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Bild: Jens Schulze 

Sehnsucht nach Ruhe und Einkehr

Tagesthema 20. August 2012

Kirchen und Klöster sind bei Reisenden beliebt, allerdings selten aus religiösen Gründen

Kölner Dom, Dresdner Frauenkirche oder kleine Dorfkirche: Jeden Zweiten zieht es im Urlaub in Kirchen und Klöster. Die meisten sind vor allem kulturell interessiert. Doch eine diffuse Sehnsucht nach Ruhe und Einkehr bleibt.

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Touristen besichtigen die Marktkirche in Hannover. Bild: Jens Schulze  / epd-Bild

Margrit und Willi Kappenberg verlangsamen ihren Schritt, als sie in die Marktkirche in Hannover eintreten. Sie heben die Köpfe zum Gewölbe über den mächtigen Pfeilern der gotischen Hallenkirche. „Ich bin fasziniert von dem roten Backstein und von der Stille hier“, flüstert Margrit Kappenberg. Das Ehepaar aus Burgwedel bei Hannover sucht nach einem Einkaufsbummel einen ruhigen Moment abseits der Baustellen in der Stadt. Doch auch auf Reisen gehen die Kappenbergs regelmäßig in Sakralbauten und auf Friedhöfe, wie viele andere Urlauber auch.

„Touristen mögen Kirchen und Klöster“, sagt der hannoversche Fachhochschulprofessor Ralf Hoburg. Er hat für die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers im vergangenen Jahr die Motive der „anonymen Kirchenbesucher“ erforscht, die außerhalb der Gottesdienste kommen. Mehr als die Hälfte der 325 Befragten aus 18 Dörfern und Städten besuchten der Studie zufolge häufiger Kirchen.

Auch eine Untersuchung der Uni Paderborn und der Thomas-Morus-Akademie belegt: Jeder zweite Deutsche rechnet Kirchen und Klöster zu den beliebtesten Zielen im Urlaub. Die meisten allerdings sehen die Gebäude als eindrucksvolle Sehenswürdigkeiten - und weniger als Orte des Glaubens.

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Besucher in der Marktkirche in Hannover. Bei vielen in der Erlaubszeit auch eine diffuse Sehnsucht nach Ruhe und Einkehr. Bild: Jens Schulze / epd-Bild

„Die Kultur interessiert mich“, sagt Irina Niller, während sie in der Marktkirche Fotos aus der bewegten Geschichte des Baus studiert, dessen Ursprünge im 14. Jahrhundert liegen. Die junge Frau aus Kasachstan will während ihrer Deutschlandreise auch etwas über das Land erfahren, aus dem ihre Großmutter stammte.

Bei jedem dritten Kirchenbesucher steht nach Hoburgs Forschungen ein kulturhistorisches Interesse im Vordergrund: Die Kirche wird als Zeugnis der Vergangenheit gesehen. „Noch ist das Bewusstsein da, dass dort auch Gottesdienste gefeiert werden. Ich vermute aber, dass es in großen Kirche wie der Dresdner Frauenkirche allmählich verloren gehen wird.“

Immerhin hat nach seinen Daten noch fast jeder fünfte Kirchentourist zumindest ein diffuses Interesse an Glauben und Andacht. Selbst bei spontanen Besuchen bleiben viele oft bis zu einer halben Stunde, manche zünden Kerzen an und sprechen ein Gebet. „Das ist eine Unterbrechung des Alltags. Sie sehen die Kirche als einen Ort, an dem sie zu sich selbst kommen können.“

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Ein Besucher besichtigt im August 2012 die Marktkirche in Hannover. Bild: Jens Schulze / epd-Bild

Vor allem Klöster versprächen eine Gegenwelt, sagt der Potsdamer Psychologieprofessor Christoph B. Melchers. „Da kommt es nicht darauf an, über das Neuste informiert zu sein und sich in Szene zu setzen, sondern Klöster stehen für Beständigkeit und Bescheidenheit“, erläutert der Leiter des Institutes für Markt- und Kulturforschung „zweieinheit“. „Sie versprechen etwas, was es sonst schon gar nicht mehr zu geben scheint.“

Im Alltag würden Menschen von Sinnversprechen überhäuft, die von der Entspannung beim Yoga bis zur Chance auf Reichtum reichten, sagt der Psychologe, der über „spirituellen Tourismus“ geforscht hat. „Manche sind das leid und suchen etwas Bleibendes.“

Eine Statistik der Klosterkammer Hannover unterstreicht diesen Trend: Mehr als 110.000 Gäste besuchten im vergangenen Jahr die 15 evangelischen Damenklöster und Stifte in Niedersachsen. Besonders hoch im Kurs standen dabei die sechs Klöster in der Lüneburger Heide, in denen noch heute Gemeinschaften evangelischer Frauen leben.

Auch für die Tourismusbranche ist so etwas attraktiv: Wenn im kommenden Jahr das evangelische Kloster Loccum bei Nienburg sein 850jähriges Bestehen feiert, bieten gleich mehrere Reiseveranstalter ihren Kunden Fahrten zu dem historischen Kleinod an. „Davon profitieren wir alle“, ist Martin Fahrland von der Mittelweser-Touristik GmbH überzeugt, die gleich mehrere Pauschalen zusammengestellt hat.

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Margrit und Willi Kappenberg besichtigen die Marktkirche in Hannover. Jeden Zweiten zieht es auf Reisen in Kirchen und Klöster. Bild: Jens Schulze / epd-Bild

Neben Highlights wie dem Kölner Dom und der Dresdner Frauenkirche, die zu den zehn meistbesuchten Touristenzielen in Deutschland gehören, findet auch die kleine Dorfkapelle Liebhaber, wenn sie an den Routen der Reisenden liegt. Immer mehr Gemeinden reagieren darauf, indem sie die Türen auch außerhalb der Gottesdienstzeiten öffnen. An Radwanderstrecken machen mittlerweile bundesweit 175 Radwegekirchen Urlaubern besondere Angebote wie Bänke und Tische für eine Rast.

In der Marktkirche in Hannover hat sich das Ehepaar Kappenberg in die erste Stuhl-Reihe gesetzt. Mitglieder einer Kirche sind sie nicht mehr. „Aber wir haben schon ein Verhältnis zum Glauben“, sagt Willi Kappenberg, während er den Altar und die bunten Glasfenster betrachtet. Zwei Paare aus Dänemark lichten einander mit ihren Smartphones neben dem Taufbecken ab. Und Monika Wäldner, die ehrenamtlich Aufsicht führt, erläutert ihre ganz eigene Theorie über die Gäste: „Die kommen nicht nur, um die Kirche abzuhaken und zu fotografieren. Sie sind Suchende, ohne dass sie sich darüber im Klaren sind.“

Von Karen Miether (epd)

Geöffnete Kirchen

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Signet: Verlässlich geöffnte Kirche. Bild: HkD

Viele Kirchen in der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers sind einladend offen und für Gäste zugänglich. Etwa 280 von ihnen tragen das Signet für verlässlich geöffnete Kirchen.

An dem einprägsamen Zeichen erkennen Gäste: Hier ist eine Kirche verlässlich offen. Hier lohnt es sich, die Klinke der Kirche zu drücken. Sie sind willkommen. Sie finden einen Ort der Besinnung und der Begegnung. Viele Menschen treten über die Schwelle, hinein in einen Raum, der von Gottes Geschichte mit den Menschen erzählt. Der Zugang zu dieser Botschaft soll allen Menschen offen stehen.

Informationen über geöffnete Kirchen

Radwegekirchen

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Signet: Radwegekirche

Zur Radwegekirche wird eine Kirche, wenn sie sich an der Route eines Radwanderweges befindet und die Kirchengemeinde oder eine Initiative die damit verbundenen Aufgaben übernimmt und das Signet verliehen worden ist. Das Signet wird auf Antrag durch die zuständige Landeskirche vergeben.

Eine Radwegekirche ist im Zeitraum von Ostern bis zum Reformationstag frei zugänglich. Vielerorts wird diese Regelung weiter gefasst und gilt auch für das Winterhalbjahr.

Viele Gemeinden bieten darüber hinaus:

  • Angebote von geistlicher Begleitung, Gelegenheit zur Seelsorge, Kirchenführungen
  • Bänke und Tische für eine Rast
  • Zugang zu Trinkwasser und Toiletten
  • Auskünfte und Informationen zu Wegeverlauf, Sehenswürdigkeiten, Übernachtungsmöglichkeiten, Fahrradwerkstätten und Ähnliches
Informationen über Radwegekirchen mit Informationen zu Touren und Radwegen

Landesbischof Ralf Meister ist Schirmherr...

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Ralf Meister

Landesbischof Ralf Meister hat die Schirmherrschaft für verlässlich geöffnete Kirchen und Radwegekirchen in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers übernommen. Marion Römer, verantwortliche Referentin im Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, sagte: „Bei dem Konzept der „Offenen Kirchen“ geht es um offene, einladende, gastfreundliche Gemeinden."

Seit zehn Jahren kennzeichnet das „Signet offene Kirche“ Kirchen mit verlässlichen Öffnungszeiten. Das blau-weiße Schild ist Zeichen dafür, dass sie mindestens vier Stunden an fünf Tagen der Woche für Besucherinnen und Besucher geöffnet sind. Mittlerweile haben über 250 Kirchen in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers das Signet. 15 Landeskirchen schlossen sich der Initiative an und fünf weitere Landeskirchen entwickelten ähnliche Aktionen.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) startete das Projekt „Radwegekirchen“ im Jahr 2010. Wie Kirchen mit Signet „Offene Kirche“ sind Radwegekirchen verlässlich geöffnet und zudem besonders auf Radfahrer eingerichtet.