2012_08_31

Bild: Centrum Judaicum

Kein Weg aus dem Elend

Tagesthema 30. August 2012

Ausstellung dokumentiert Zwangsprostitution und Mädchenhandel um 1900

Die Geschichten lesen sich wie Berichte von heute: Von Armut getriebene Frauen folgen Versprechen von Menschenhändlern und landen in der Prostitution. Doch der Frauenhandel blühte auch schon im 19. Jahrhundert. Eine Ausstellung greift das Thema auf. - (unten Bilder der Ausstellung zum Durchblättern - alle Bilder: Centrum Judaicum, aus der Ausstellung „Der Gelbe Schein“.

Sie heißen Valentina, Antonia, Raza, Manja, Lessel und Ester: Die sechs jungen Frauen aus Warschau sind 1888 in Hamburg auf der Durchreise, als sie zusammen mit einem Ehepaar, das vermutlich alle Rechungen bezahlt, wegen des Verdachts der „Kuppelei“ festgenommen werden. Die Polizei kann ihnen nichts nachweisen, sie schaffen es noch rechtzeitig auf den Passagierdampfer „Petropolis“. Ihr Ziel: die Neue Welt.

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Bordellstraße in Montevideo/Uruguay, 1924. Bild: Centrum Judaicum / epd-Bild  

Nur eine Zeitungsnotiz verweist auf ihr weiteres Schicksal. Sie seien, so heißt es, „theils in Montevideo, theils in Buenos Aires bei ihrer Ankunft daselbst sofort in Bordellen untergebracht worden“. Auf diese Lebensgeschichten macht jetzt erstmals eine Ausstellung aufmerksam, die am Sonntag im Berliner Centrum Judaicum in der Neuen Synagoge eröffnet wird. Im Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven ist die Ausstellung „Der Gelbe Schein. Mädchenhandel 1860 bis 1930" vom 27. August an zu sehen.

Hunderttausende Auswanderinnen verlassen in der zweiten Häfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre europäische Heimat in der Hoffnung, in New York, Buenos Aires oder Bombay der Armut zu entkommen. Doch statt einer Anstellung in einem Haushalt oder Betrieb, wie es ihnen versprochen wird, landen sie zu Zehntausenden in Bordellen.

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Foto von Wilhelmina Schmidt, geboren in Rumänien, 1925 in Havanna/Kuba. Bild: Centrum Judaicum / epd-Bild

Kuratorin Irene Stratenwerth hat Einzelschicksale in den Mittelpunkt der Ausstellung gestellt. In Archiven rund um den Globus - von Tscherniwzi (früher Czernowitz) und Odessa in der Ukraine über Wien und Berlin bis nach Buenos Aires - hat sie nach Spuren von betroffenen Mädchen und jungen Frauen gesucht.

Oftmals ist es nur eine Zeitungsnotiz, ein Polizei- oder Gerichtsprotokoll, ein Foto oder ein Brief, der einen Hinweis auf die Biografie gibt. Unter den Fundstücken ist auch ein bislang unbekannter Brief des späteren Reichskanzlers Otto von Bismarck, in dem er sich 1862 als Gesandter in St. Petersburg für eine junge aus Berlin stammende Zwangsprostituierte einsetzt: Marie Haase. Viel mehr ist wegen der spärlichen Quellen über die Frau nicht bekannt.

Der Titel der Ausstellung „Der Gelbe Schein“ bezieht sich auf ein Dokument, das Prostituierte in Russland anstelle ihrer Personalpapiere bei sich tragen mussten. Für Jüdinnen war ein Umzug aus dem jüdischen Schtetl in Städte wie Moskau oder St. Petersburg offiziell nur erlaubt, wenn sie sich als Prostituierte registrieren ließen. Auf diesem Schein in gelber Farbe mussten die Frauen wöchentliche Gesundheitsuntersuchungen dokumentieren lassen.

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Werbekarte des Auswanderungsagenten Max Weichmann in Myslowitz (bei Kattowitz), um 1900. Bild: Centrum Judaicum / epd-Bild

Zwar sei der Mädchenhandel um 1900 kein spezifisch jüdisches Phänomen gewesen, sagt Herrmann Simon, Direktor des Centrum Judaicum. Juden seien aber in besonderer Weise betroffen gewesen, da am Mädchenhandel auch Juden beteiligt gewesen seien und Antisemiten aus dieser Tatsache Kapital geschlagen haben.

Die Wege in die Prostitution führen aus Russland nach New York, aus Hessen nach Kalifornien oder aus Galizien nach Buenos Aires. 63 Millionen Europäer verlassen zwischen 1815 und 1930 den Kontinent, darunter fast vier Millionen Juden aus Osteuropa. Die meisten Auswanderer verlassen Europa über Bremerhaven.

Der Großteil der Emigranten sind Männer, die sich auch in ihrer neuen Heimat Frauen aus ihrer alten Heimat wünschen, erläutert Stratenwerth den boomenden Mädchenhandel über die Meere. Die aufkommende Dampfschifffahrt und die beschleunigte Kommunikation mit Telegrammen tragen dazu bei, dass Menschenhändler innerhalb kurzer Zeit für Nachschub in die Ballungszentren der Neuen Welt sorgen: Zehntausende geraten so in die „white slavery“, die weiße Sklaverei, wie die Prostitution junger Europäerinnen damals auch bezeichnet wird.

Neben kirchlichen und jüdischen Organisationen reagiert auch die Politik auf den Menschenhandel. So ist etwa eine Rede von August Bebel bekannt, die der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei 1894 im Reichstag gehalten hat. Er prangerte die „fortgesetzten Transporte von Mädchen, die für Lustzwecke nach außerdeutschen Landen“ versandt werden, an.

Von Lukas Philippi (epd)

Ausstellung im Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven

„Gelber Schein“, offiziell „Medizinisches Billet“, für Julia Mendik, St. Petersburg 1875, ist in der gleichnamigen Ausstellung im Berliner Centrum Judaicum zu sehen: Der internationale Mädchenhandel zwischen 1860 und 1930 steht im Mittelpunkt der Ausstellung. Sie zeigt Dokumente über das bislang weitgehend ausgeblendete Schicksal von Millionen Mädchen und junger Frauen aus Europa, die in der Hoffnung der Armut zu entfliehen, ihre Heimat und Familien verließen. Mit Bildern, Texten, Landkarten, Briefen und Audiodokumenten versucht die Ausstellung, Lebensgeschichten dieser Mädchen nachzuzeichnen. Sie reisten aus Hessen nach Kalifornien, aus Russland nach New York oder aus Galizien nach Buenos Aires, um dort ihr Glück und eine Anstellung zu suchen. Für Zehntausende von ihnen führte der Weg in die „white slavery“ wie die Prostitution junger Europäerinnen damals auch bezeichnet wurde. 

Das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven

Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum

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Foto von Olga Koprivec, die 1912 aus einem Bordell in Zagreb schrieb. Bild: Centrum Judaicum / epd-Bild

Ausstellung im Centrum Judaicum (Berlin):

  • Sonntag-Montag 10-20 Uhr
  • Dienstag-Donnerstag 10-18 Uhr
  • Freitag 10-17 Uhr, samstags und an den hohen jüdischen Feiertagen geschlossen.

Geöffnet bis 30. Dezember 2012

Adresse:
Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum
Oranienburger Str 28/30
10117 Berlin 

Informationen im Internet

Im Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven

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Polizeifoto von Anna Kohn, geboren in Warschau, 1925 in Triest. Bild: Centrum Judaicum  / epd-Bild  

Geöffnet vom 27. August.2012 bis 28. Februar 2013

  • März bis Oktober 10 bis 18 Uhr
  • November bis Februar 10 bis 17 Uhr

Am 24. Dezember ist das Museum geschlossen.

Adresse:
Deutsches Auswandererhaus
Columbusstraße 65
D-27568 Bremerhaven

Informationen im Internet