2012_09_01

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Warum wir scheitern

Tagesthema 31. August 2012

Paddy Kelly: „One more Song“

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Buchvorstellung in Kiel (von links): Professor Gerd Bockwoldt, Verleger Christof Vetter, Cordelia Andreßen, Paddy Kelly, Autor Matthias Viertel und Moderator Norbert Radzanowski. Bild: Maren Warnecke / Evangelische Zeitung

„Mit 21 hatte ich erreicht, wovon alle junge Menschen träumten.“ So fasste Paddy Kelly seine Situation im Jahr 1999 zusammen. Der Musiker und Komponist, der sechs Jahre zuvor den Welthit „An Angel“ komponiert hat, war Überraschungsgast bei der Buchvorstellung „Warum wir scheitern“ in Kiel. Das von Matthias Viertel geschriebene und im Lutherischen Verlagshaus Hannover erschienene Buch lädt „zum sinnvollen Umgang mit Misserfolgen“ ein. Die ehemalige Staatssekretärin Cordelia Andreßen und der Popmusiker, der sechs Jahre im Kloster gelebt hat, sprachen mit dem Religionspädagogen Gerd Bockwoldt und dem Autor des Buches über eigene Erfahrungen des Scheiterns.

Er habe, so der drittjüngste der 12-Kelly-Geschwister, trotz der großen Erfolge damals eine Leere gespürt: „Damals blieb kein Wunsch offen. Aber was wirklich im Leben zählt, kann man nicht mit Geld bezahlen.“ Er sei an den Punkt gekommen, in der sich die Fragen stellen: Wo komme ich her? Was mache ich hier? Wo geht es hin? „Alles, was die Welt als Glück verkauft, macht letztendlich doch nicht glücklich.“ Anders der Bruch in der Berufsbiographie bei der Volkswirtschaftlerin und Medizinerin Cordelia Andreßen: Es sei Teil der Demokratie, das Wahlen scheitern können. Sie beschrieb den Abschied aus dem politisch verantwortlichen Amt auch als Befreiung von fortwährender Überforderung.

Zuvor hatte Gerd Bockwoldt ausgeführt, dass Martin Luther das Wort „Scheitern“ noch gar nicht gekannt habe. Er habe damals das viel stärkere Bild „Schiffbruch“ verwendet (1. Timotheus 1,19). Bei dem Reformator sei eine „Theologie des Schiffbruchs" wahrnehmbar: Es gebe keinen Stand, in dem nicht das Meiste anders ausfalle, als es der Mensch geplant habe. Dabei habe Martin Luther immer wieder das „Regieren“ als schwierigste Aufgabe beschrieben und das, was wir heutzutage als „Scheitern“ beschreiben, dargestellt: Der Mensch erkenne erst im Nachhinein, dass sein Scheitern Sinn habe.

Matthias Viertel, der das Buch über das Scheitern geschrieben hat, fordert, nicht nur das Glück zu teilen, sondern auch das Scheitern. Dann könne auch in der scheinbaren Niederlage eine humanisierende Kraft liegen. Ehemals sei Scheitern als ein individuelles Problem verstanden worden, doch es habe sich zum Thema der Gegenwart entwickelt: Mit Geschichten aus der Bibel über Menschen, die gescheitert sind, Bilder aus der Mythologie und Beispiele der Philosophie zeichnet er ein theologisch verantwortetes Verständnis des Scheitern, bevor er „Leitsätze des Scheiterns“ formuliert. Seine Grundthese: „Es gibt keinen Menschen, der nicht scheitert, allenfalls solche, die es entweder nicht wahrnehmen oder nicht wahrnehmen wollen!“

Und dann hat sich Paddy Kelly auch noch ans Klavier gesetzt: „One more Song“ - das eine Lied, bevor doch alles schief geht. Passend zum Thema des Abends.

„Scheitern ist normal“ - Kieler Theologe schreibt Buch über menschliche Misserfolge

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Das Scheitern gehört nach Ansicht des Kieler Theologen Matthias Viertel zur menschlichen Natur. „Wer in eine Kriese gerät oder einen Misserfolg erleben muss, sollte sich immer wieder vor Augen halten, dass derartige Niederlagen tatsächlich normal sind, weil sie der menschlichen Norm entsprechen“, schreibt der evangelische Pastor und Philosoph in dem Buch „Warum wir scheitern. Zum sinnvollen Umgang mit Misserfolgen“. Es ist im Lutherischen Verlagshaus in Hannover erschienen.

Auf 155 Seiten analysiert Viertel, der auch als freier Mitarbeiter für den NDR in Kiel tätig ist, alltägliche Situationen, in denen Menschen scheitern. Viele Beispiele fänden sich in biblischen Texten wieder, denn auch dort gebe es unzählige gescheiterte Existenzen. Doch für den Autor ist Scheitern mehr als nur ein misslungener Versuch: „Es hält uns vor Augen, dass das Leben noch andere Möglichkeiten bereithält.“

Der Autor plädiert dafür, einen neuen Blickwinkel zu wagen. „Der Mensch hat zwei Arme, zwei Beine, zwei Augen und zwei Ohren, warum sollten wir es dann ausgerechnet bei nur einem einzigen Versuch belassen, wenn es um die Planung und Gestaltung von Lebenswegen geht?“ Der zweite Versuch müsse deshalb stets mit eingeplant werden, rät der Theologe. Wer ein Ziel anstrebe, sollte sich auch stets die Möglichkeiten des Rückzugs vor Augen halten und diesen Abstieg sorgfältig vorbereiten.

Viertels Fazit lautet, dass es allemal besser sei, nach den Gründen des Scheiterns zu suchen, als bloß die Niederlagen zu beklagen. Das gelte nicht nur für den Einzelnen, sondern für die ganze Gesellschaft. Deshalb bildeten soziale Maßnahmen ein Auffangnetz für die Gestrandeten, und in der Religion seien Gnade und Nächstenliebe fest verankert: „Die Bedeutung des Scheiterns für das Miteinander der Menschen zu unterschätzen, hieße letztlich auch, das wärmende Netz der sozialen Bindung und Verpflichtungen für unser Leben zu verkennen.“

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Leseprobe

Um das schillernde Phänomen des Scheiterns in seinem Kern zu begreifen, ist es allerdings wichtig, darin nicht nur ein Schicksal jener Menschen zu sehen, die im Licht der Öffentlichkeit stehen. In diesen Fällen wird der Absturz lediglich so laut inszeniert, dass es kein Entrinnen mehr gibt, weder für die Gescheiterten noch für die zuschauende Öffentlichkeit. Bei allen anderen vollzieht sich der Schiffbruch im Stillen und wird noch nicht einmal mit Beachtung belohnt. Insofern ist es auch falsch, etwa den hohen Druck des herausgehobenen Amtes für das Scheitern verantwortlich zu machen. In Alkoholkontrollen fahren auch andere Menschen, ein Entzug des Führerscheins droht jährlich Tausenden, die Verkehrssünderkartei in Flensburg erinnert uns daran. Nicht die Last des Amtes ist es folglich, die zu einem Verhalten führt, das man im Nachhinein bereut; es ist vielmehr die Tatsache, dass es sich um Menschen handelt, und diese neigen nun mal dazu, Fehler zu machen und ihren eigenen Ansprüchen nicht immer gerecht zu werden. Der Unterschied liegt einzig darin, dass es den Prominenten auf Grund ihres Status anscheinend nicht zugestanden wird, in dem gleichen Maße fehlerhaft zu sein, wie es bei alle anderen schon eher als normal erscheint und deshalb zugebilligt wird.
Dieses allzu Menschliche macht das Scheitern so schillernd und gleichzeitig so faszinierend. Gerade weil es möglicherweise jeden betreffen kann, wird die Dimension des menschlichen Fehlverhaltens bei Persönlichkeiten
des öffentlichen Lebens mit so großer Aufmerksamkeit verfolgt. Dass es ihnen genauso ergeht wie allen anderen, das macht den Reiz aus, und gerade deshalb wird das Scheitern in exzeptionellen Fällen mit einer gewissen Beharrlichkeit geahndet.
Schauen wir unter die Oberfläche, so ist indes schnell zu entdecken, wie verbreitet das Scheitern ist, ja es gehört gewissermaßen zu unser aller Erfahrungsschatz. Nur handelt es sich dort um die Gestrandeten, von denen in der Öffentlichkeit nur selten gesprochen wird. Es sind die entlassenen Arbeitnehmer, die verlassenen Ehepartner, die übersehenen Kinder – eben alle Verlierer des Alltags. Ebenso sind es die Empfänger von Hartz IV und die Jugendlichen, deren Arbeitskraft nicht gefragt ist. Es sind die Sportler, die beim Doping erwischt worden sind, und die Gestrandeten, die mit den Anforderungen der Gesellschaft einfach nicht mehr zurecht kommen.

Aus: Matthias Viertel, Warum wir scheitern, Seite 9 und 10