schulze / epd-Bild

Die Gruft war bereits im Juli 1902 anlässlich des Kirchenumbaus zum ersten Mal geöffnet worden. Professor Wilhelm Krause vom „Königlichen Anatomischen Institut“ in Berlin vermaß die Knochen akribisch und ordnete sie der überlieferten Physiognomie und Krankengeschichte des Universalgenies zu.

Zugleich ließ Krause den Schädel fotografieren und Gipsabdrücke nehmen. Mit einer „Geraden Länge“ von 17,5 Zentimetern sei der Schädel eher klein, befand er. Die Gehirnmasse berechnete er auf exakt 1.257 Gramm: „Es gehört also das Gehirn von Leibniz zu den kleinen mit geringem Gewicht“, notierte der Gelehrte.

Pastorin Trauschke ließ den Gips-Schädel von einem Anatomie-Professor der Medizinischen Hochschule Hannover begutachten. Ergebnis: Die Kopie stimmt exakt mit den Messungen und Fotografien von Krause überein. Vor allem durch einen „monströsen Eckzahn“ und eine markante Delle in den tiefen Augenhöhlen lasse sich der Philosoph eindeutig identifizieren, sagt Trauschke. Das bestätigten auch Fotos von der bislang letzten Öffnung der Gruft im Jahr 1992.

„Es hat eine große Faszination, wenn wir von einem Menschen, der für sein geistiges Erbe bekannt ist, materielle Überreste haben“, sagt die Pastorin. „Deshalb freuen wir uns, dass wir dieses sinnlich fassbare und sichtbare Erinnerungsstück haben.“

Von Michael Grau (epd)

Leibniz-Festtage laden zu Ausstellung und zahlreichen Veranstaltungen

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Pastorin Martina Trauschke präsentiert den Gipsabdruck vor dem Grab des berühmten Gelehrten. Bild: Charlotte Morgenthal / Evangelische Zeitung 

Ein Gipsabdruck des originalen Leibniz-Schädels und 300 Jahre alte Bücher sind während der Leibniz-Festtage in Hannover zu sehen. Bis zum 25. September widmen sich zudem zahlreiche Veranstaltungen unter dem Thema „Individualität“ dem berühmten Wissenschaftler, sagte Gemeindepastorin Martina Trauschke. Der berühmte Universalgelehrte, Mathematiker und Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) liegt in der Neustädter Kirche begraben. Er wirkte seit 1676 in Hannover.

Der ausgestellte Schädel stammt von einer Graböffnung von 1902 und sei eine Leihgabe der Berliner Charité, sagte Trauschke. Im Gegensatz zu dem im Vorjahr ausgestellten Abdruck sei dieser noch detailgetreuer. Zweifel an der Echtheit wies die Pastorin zurück. „Der Schädel gehört zu den wenigen materiellen Überresten von dem Menschen, der uns ein großes geistiges Erbe hinterlassen hat.“  Der echte Schädel des Universalgelehrten ruht in einer Nische der Kirche, in der er am 16. Dezember 1716 beigesetzt wurde.

Die drei antiquarischen Bücher in der Ausstellung wurden zu Lebzeiten des Gelehrten veröffentlicht, sagte Trauschke. Darin beschreibt Leibniz die Familienchronik der fürstlichen Welfen von Hannover. Durch einen Zeitungsbericht sei die Kirchengemeinde auf die Bände bei einem Antiquar aufmerksam geworden und habe sie für 1800 Euro erworben.

Von Charlotte Morgenthal (aus: Evangelische Zeitung)

Gottfried Wilhelm Leibniz

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Gottfried Wilhelm von Leibniz, Gemälde von Bernhard Christoph Francke, Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum, um 1700.

Gottfried Wilhelm Leibniz wurde nach dem julianischen Kalender am 21. Juni, nach dem gregorianischen am 1. Juli 1646 in Leipzig geboren. Er gilt als eines der größten deutschen Universalgenies, war Philosoph und Wissenschaftler, Mathematiker, Diplomat, Physiker, Historiker, Politiker, Bibliothekar und Doktor des weltlichen und des Kirchenrechts.

Er gilt als der universale Geist seiner Zeit und war einer der bedeutendsten Philosophen des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts sowie einer der wichtigsten Vordenker der Aufklärung. Leibniz sagte über sich selbst: „Beim Erwachen hatte ich schon so viele Einfälle, dass der Tag nicht ausreichte, um sie niederzuschreiben.“

Im 18. Jahrhundert wird er vielfach als Freiherr bezeichnet; doch bislang fehlt eine Beurkundung über die Erhebung in den Adelsstand.

Er starb  am 14. November 1716 in Hannover, wohin er 1676 von Johann Friedrich von Braunschweig-Calenberg berufen und zum Hofrat und Hofbibliothekar ernannt wurde. Unter Ernst August von Braunschweig-Calenberg, der nach dem Tod seines Bruders, die Regentschaft übernahm, wurde Leibniz 1691 auch Bibliothekar der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Mit dessen Frau, Kurfürstin Sophie von der Pfalz, stand er in regem Gedankenaustausch.

Zu den Leibniz-Festtagen

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Bild: leibniz-festtage.de

Die neunten Leibniz-Festtage stehen unter dem Thema „Die ganze Welt in der Monade – Die selbsttätige Individualität“. Unter dem Begriff „Monade“, der im Griechischen soviel wie „Einheit oder Einfachheit“ bedeutet, entwarf der Universalgelehrte eine Theorie, nach der unzählige Individuen zum Ganzen der Welt zählen.

Am 6. September widmet sich der Braunschweiger Professor Claus-Artur Scheier um 20 Uhr in einem Vortrag der sprachlichen Poesie des Wissenschaftlers. Mit einem Predigtgottesdienst und anschließenden Picknick auf dem Vorplatz der Kirche wollen die Veranstalter am 9. September das Thema in eine größere Öffentlichkeit bringen. Schirmherr ist erstmals der hannoversche Landesbischof Ralf Meister, der am Montag, 3. September, um 20 Uhr ein Grußwort gesprochen hat.

Evangelische Zeitung

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