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Bild: epd-bild/Michaela Kruse 

viel Himmel, viel Wasser, viel Raum

Tagesthema 19. August 2012

Besuch im Atelier in Norddeich

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Arend de Vries

Das Malen ist für den ostfriesischen Künstler Hermann Buß Belastung und Berufung zugleich. Zur Zeit malt der 61-Jährige an seinem "Lebenswerk", wie er sagt: vier riesige Bilder zum 850. Bestehen des Klosters Loccum bei Hannover im kommenden Jahr. Arend die Vries, Geistlicher Vizepräsident des Landeskirchenamtes Hannover und Prior des Konvents des Klosters Loccum hat zusammen mit einigen anderen den Künstler in seinem Atelier besucht. Er hat für landeskirche-hannovers.de seine Eindrücke exklusiv aufgeschrieben und einige seiner privaten Fotos zur Verfügung gestellt.

„Fragen stellen nach dem, was wesentlich ist“

Hermann Buß malt immer große Bilder. Aber diese vier Bilder, an denen er fast ein Jahr malen wird und die im Dezember im Kloster Loccum der Öffentlichkeit vorgestellt werden, übertreffen alles, was er bislang gemalt hat. Sein Atelier ist eigentlich zu klein für die Bilder, an denen er abwechselnd arbeitet. Ständig muss er die großen Platten umstellen im Atelier, das von außen wie ein kleines Schwedenhäuschen aussieht.

Vier Monumentalbilder, je fünf mal drei Meter mit Motiven aus dem Kloster Loccum und der Umgebung sind es, die rechtzeitig zum Klosterjubiläum im nächsten Jahr in der Johanneskapelle ausgestellt werden. Die Johanneskapelle war die Bußkapelle der Zisterziensermönche. Wer wäre geeigneter, die Bußkapelle auszumalen als Hermann Buß?

Hermann Buß malt keine religiösen Bilder. Und seine Bilder sind schon gar keine religiöse Auftragsmalerei. Wenn das jemand vermutet, kann er richtig „fuchtig“ werden, wie der Ostfriese sagt. „Malen ist Nachdenken über die Welt“, sagt Hermann Buß. „Malend reagiere ich auf die Welt, wie ich sie wahrnehme, auf das Leben, wie ich es erfahre.“ Bevor er den Auftrag für die Loccumer Bilder angenommen hat, hat er Zeit in Loccum verbracht, die Atmosphäre des Klosters geamtet, Mauern, Tore, Steine skizziert. Man findet sie wieder auf den Bildern. Detailgetreuer als eine Photographie es wiedergeben könnte. Aber die Bilder, die Hermann Buß malt, sind nicht einfach Ab-bildungen. In jedem Bild finden sich Brechungen, optische Störungen, die für den Betrachter anstößig werden, weil sie anstoßen, die abgebildete Wirklichkeit anders zu sehen.

„Portas patet, cor magis – Das Tor steht offen…“, so laut der Wahlspruch der Zisterzienser. Und dann steht vor der offenen Klostertür ein junger Mann von heute. Und eine hohe Steinplatte verwehrt ihm den Blick auf die offene Tür und den Zugang durch das Tor. Und die große Steinplatte wird ihm zur Klagemauer.

„Meine ganz eigene Auseinandersetzung mit der Welt gelingt mir dort am besten, wo ich meine Geschichte und Verankerung habe. Für mich ist das dort, wo viel Himmel, viel Wasser, viel Raum ist“, schreibt Hermann Buß in einem Ausstellungskatalog. Er lebt mit seiner Frau in Norddeich, unmittelbar hinter dem Deich. Nur wenige Schritte, dann steht er an der Nordsee, die in fast allen seinen Bildern motivisch wiederkehrt. Das Wasser als Konstante, als Symbol für Werden und Vergehen, für Leben und Tod, für Gefahr und Bedrohung. Auf vielen Bildern von Hermann Buß ist das Wasser grau, die Landschaft neblig verhangen. Schiffe verströmen keine Seefahrerromantik, sondern sind kalte Zeugen menschlicher Technik. Und zugleich rosten sie vor sich hin.

Loccum liegt nicht an der Nordsee. Aber ohne Wasser kommt Hermann Buß auch bei den Bildern für die Bußkapelle in Loccum nicht aus. Die Ruine der Luccaburg, wie man sie im Klosterwald findet, findet sich auf einem der Bilder mitten im Wasser wieder. Versinkend? Auftauchend? Im Wasser schimmern – als Hoffnungszeichen angesichts der Vergänglichkeit? – grüne Algen. Entengrütze sagen die Ostfriesen dazu. Und auf einer Steinplatte, die auf dem Wasser zu schwimmen scheint, liegen zwei Ruder. Gekreuzt.

Es sind keine religiösen Bilder, die Hermann Buß malt. Doch der Betrachter entdeckt beim zweiten Hinschauen viele religiöse Dimensionen, die im Blick des Malers auf die Wirklichkeit der Welt aufscheinen. Auch das gehört zur „Kunst“ in den Bildern von Hermann Buß, dass sie den Betrachter nicht festlegen, sondern die Bilder deutungsoffen bleiben. Sein entscheidender  Impuls ist, wie er sagt, „Fragen zu stellen nach dem, was wesentlich ist“.

So verstanden sind die Bilder von Hermann Buß genau richtig für die Bußkapelle im Kloster Loccum. Wer nach dem Wesentlichen fragt, wer sich nicht zufrieden gibt mit dem, was sich einfach abbilden lässt, der kann einen neuen Blick gewinnen – und das ist der erste Schritt zur Richtungsänderung, zu Umkehr, zu Buße.

Arend de Vries

Der ostfriesische Künstler Hermann Buß malt an seinem „Lebenswerk“ für das Kloster Loccum

Seine Hose ist übersät mit Farbflecken. Sein ausgebleichtes, einst orangefarbenes Hemd hat schwarze, grüne, gelbe, weiße, rote Tupfer: Hermann Buß ist Maler. Der Mann mit dem blonden Bart und den wilden, dünnen Locken auf dem Kopf sieht aus, als sei er direkt den 1960er Jahren entsprungen. Doch von „Flower-Power“ ist auf seinen Bildern nichts zu sehen: Sie sind tiefgründig, manchmal rätselhaft, nur auf den ersten Blick eindeutig. Derzeit malt der 61-Jährige sein «Lebenswerk», wie er sagt. Im Auftrag des evangelischen Klosters Loccum bei Hannover entstehen vier Bilder in den Maßen fünf mal drei Meter für die Johanneskapelle.

Im nächsten Jahr wird der 850. Geburtstag des Klosters, das zwischen Nienburg und Minden liegt, gefeiert. Es sind zum einen die Dimensionen der Bilder, die den Vater zweier Söhne beeindrucken. Und: „Ich werde nie wieder ein Werk entwickeln, das so viel Aufmerksamkeit erhält.“ Dabei hat Buß bereits einige Altarbilder für lutherische Kirchen gemalt. Das erste entstand 1990 für die Inselkirche Langeoog, aber auch in den Kirchen von Oldenstadt bei Uelzen, Ardorf bei Wittmund oder Warzen bei Hannover sind seine Bilder zu sehen.

Buß ist ein freundlicher Ostfriese, der seit 31 Jahren mit seiner Frau in einem Haus direkt hinter dem Deich bei Norddeich lebt: „Ich lege Wert auf Beständigkeit.“ Dass es zum nächsten Nachbarn weit ist, kommt ihm entgegen, denn „die räumliche Distanz zu anderen spiegelt mein Leben wider“. Und Buß ist alles andere als ein abgehobener Künstler: „Solche Attitüden findet man nur bei denen, die nicht so aktiv sind.“

Er wirkt tiefsinnig und belesen und ist als Maler offenkundig sehr fleißig. Von seinem Beruf kann Buß inzwischen leben. Er zeigt und verkauft seine Bilder auf Ausstellungen in ganz Deutschland. Auch wenn er bereits in der Schule gut malen konnte - „ich hatte eine künstlerische Ader“ - wollte er als Jugendlicher ganz klar zur See fahren, so wie sein Vater und seine Vettern. Nach dem Abitur aber ging er mit der damaligen Freundin nach Oldenburg und studierte Lehramt.

Er arbeitete auch ein paar Jahre in dem Beruf. Doch dann setzte sich das Malen durch. Trotz des nie bereuten Entschlusses, sagt Buß: „Das Malen ist eine Belastung, eine Anstrengung.“ Für jedes Bild müsse er einen „Wust an kreativen Einfällen in Bahnen lenken“. Er beschreibt seine Kunst als „meistens sehr einsam, fast autistisch“.

Auf seinen Werken kommt immer wieder Wasser vor. Von ostfriesischer Heimatromantik ist aber keine Spur. Auch wenn seine Bilder Schiffe, Menschen, Inseln zeigen - behandeln sie doch Werte wie Einsamkeit, Sehnsucht oder Zuversicht.

Für Bilder sei es am besten, wenn sie über zwei Ebenen verfügten, betont Buß: „Sie sollen intellektuell eine Herausforderung sein, aber ebenso sinnlich etwas zum Klingen bringen.“ Die Leute würden ihn bei Ausstellungen immer wieder fragen, was er mit seinen Bildern ausdrücken wolle. „Ich sage ihnen dann: 'Schaut selber hin'.“ Jeder solle sich seine eigene Gedanken dazu machen. „Aber manchmal staune ich dann schon, was anderen zu meinen Bildern einfällt.“

Es passt zu Buß, dass er nicht in einem schicken Atelier mit großen Fenstern malt. Er arbeitet in einem rot gestrichenen Gartenhaus. Derzeit ist es dort noch enger als sonst: An jeder der vier Wände stehen die riesigen Bilder für die Johannes-Kapelle. Da sie im Volksmund den Zusatz „Buß-Kapelle“ trägt, bricht bei dem Ostfriesen der Schalk durch, bevor es beim Wort „Lebenswerk“ zu ernst wird: „Wahrscheinlich hat die Kirche mich nur genommen, weil eine Namensgleichheit zwischen 'Buß-Kapelle' und meinem Familiennamen besteht.“

Von Michaela Kruse (epd)