2012_08_22

Bild: Jens Schulze

Auf der Spur des Friedens

Tagesthema 21. August 2012

In Osnabrück wurde Niedersachsens dritter Stadtpilgerweg eröffnet

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Auf einem Verkehrsschild mit der Bedeutung „Durchgang für Wanderer verboten“ hat jemand die Wanderer mit einem Heiligenschein versehen und zu Pilgern gemacht. Bild: Walter G. Allgöwer / JOKER / epd-Bild

Beschienen von der warmen Morgensonne pilgert ein kleines Grüppchen Erwachsener durch die Fußgängerzone in Osnabrück. Kaffee- und Brötchenduft dringt aus einem kleinen Café. Gäste sitzen unter Sonnenschirmen beim Frühstück. Ein verliebtes Pärchen lehnt am Brückengeländer. Doch die Vorüberziehenden geben sich unbeirrt: Langsam, aber zielgerichtet folgen sie der „Spur des Friedens“, dem neuen Osnabrücker Stadtpilgerweg. „Der Pilgerschritt wäre eigentlich drei vor und einer zurück“, sagt Pilger-Pastorin Amélie zu Dohna. „Aber das wäre hier in der Stadt wohl etwas zu viel des Guten.“

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Solche Schuhe braucht ein Pilger in der Stadt nicht. Bild: Jens Schulze

Pilgern boomt in Deutschland - mindestens seit Hape Kerkeling vor einigen Jahren den Jakobsweg für sich entdeckte. Der 300 Kilometer lange Pilgerweg von Loccum nach Volkenroda ist bereits seit dem Jahr 2000 ein Erfolgsmodell, seit 2005 sogar mit eigener Internet-Präsenz, detaillierter Beschilderung und ausgebildeten Pilgerbegleitern. 10.000 Menschen erwandern ihn pro Jahr, schätzt Pastorin zu Dohna. In Schleswig-Holstein lädt der Mönchsweg zum Pilgern auf dem Fahrrad ein. Die Osnabrücker „Spur des Friedens“ ist nun nach Angeboten in Hildesheim und Hannover bereits der dritte Stadtpilgerweg in Niedersachsen.

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Zeugnisse von Pilgern. Bild: Jens Schulze

Zu Dohna hat den Pilgerweg gemeinsam mit City-Pastor Martin Wolter und der ehemaligen Kirchenvorsteherin Jutta Weyhmann-Harke als Projekt des Kirchenkreises entwickelt. Das Tourismusbüro und das Stadtmarketing seien sofort begeistert gewesen, berichtet Wolter: „Reisende suchen offenbar nicht immer nur Events, die irgendwann nicht mehr steigerbar sind.“ Der Pilgerweg richte sich aber auch an Einheimische. „Osnabrücker können auf diese Art ihre Stadt noch einmal ganz neu entdecken.“

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Bemalter Pilgerweg. Bild: Siegfried Kramer / epd-Bild

Der etwa vier Kilometer lange Weg greift in acht Stationen bewusst das traditionelle Osnabrücker Friedensthema auf. Denn Osnabrück versteht sich als Friedensstadt, seit 1648 von der dortigen Rathaus-Treppe der Westfälische Frieden verkündet wurde und den Dreißigjährigen Krieg beendete. Ebenso bewusst haben die Macher nicht nur religiöse Orte ausgesucht. So gehören neben dem Kreuzgang im katholischen Dom und der evangelischen Katharinenkirche auch ein Denkmal der Kaufmannschaft in der Fußgängerzone, die Rathaustreppe und eine Brücke am Hasefluss zu den Stationen.

Pilgern verbinde mittlerweile die Konfessionen, obwohl es ursprünglich eine rein katholische Tradition habe, sagt die Pilger-Expertin zu Dohna. Katholische Christen pilgerten seit jeher nach Rom oder eben auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Erst vor etwa zehn Jahren habe die evangelische Kirche das Pilgern für sich entdeckt. „Es ist eine Chance, Menschen zu erreichen, die nicht in die Kirchen kommen. Immer mehr Menschen suchen spirituelle Momente im Alltag.“ Pilgern ist unverbindlich. Jeder kann es nach persönlichen Vorlieben allein, in Gruppen oder auch geführt tun. „Da ist viel Freiheit dabei.“

Die „Spur des Friedens“ liegt als Heft im Osnabrücker Tourismusbüro und an anderen öffentlichen Ort aus. Auch geführte Touren werden angeboten. Für jede Station gibt es einen Impuls und ein „Wort für den Weg“ aus der Bibel. Die Pilger können nachdenken über Macht und Besitz, über Alltagshektik und Ruhepole in ihrem Leben.

Ihrer kleinen Gruppe erlässt zu Dohna zwar den Pilgerschritt - das Schweigen aber hält sie für ein unbedingtes Muss: „Es schärft die Sinne für Gerüche von frischen Brötchen, für das Geräusch eines Staubsaugers oder für die wärmenden Strahlen der Sonne.“ Sie glaubt sogar an noch einschneidende Veränderungen: „Es wird auch die Stadt verändern, wenn Menschen schweigend durch sie hindurchgehen, von Gedanken des Friedens bewegt.“

Von Martina Schwager (epd)
 

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Bild: Jens Schulze