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Bild: Jens Schulze

Lebenslang lernen

Tagesthema 29. August 2012

Wo bleibt die Bildung?

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Carsten Splitt

Mit drei Doppelfolgen meldet sich dieser Tage Deutschlands erfolgreichste Quizsendung „Wer wird Millionär“ zurück aus der Sommerpause. Mehr als 1000 Folgen wurden bereits ausgestrahlt. Ein Ende ist nicht absehbar. Doch während sich in Rateshows vermeintlich nutzloses Spezial-Wissen spielerisch versilbern lässt, gelingt das im Alltag nur selten. Glaubt man dem früheren Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger, laufen wir zehn Jahre nach der „Bologna“-Hochschulreformen jedoch Gefahr, immer mehr überflüssiges Fachwissen anzuhäufen. Bildung – das wissen wir nicht erst seit Wilhelm von Humboldt – sollte nicht allein Formalwissen, sondern ebenso unsere kulturellen und sozialen Fähigkeiten im Blick haben. Nicht umsonst war sie für Meister Eckhart schlicht dies: eine „Gottes-sache“.

Von Carsten Splitt (Chefredakteur Evangelische Zeitung, Hamburg)

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Die Kritik an der Hochschulreform von vor zehn Jahren wächst: Bildung ist mehr als das schnelle Anhäufen von Wissen, mahnt nicht nur die Kirche. Unser Cartoonist Friedhelm Feldkamp hat deshalb unser lebenslanges Lernen einmal nachgezeichnet. In der aktuellen Ausgabe der Evangelischen zeitung begleitet er humorvoll den Bildungsweg eines lernenden Zeitgenossen. Zeichnung: Friedhelm Feldkamp / Evangelische Zeitung

Die Wissensgesellschaft – Wo bleibt die Bildung?

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Lesen bildet. Bild: Jens Schulze

Vor zehn Jahren wurde in Deutschland die Bologna-Reform eingeführt. Sie hatte ein schnelles, internationalisiertes und strukturiertes Studium zum Ziel. Von Bundesbildungsministerin Annette Schavan wird die Reform als „europäische Erfolgsgeschichte“ gerühmt. Doch es gibt immer mehr kritische Stimmen, unter denen besonders die aktuelle Stellungnahme des Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, auffällt. Durch die Verkürzung und Verschulung des Studiums und seine vorrangige Ausrichtung auf die berufliche Ausbildung würden nicht genügend Persönlichkeiten gebildet, die Unternehmen und Wirtschaft so dringend benötigten. Vernachlässigte Bildung! Es ist bemerkenswert, dass ein renommierter Physiker und Rektor eines bedeutenden Instituts für Technologie zu diesem Urteil gelangt. Und seine Kritik ließe sich übertragen auf weitere tiefgreifende Veränderungen unseres Bildungssystems: von der frühen Einschulung, über die Verdichtung der Unterrichtsstoffe bis zur Verkürzung der Schulzeit werden Zeiten zur Reifung und Bildung der Persönlichkeit beschnitten. „Die Unternehmen brauchen Persönlichkeiten, nicht nur Absolventen. Wir alle arbeiten immer länger, da ist es sinnvoll, am Anfang mehr Zeit zu investieren, um eine solche Persönlichkeit auszubilden.

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Gemeinsam lernen. Bild: Jens Schulze

Der Jugendwahn ist an dieser Stelle vorbei“ – so Horst Hippler. Man wird diesem Appell nur zustimmen können. Und man wird vom christlichen Menschenbild her noch unterstreichen, dass Bildung Zeit braucht und die Reifung der Persönlichkeit Entfaltungsfreiheit des Individuums voraussetzt. Im Blick auf das Studium bedeutet das, Freiräume für das selbstbestimmte Studienprogramm und den Blick über den Tellerrand der Fachdisziplinen zu gewinnen. Und für das Schulwesen wird man sich mehr Flexibilität für das je eigene Lerntempo der Schülerinnen und Schüler wünschen. Daneben sollten Fächer und Arbeitsformen, in denen die Kreativität der Schülerinnen und Schüler gefördert wird, mehr Bedeutung für den Schulalltag bekommen. Doch mit der Entschleunigung von Bildungsprozessen und der Schaffung von Freiräumen ist es noch nicht getan.
Die Einsicht in die Vernachlässigung der Bildung wirft auch inhaltliche Fragen auf. In der Auseinandersetzung mit welchen Texten vollzieht sich Bildung? Welche Traditionen der Geistesgeschichte und welche existenziellen Erfahrungen lassen eine Persönlichkeit so reifen, dass sie auf die Herausforderungen des Lebens verantwortungsvoll und in selbstbestimmter Weise reagieren kann? Und welche religiösen Überlieferungen und Erfahrungen können Gewissheiten in den letzten Fragen geben? In der Tat: Zur Bildung des Menschen gehört auch die religiöse Dimension, denn der Bezug des Menschen zum rechtfertigenden Gott ist von elementarer Bedeutung für seine individuelle Bildungsgeschichte. Die Einsicht in das Phänomen der vernachlässigten Bildung richtet sich deshalb auch an die Kirchen und fordert sie auf, ihrer Bildungsverantwortung umfassend gerecht zu werden – in den Kindertagesstätten, im Kinder- und Schulgottesdienst, im Religionsunterricht, in Schulen in kirchlicher Trägerschaft, in Konfirmandenarbeit und Erwachsenenbildung sowie in den Studierendengemeinden an den Hochschulen.

Von Joachim Ochel, Referent für theologische Ausbildung und Hochschulfragen im Kirchenamt der EKD in Hannover (aus: Evangelische Zeitung)

Bisweilen nicht abbildbar: das Maß des Göttlichen

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Bild: Jens Schulze

Die Überschrift der Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zum Thema Bildung, „Maße des Menschlichen“ aus dem Jahr 2003 wird im Internet oft mit zwei „s“ geschrieben: Masse. Man denkt an eine Vielzahl, aber auch an die Masse, das messbare Gewicht. Das Gewicht des Menschlichen ist das Thema christlicher Bildung. Die Religion thematisiere die Humanität, so die EKD. Die Mehrzahl wirkt hier unglücklich, besser wäre: „Das Maß des Menschlichen“.

Müsste es religiös gesehen nicht sogar „Das Maß des Göttlichen“ heißen? Im Wort „Bildung“ steckt das Wort „Bild“: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn (sie), und schuf sie als Mann und Frau.“ (1. Mose 1,27). Dieser Bibelvers der Schöpfungsgeschichte ist das Grundmodell der christlichen Bildung. Ihr Auftrag ist ein lebenslanger Weg, auf dem Menschen sich als Bild Gottes erkennen und verstehen. Das Leben ist Zuspruch und Anspruch zugleich.

Von Christoph Fleischer (aus: Evangelische Zeitung)

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Kurzer Blick auf die lange Geschichte der Akademie Loccum

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Fritz Erich Anhelm war von 1994 bis 2010 Direktor der Evangelischen Akademie Loccum

Am Telefon klang das so: „Erinnern Sie sich an die berühmte Tagung zu Beginn der 70er in Loccum, die die Psychiatriereform auslöste? Ein Jahr danach setzte der Bundestag die Enquete-Kommission ein.“ Der Anruf kam 30 Jahre nach der Tagung aus einem Bundesministerium. Und der Anrufer bat die Akademie, die heutigen Verantwortlichen erneut zusammenzubringen, um wieder eine Perspektivdiskussion zu den gegenwärtigen Entwicklungen in der Psychiatrie „freizusetzen“. Das Zusammentreffen von relevanten Akteuren zur richtigen Zeit und zum richtigen Thema mit akut brennenden Fragestellungen im Programm bewusst zu arrangieren, macht auch das Geheimnis der Langzeitwirkung der Evangelischen Akademie Loccum aus.

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„Wie konnten Sie denn bloß das Stoppschild übersehen?!?“ Führerscheinprüfung – oder: Nicht alles Gelernte gereicht sogleich zur Perfektion. Zeichnung: Friedhelm Feldkamp / Evangelische Zeitung

Während der 50er Jahre wirkte die Akademie an der Integration der Vertriebenen mit. Die Ostdenkschrift der EKD baute darauf auf. Für die Mitgestaltung der Montanmitbestimmung fand sie hohe Anerkennung bei allen Beteiligten. In den 70er Jahren konzentrierten sich die Tagungen auf die Bildungsreform und -politik, die Kulturpolitik und die neuen sozialen Bewegungen. Mit den 80er Jahren internationalisierte sich die Akademiearbeit entlang der sicherheitspolitischen Auf- und Abrüstungsdebatten zwischen West und Ost. Loccum wurde zu einem Ort, der die Möglichkeit von Friedenspolitik repräsentierte und wo die sich gegenseitig blockierenden Akteure in der Atom- und der Ökologiedebatte mehr oder weniger entspannt aufeinandertrafen.

Nach dem Mauerfall bestimmten in den 90ern die deutsch-deutsche Annäherung gerade auch im Bereich der Kirchen, die Transformation Mittel- und Osteuropas und die zivilen Konfliktbearbeitungsstrategien das Tagungsgeschehen. Dann zogen der vorausgesagte „Clash of Civilisations“ und das Verhältnis zwischen den Religionen die Aufmerksamkeit auf sich. Interreligiöse Sommeruniversitäten und die Moderation des Prozesses zur Einführung islamischen Religionsunterrichtes erschienen im Programm. Schon 10 Jahre vor dem „Arabischen Frühling“ begann der Ägyptisch-Deutsche Dialog, der sich seit 2010 auf einen Arabisch-Europäischen ausgeweitet hat. Im Prozess der Arbeitsmarktreformen entdeckten die Akteure der Sozialpolitik die Akademie als den Ort, an dem jenseits politischer Alltagsscharmützel produktive Problemlösungsstrategien diskussionsfähig werden können.

Doch Schwerpunktsetzungen folgen nicht einfach aufeinander oder lösen einander gar ab. Sie bleiben Gegenstand der Gestaltung mit oft tiefgreifenden, doch kaum noch wahrgenommenen Trendsetzungen. Aus ihnen darf Akademiearbeit sich nicht ausklinken. Vielleicht ließe sich die öffentliche Wahrnehmung des Ortes so beschreiben: Ein verlässliches Kompetenzzentrum für die argumentativ offene und zugleich zielführende diskursive Prüfung von kontroversen Optionen im Lichte der vor Gott und den Menschen zu verantwortenden Freiheit.

Von Fritz Erich Anhelm, 1994 bis 2010 Direktor der Evangelischen Akademie Loccum

Die Evangelische Akademie Loccum im Internet