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Bild: dergestalter / photocase.com 

Weltverantwortung der Kirche

Tagesthema 23. August 2012

Bisheriges wird geschlossen - Neues entsteht

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„In diesem Zeichen wirst du siegen“ – seit 160 Jahren hängt dieses Motto über der Eingangstür des Seminargebäudes. Fotos: ELM/Heine / Evangelische Zeitung

Das Evangelisch-lutherische Missionswerk in Hermansburg wird sein Missionsseminar mit einer kleinen Feierstunde schließt, weil es in Absprache mit seinen niedersächsischen Trägerkirchen keine theologische Vollausbildung mehr anbietet. Aber schon wenige Wochen später wird die Fachhochschule für Interkulturelle Theologie (FIT) in den Räumen des ehemaligen Seminars eröffnet. Damit soll ein im kirchlichen Raum noch ziemlich einmaliges Konzept verwirklicht werden. Zusätzlich zu dem in Zusammenarbeit mit der Universität Göttingen angebotenen Masterstudiengang „Intercultural Theology“ werden nun auch zwei B.A.-Studiengänge angeboten.

Dabei begegnen sich – nicht nur bei der wissenschaftlichen Arbeit, sondern auch in der seminaristischen Lebensgemeinschaft auf dem FIT-Campus – sowohl junge Theologen und Theologinnen aus Afrika, Asien, Amerika und Europa, als auch Ehrenamtliche, die zum Beispiel in Gemeinden ausländischer Herkunft in Deutschland aktiv sind. Ein kleines „globales Dorf“ wird – so die Vision der Initiatoren – auf dem Hermannsburger Campus entstehen, in dem Menschen aus unterschiedlichsten Hintergründen interkulturelle Gemeinschaft und Verständigung praktisch erleben und grenzüberschreitend wissenschaftlich arbeiten werden.

Aus einem Beitrag in der Evangelischen Zeitung

Missionare haben Brücken gebaut

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Rainer Kiefer Bild: Jens Schulze / Evangelische Zeitung

Oberlandeskirchenrat Rainer Kiefer ist im hannoverschen Landeskirchenamt Referent für Ökumene und Mission. Zur Schließung des Missionsseminars und zum Start der Fachhochschule für Interkulturelle Theologie (FIT) in Hermannsburg sagt er im Interview der Evangelischen Zeitung:

Was war das Besondere am Missionsseminar?
 
Es gab dort immer wieder Menschen, die dazu bereit waren, sich ausbilden und aussenden zu lassen für den Dienst in Übersee. Dies geschah aus tiefer Glaubensüberzeugung und später ja dann auch im Auftrag der Kirchen. In der Anfangszeit waren ja viele Bauernsöhne darunter, sie waren in gewisser Weise echte Abenteurer und hatten Pioniergeist. Sie haben sich auf schwierige Lebensbedingungen eingelassen und mussten sich in der Fremde erst Anerkennung erwerben – auch das war eine Herausforderung, die viel Respekt verdient.

Was hatten die Partnerkirchen vom Missionsseminar?

Nun, auf Bitte der Partnerkirchen konnten gut qualifizierte theologische Mitarbeiter mit Kenntnissen der lokalen Sprachen entsandt werden. Genau das ist heute eigentlich nicht mehr notwendig, da die Partnerkirchen ja eigene Ausbildungsstätten etabliert haben. Die Missionare waren Brückenbauer zwischen den Kirchen hier und dort – denken Sie etwa an die Missionsfeste, bei denen plötzlich etwas Weltoffenheit in unsere niedersächsische Provinz kam. Heute ist die Situation eine ganz andere. Es gibt neue Kommunikationsformen, wir leben in einer globalisierten Welt und es geht um wechselseitiges Lernen – und dazu braucht man vielleicht eher gute Netzwerker als Brückenbauer.

Was hat sich noch geändert?

Die Ausbildung hat auch hier bei uns einen deutlichen Paradigmenwechsel erfahren. Die Zahl der Bewerber für das Missionsseminar ging zurück, so war diese zweite grundständige theologische Ausbildung neben dem Hochschulstudium bald nicht mehr darstellbar. Und auch unser Missionsverständnis ist seit mehr als 50 Jahren im Wandel: Es geht um die gemeinsame Teilhabe an Gottes Mission, die sich unter anderem in Verkündigung und praktischer Hilfe vollzieht. Wir sind als Partnerkirchen gemeinsam auf dem Weg, dies immer wieder neu zu füllen und kontextuell zu beschreiben.

Was soll die neue Fachhochschule leisten?

Ich halte sie in aller Wertschätzung für das, was nun mit dem Missionsseminar zu Ende geht, für eine große Chance. Ich erlebe hoch motivierte Dozentinnen und Dozenten, und die Anerkennung als Fachhochschule zeigt, dass dort eine neue Vernetzung im wissenschaftlichen Zusammenhang entsteht. Interkulturelle Gesprächsfähigkeit ist in Zeiten von Globalisierung und weltweiter Migration eine wichtige Kompetenz, dazu wollen wir mit der FIT beitragen. Das ist auch ein Stück Weltverantwortung der Kirche, wenn wir etwa Menschen aus anderen kulturellen Zusammenhängen stärken und Integration fördern.

Die neue FIT in Hermannsburg: Drei Studiengänge im Angebot

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Interkulturelle Begegnungen zwischen Studierenden aus unterschiedlichen Nationen kennzeichnen heute die Hermannsburger theologische Ausbildung. Fotos: ELM/Heine / Evangelische Zeitung

Die Fachhochschule für Interkulturelle Theologie (FIT) in Hermannsburg bietet drei Studiengänge an:

  • M.A. Intercultural Theology (seit 2009 in Kooperation mit der Georg-August-Universität, Göttingen) für Absolventinnen und Absolventen unterschiedlicher Fachrichtungen mit einem akademischen oder vergleichbaren Abschluss. (vier Semester, ein Semester in einer internationalen Partnerinstitution, Unterrichtssprache Englisch)
  • B.A. Interkulturelle Theologie, Migration und Gemeindeleitung primär für Menschen, die in Migrationsgemeinden als Prediger und Predigerinnen, Leiter und Leiterinnen Verantwortung übernommen haben oder übernehmen wollen. (acht Semester berufsbegleitend, Unterrichtssprache Englisch)
  • B.A. Missionswissenschaft und Internationale Diakonie für Menschen, die sich für eine Tätigkeit im Bereich von diakonischen oder sozialen Einrichtungen weltweit qualifizieren wollen. (sechs Semester, primäre Unterrichtssprache Deutsch)

Das Wintersemester 2012 beginnt am 1. Oktober, Beginn der Lehrveranstaltungen: 22. Oktober.

Weitere Informationen und alle Kontakte

Mission erfüllt – der Auftrag geht weiter

Herbst 1849: Die große bürgerliche Revolution bringt die Autoritätsstrukturen in Deutschland ins Wanken. Erzählungen über fremdartige Kulturen in den Kolonien verändern das Bild von der Welt. Die Menschen sind verunsichert. Auch in dem schnuckeligen Heideort Hermannsburg. Doch hier gibt ein Mann die Richtung vor: der Pastor des Ortes, Ludwig Harms. Seine mitreißenden Predigten geben den Heidebauern moralischen Halt in unsicherer Zeit. Und ein Gedanke rückt immer mehr in den Vordergrund: Alle Menschen müssen Jesus Christus kennen, um auch diesen Halt zu finden.

Es ist Gründerzeit. Auch in der Kirche. Viele diakonische Einrichtungen und zahlreiche Missionswerke entstehen in diesen unruhigen Jahrzehnten in Europa. In Hermannsburg scharen sich zwölf junge Bauernsöhne um Ludwig Harms, und er fängt an, sie zu Missionaren auszubilden. So beginnt die Geschichte der Hermannsburger Mission mit dem Missionsseminar als Zentrum. „Unter diesem Kreuze soll unser Missionshaus stehen gegen die Pforten der Hölle“, erklärt Harms, und die Menschen sind mit Begeisterung dabei. Hier finden sie die Hoffnung, dass sie als Christen der immer komplexer werdenden friedlosen Welt nicht ausgeliefert sind.

Gut 150 Jahre später, 1991: Die Welt ist nicht weniger komplex geworden und auch nicht friedlicher. Trotzdem hat sich vieles verändert. Die Welt ist zum „globalen Dorf“ geworden. Aus den geheimnisvollen Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika sind Handels- und Gesprächspartner geworden. Es gibt sie noch, die Hermannsburger Mission, nun als Evangelisch-lutherisches Missionswerk in Niedersachsen (ELM). Noch immer werden hier Missionare ausgebildet.

Doch das Missionsseminar versteht sich nun als Schule für Menschen, die an einer weltweiten Gemeinschaft der Gutwilligen bauen wollen: „Wir bemühen uns ... um ein Verständnis der Religionen, um aus dieser Kenntnis heraus mit den Andersgläubigen in einen offenen, lernbereiten Dialog zu treten. Solches Bemühen wird ein verantwortliches Zeugnis von Jesus Christus nicht aus-, sondern einschließen“, heißt es in der Selbstdarstellung des Missionsseminars von 1991.

Seit 1849 wurden zirka 700 junge Männer (und seit 1991 auch Frauen) ausgebildet, um als Missionare im Auftrag des ELM in einer der inzwischen 19 Kirchen zu wirken, mit denen das ELM in 17 Ländern außerhalb Europas zusammenarbeitet. Und sie haben erfolgreiche Kirchengeschichte mitgeschrieben.
Anfangs wollte sich niemand taufen lassen

Als die ersten Hermannsburger Missionare im August 1854 im südafrikanischen Port Natal, dem heutigen Durban, an Land gingen, war noch keine der Sprachen der am Kap lebenden afrikanischen Volksgruppen eine Schriftsprache. Heute kommen grundlegende Impulse für die weltweiten missionstheologischen Diskurse von südafrikanischen Theologen wie Tinyiko Maluleke, Caesar Molebatsi, Manas Buthelezi oder Desmond Tutu.

Und beklagten die Missionare um 1860 in ihren Briefen aus Südafrika, dass sich niemand taufen lassen wollte, so hat heute die Evangelisch-lutherische Kirche im südlichen Afrika 580 000 Mitglieder und ist Mitglied im Lutherischen Weltbund, wie die meisten der Partnerkirchen des ELM. „Mission erfüllt!“, kann es darum für das Hermannsburger Missionsseminar heißen. Die Missionare waren erfolgreich: Selbstständige Kirchen in Afrika, Asien und Lateinamerika haben die theologische Ausbildung in eigenen Seminaren und Universitäten in die Hand genommen. Einheimische christliche Gemeinden sind in nahezu allen Regionen der Erde heute die Träger der Mission vor Ort. Die Bedeutung von interkultureller Begegnung, die das Denken, den Glauben und Lebensstil anderer Kulturen achtet und verstehen will, hat sich zu einem Kern missionarischen Handelns entwickelt, den die Mehrzahl der christlichen Kirchen trägt und verteidigt.

Aus einem Beitrag von Klaus Hampe in der Evangelischen Zeitung