2012_08_18_schmal

Bild: Frauke Witzler / Haus kirchlicher Dienste 

Leuchten in Kinderaugen

Tagesthema 17. August 2012

20 Jahre Ferienaktion „Kinder aus Tschernobyl“ in Neustadt-Wunstorf

„Das sind unsere Freunde dort“

„Wenn man völlig ohne Sprachkenntnisse ein Leuchten in Kinderaugen erzeugen kann – das motiviert“, sagt Heino Dubbels. „Und wenn man die Dankbarkeit der Menschen spürt“, ergänzt Ute Dubbels.

12-33-13-h-a
Spaß und Spiel weißrussischer und niedersächsischer Kinder. Bild: Harald Koch / Evangelische Zeitung

Seit 20 Jahren beherbergt das Ehepaar weißrussische Kinder aus dem Tschernobyl-Gebiet, die sich jährlich teilweise zusammen mit ihren Müttern vier Wochen lang im Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf erholen. Denn die Folgen des Atomreaktorunglücks von 1986 sind für die Menschen aus der Region Gomel noch immer spürbar.

„Fast jeder dort hat eine kleine Datscha mit einem Gärtchen und zieht sich etwas Gemüse oder Kartoffeln“, haben die Dubbels bei ihren Reisen nach Weißrussland erfahren. „Der radioaktive Fallout steckt noch immer in den Böden und belastet den Anbau.“

12-33-13-laki-ha-Tschernobyl
Die elfjährige Sonja (r.) erholt sich mit anderen Tschernobyl-Ferienkindern in der Wedemark. Bild: Harald Koch / Evangelische Zeitung

Fast zu allen „ihren“ Kindern hat das Ehepaar noch Kontakt, am meisten ans Herz gewachsen aber ist ihnen Sonja, die erstmals 2005 mit ihrer Mutter in Wedemark-Abbensen zu Gast war. Ute Dubbels (70) fielen gleich die großen Augen des Kindes auf. Nach einigen besorgten Nachfragen und einem eilig anberaumten Augenarzttermin wurde deutlich, dass die Dreijährige an einem Glaukom litt und zu erblinden drohte.  Mit erheblichem, auch finanziellen Engagement und großzügiger, unbürokratischer ärztlicher Hilfe sorgten Dubbels in den folgenden Jahren dafür, dass Sonja in Deutschland mehrmals operiert wurde und immer wieder medizinische Hilfe bekam, die sie so in Weißrussland nicht hätte erhalten können.

Noch heute schicken die Eltern dreier erwachsener Töchter ihrem „vierten Mädchen“ regelmäßig spezielle Augentropfen und sind bereit, dies auch noch die nächsten sechs bis sieben Jahre zu tun, denn erst als Erwachsene kann Sonja eine weitere noch notwendige Glaukom-Behandlung erhalten.
Ute Dubbels gehört zum fünfköpfigen Organisationsteam der jährlichen Ferienaktion. Die fünf Frauen bereiten Ausflüge, Feste, Besichtigungen und Gottesdienste für die Gastgruppe vor, die in diesem Jahr aus 28 Kindern, drei Müttern und zwei Dolmetscherinnen bestand.

12-33-13-h-c
Die Gasteltern Ute und Heino Dubbels freuen sich über Sonjas Dankes-Gruß. Bild: Harald Koch / Evangelische Zeitung

Immer zu zweit werden die Kinder bei ihren Gastfamilien untergebracht und „wenn die Eltern nicht zu oft aus Weißrussland anrufen, geht das unvermeidliche Heimweh der ersten Tage auch schnell vorbei“, berichtet Ute Dubbels.

Da die Gastfamilien in der Regel kein Russisch und die Kinder nur ganz selten Deutsch sprechen, geschieht die Verständigung „mit Händen und Füßen“, sagt Heino Dubbels (66). „Und mit einem Zettel, auf dem die wichtigsten Sätze auf Russisch stehen, wie zum Beispiel ‘Dies ist dein Bett’“.

Die Gasteltern aus dem Kirchenkreis Wunstorf-Neustadt sind aber nicht nur im Sommer aktiv. Rund 15 Männer und Frauen treffen sich wöchentlich, um Kleider- und Sachspenden zu sortieren und aufzuarbeiten. Zweimal im Jahr schickt die „Packertruppe“ dann Pakete nach Weißrussland, die über Hildesheim nach Dobrusch, einer kleinen Stadt im Gebiet Gomel, gehen.
Wie immer gönnen sie sich nach zwei anstrengenden Arbeitsstunden anschließend Tee und Kaffee und bieten russischen Konfekt an. „Das sind unsere Freunde dort“, sagt Mareile Rust (73), Mitglied des Ferien-Organisationsteams und Gastmutter seit 20 Jahren. „Es ist einfach auch hier mit unserer Gruppe eine tolle Gemeinschaft entstanden“, lobt Joachim Meichsner (75), der die gebrauchten Fahrräder herrichtet, die anschließend geputzt und repariert auf die Fahrt nach Weißrussland gehen. Etwas Sorge bereitet Ute Dubbels, dass sich immer weniger Gasteltern für die Tschernobyl-Ferienkinder finden. „Wir sind noch die Generation, die das Reaktorunglück 1986 miterlebt hat“, sagt sie. „Auch finden Berufstätige kaum die Zeit für die Betreuung von Ferienkindern.“ Rund 1050 Kinder waren in den vergangenen 20 Jahren im ehemaligen Kirchenkreis Neustadt zu Gast.

12-33-13-h-b
 Joachim Meichsner (oben, r.) sorgt für den Transport aufgearbeiteter Gebraucht-Fahrräder nach Weißrussland, Bild: Harald Koch / Evangelische Zeitung

Als Initiatorin der Tschernobyl-Hilfe in Neustadt hat Pastorin Elisabeth Gülich, die seit zwei Jahren im Ruhestand ist, die Initiative 26 Jahre lang begleitet. Dank ihrer Russisch-Kenntnisse öffnete sich der Pastorin bei den Besuchen in Weißrussland manche Tür,  Vertrauen ließ sich auch über Sprachgrenzen hinweg schneller herstellen. 

Auch bei den Kontakten zu der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Gomel, zu den russisch-orthodoxen Gemeinden der Region und dem Partnerfonds der hannoverschen Landeskirche in Gomel, „Gesundheit der Kinder“, half das frühere Sprachenstudium Gülichs.

Von Sabine Dörfel (Evangelische Zeitung)

Broschüre zum Jubiläum

In einer Broschüre zum Jubiläum dokumentieren die Organisatoren die Geschichte der Hilfsaktion, zu der auch zahlreiche Besuche von Gasteltern in Weißrussland gehörten. Der Titel „Lasst uns eine Brücke bauen“ ist für Gülich Programm. Verbundenheit sei nicht nur mit den Menschen in Weißrussland entstanden, sondern auch in den deutschen Gemeinden vor Ort, sagt die weiter im Organisationsteam aktive Ruheständlerin. „Ohne das große gemeindeübergreifende Netzwerk, das sich in den vergangenen 20 Jahren hier gebildet hat, ist die Hilfe für die Kinder von Tschernobyl nicht denkbar“, fügt Gülich hinzu.

Evangelische Zeitung

Mehr Informationen

Erinnerung an den "GAU"

Erinnerung an Tschernobyl

Für Hit-Radio Antenne Niedersachsen hat der Evangelische Kirchenfunk Niedersachsen (ekn) zum 25jährigen Jahrestag des Reaktorunfalls 2011 einen Film produziert, der an die Katastrophe in Tschernobyl erinnert und die enge Beziehung zur Situation in Niedersachsen erläutert. Prominente wie Renke Brahms, Margot Käßmann, Nikolaus Schneider und Katrin Göring-Eckardt erinnern sich sehr persönlich an die Katastrophe von Tschernobyl.