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Bild: Jens Schulze 

Vom Wert der Freundschaft

Tagesthema 22. August 2012

Was fehlt ohne Freunde?

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Luitgardis Parasie Bild: privat

Freundschaften können für Menschen wichtiger sein als die Familie

Die Bibel sieht Menschen als Gemeinschaftswesen. Ohne Gegenüber, ohne enge Beziehung kann ein Mensch keine Persönlichkeit herausbilden, meint Pastorin Luitgardis Parasie. Sabine Dörfel von der Evangelischen Zeitung hat nachgefragt:

Leben wir angesichts steigender Zahlen von Scheidungen, Singlehaushalten und Patchwork-Familien in einer Zeit, in der Freundschaften wichtiger werden als Familienbeziehungen?

Die Familie gibt uns unsere Wurzeln. Sie verortet uns in der Welt. Das kann keine Freundschaft ersetzen. Auch das erste soziale Miteinander lernen wir in der Familie – oder lernen es eben nicht, dann wird es uns auch schwer fallen Freundschaften zu schließen. Andererseits gibt es Freundschaften, die tiefer gehen als Familienbeziehungen. Darauf hat schon Jesus hingewiesen, als seine Mutter und seine Verwandten nach ihm fragten. Er sagte: „Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ Also die Verbindung durch einen gemeinsamen Glauben, durch gleiche Ziele, für die man sich einsetzt, das kann durchaus wichtiger werden als die Familie.

Freundschaften können auch sehr tiefe, verbindliche und langfristige Lebens-Beziehungen sein. Welche wichtigen psychologischen Unterschiede gibt es zwischen Freundschafts- und Familienbeziehungen?

Ich suche mir die Familie nicht aus, oft reibe ich mich an ihr und gerate in heftigste Konflikte, und doch prägt sie mich mein Leben lang. Auch wenn ich komplett mit ihr breche, werde ich sie doch innerlich nie los. Freundschaften dagegen gehe ich ein, weil mir der andere sympathisch ist, wir gleiche Interessen haben, der gleiche Glaube uns verbindet – da ist oft weniger vermintes Gelände als in einer Familie. Im besten Fall ist meineSchwester, mein Ehemann, meine Ehefrau zugleich mein Freund.

Wenn ein Mensch keine Freundschaften hat oder meint, keine zu brauchen, fehlt dann etwas im Leben? Und wenn ja, was?

Und ob da was fehlt! Wir sind soziale Wesen, von Gott dazu geschaffen in Beziehung zu leben, von Anfang an. Unsere postmoderne Überbetonung des Individualismus ist ganz unbiblisch. Die Bibel sieht den Menschen viel stärker als Gemeinschaftswesen. Man kann schlecht alleine lachen, feiern, tanzen. Martin Buber sagt: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“

Aus Evangelische Zeitung: Luitgardis Parasie ist Pastorin in Northeim-Langenholtensen und arbeitet nebenberuflich als systemische Familientherapeutin - Sabine Dörfel redakteurin der Evangelischen Zeitung

Mehr über Freundschaft

"Es gibt die Freizeitfreundschaften, in denen man gemeinsam etwas unternimmt. Die „Vitamin-B-Freundschaften“ sind wichtig, wenn man eine Wohnung oder einen Arbeitsplatz sucht. Doch das Prädikat „echte“ Freundschaft verdienen nur die Herzensfreundschaften. In ihnen ist man in der Lage, dem anderen alles über sich zu erzählen – auch Ängste, Schwierigkeiten, peinliche Situationen. Echte Freunde sind offen miteinander, kommen sich seelisch sehr nahe. Entscheidend für diese Herzensfreundschaften ist jedoch die Zuverlässigkeit: Auf Freunde will man sich verlassen können, sie sollen ein Fels sein im Strudel des Lebens. Wir erwarten, dass sie da sind, wenn wir sie unbedingt brauchen, dass sie zuhören und sich kümmern. Von solchen Freunden träumt man und kann gelegentlich sogar mit ihnen zusammen schweigen. Allerdings sind sie nicht leicht zu finden." Das schreibt der Psychotherapeut und Buchautor Wolfgang Krüger in der aktuellen Ausgabe der Evangelischen Zeitung - Freundschaft ist das Schwerpunktthema diese Woche.

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Für den Kirchenvater Augustinus ist wahre Freundschaft von Zuneigung und Selbstlosigkeit geprägt – und dem gemeinsamen Streben nach Gott

Dem Geheimnis der Freundschaft waren Menschen zu allen Zeiten auf der Spur. Auch Augustinus (354-430), einer der berühmtesten Kirchenväter der Spätantike, hat sich zeitlebens über die Freundschaft Gedanken gemacht – vor allem darüber, welche Grundlage wahre Freundschaft hat. Für den frommen Augustin war sie eine Annäherung an Gott, geradezu eine Freundschaft mit Gott.

Augustinus war von Kindheit an an Freundschaften gelegen (vgl. Stefan Ihli, „Das Freundschaftsideal Augustins“). Er versuchte, seinen Schulkameraden zu imponieren, er stahl Lebensmittel aus dem Keller seiner Eltern, um seine Freunde zu beeindrucken, und er erfand Ausreden, um länger bei ihnen sein zu können. Als er zum Studieren nach Karthago ging, erfand er sogar üble Schandtaten – allein um vor seinen Kommilitonen zu prahlen.

In der Rückschau auf seine – auch religiösen – Irrungen und Wirrungen muss Augustinus bewusst geworden sein, dass diese Jugend-Freundschaften recht oberflächliche Beziehungen waren. In seinen „Bekenntnissen“ schreibt er: „Damals kannte ich das nicht und liebte nur das niedere Schöne; ich wandelte dem Abgrund entgegen und sprach zu meinen Freunden: Sollen wir nicht nur das Schöne lieben?“ (Augustinus, Confessiones IV, 13, übersetzt von Otto F. Lachmann, Reclam, Leipzig 1888)

Doch dann gewann Augustinus einen echten Freund, der in den „Bekenntnissen“ zwar namenlos bleibt, den Augustinus aber in sein Herz geschlossen haben muss. Als dieser „Freund“ infolge einer Krankheit stirbt, schreibt Augustinus voller Schmerz: „Am meisten freilich wunderte ich mich, daß ich, der ihm ein zweites Ich war, noch lebte, da er starb. [...] Auch ich empfand, wie meine und seine Seele nur eine einzige Seele gewesen war in zwei Körpern; deshalb war mir das Leben jammervoll, weil ich nicht leben wollte als ein halber Mensch, und darum fürchtete ich mich auch zu sterben, auf daß der, den ich so sehr geliebt, nicht ganz sterbe.“ (Confessiones IV, 6)

In dieser Freundschaft zeigt sich, was für Augustinus‘ spätere und reifere Freundschaften immer bedeutsamer wird: seine treue Zuneigung und Selbstlosigkeit. Für Augustinus, der erst dem gnostischen Manichäismus anhing, sich erst 386 zum Christentum bekehrte und schließlich 395 Bischof von Hippo Regius wurde, bildet die Liebe jetzt die Grundlage aller wahren Freundschaft. Denn sie sucht das Beste für die Seele des anderen – und das ist Gott. Ohne den Bezug auf Gott ist Freundschaft für Augustinus also undenkbar geworden.
So suchte sich Augustinus denen zu nähern, die ihn im Streben nach Weisheit begleiten. Mit seinen besten Freunden bildet er einen „Bund“, der zum Geistigen, zur Erforschung der Wahrheit dienen soll. Freundschaft besteht für ihn in der gemeinsamen Liebe zu einem rationalen Wesen, das nach Gott strebt. Die Frucht der Freundschaft, nämlich das Voranschreiten auf der Suche nach Gott, ist zugleich auch das Maß ihrer Qualität (vgl. Stefan Ihli).
Im „Brief 258“, den Augus-tinus wohl vor seiner Bischofsweihe geschrieben hat, kommt sein umfassendes Freundschaftsideal am deutlichsten zum Ausdruck: „So kommt es, daß zwischen den Freunden, zwischen denen es keine Übereinstimmung in göttlichen Dingen gibt, auch die Übereinstimmung in irdischen Dingen nicht vollkommen und wahr sein kann." (vgl. Brief 258, zitiert nach Stefan Ihli)

In einer späteren Phase versucht Augustinus, Menschen durch Freundschaft zum Christentum zu bewegen; Freundschaft ist für ihn allgemein ein Ausdruck der Nächstenliebe: „Auch sind in der Freundschaft nicht enge Grenzen zu ziehen; sie umfasst vielmehr alle, denen man Liebe und Zuneigung schuldet, wenn man auch zu dem einen mehr, zu dem anderen weniger sich hingezogen fühlt.“ (vgl. Brief 130, zitiert nach Stefan Ihli) Aber auch hier bleibt Augustinus seiner Vorstellung von Freundschaft treu: Sie ist Annäherung an Gott.

Von Sven Kriszio (aus: Evangelische Zeitung)