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Bild: dixiland / photocase.com 

Demenz - Schublade zum Ausgrenzen

Tagesthema 15. August 2012

Sammelbegriff „Demenz“ wird zur Ausgrenzung älterer Menschen missbraucht

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Bild: Jens Schulze

Noch vor hundert Jahren gab es kein Demenzproblem. Einige der wenigen Hochbetagten wurden hilflos und verloren die Orientierung. So war es schon immer, kein Grund zur Sorge. In den nächsten Jahrzehnten hinderten die beiden Weltkriege unzählige Menschen am Altwerden und die Gesellschaft am Nachdenken über den demografischen Wandel, der sich trotzdem vollzog. In den 50ern zeigte die „Bevölkerungspyramide“ eine immer noch schmale Spitze bei den Betagten und Hochbetagten, eine große Auswölbung bei den Jahrgängen 40plus, eine sehr enge Taille bei den fast ausgerotteten Menschen Mitte 30 und sehr viel Jugend. Das ließ sich noch ganz gut an für die große Herausforderung des Wiederaufbaus.

Aber flugs war die Generation 40plus zu 50plus mutiert und schon sind wir mitten in den 60ern. Auf einmal passten Jung und Alt nicht mehr zusammen. Die Jugend rührte sich, protestierte, revolutionierte. Die gealterten Jungen von anno dazumal bekamen ein Identitätsproblem. In der Folge versuchten sie damit zurechtzukommen, indem sie sich nach unten hin anbiederten und nach oben hin abgrenzten. Nur einige Vorzeigealte waren zugelassen, der Rest hatte jung zu bleiben und jugendlich auszusehen. Das Altern wurde zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte zu einem gesellschaftsrelevanten Problem, das man auf breiter Front zu vermeiden suchte. Was schwer fiel. Denn eine wachsende Zahl der alten Alten bescherte unangenehme Sorgen: Sie kamen nicht mehr zurecht im Leben. Sie verloren die Orientierung. Viele von ihnen wurden richtig krank und völlig hilflos dabei. Für all das war die Gesellschaft nicht gerüstet.

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Bild: Jens Schulze

Als die Mediziner nach Antwort suchten, stießen sie auf ein bislang sehr wenig bekanntes Krankheitsbild: Die Alzheimerdemenz. Es schien sich zu eignen, um daraus eine Riesenschublade für alle möglichen desorientierten Senioren zu zimmern. In der stecken sie jetzt. Obwohl schon der Entdeckungsbefund der Alzheimerdemenz durchaus nicht zu dem Patientenkreis passte, auf den er bis heute angewandt wird: Der Psychiater Alois Alzheimer hatte 1901 zum ersten Mal den tödlich verlaufenden Gehirnabbau eines Menschen beschrieben, der kaum älter als 50 Jahre war. „Präsenile Demenz“ sagt man heute dazu. Die sogenannten „Altersdementen“ haben also gar nicht „Alzheimer“ im ursprünglichen Sinn. Aber was haben sie dann?

Heute weiß man ungleich mehr über die fortschreitende Desorientierung alter Menschen, doch die Experten haben sich immer noch nicht darauf einigen können, was das eigentlich ist und noch weniger weiß man, was man dagegen machen kann. Nur so viel steht fest: Dass die Ursachen sehr komplex und verschiedenartig sind und dass es zunehmend problematisch ist, das Krankheitsbild „Demenz“ vom normalen Alterungsprozess abzugrenzen. Heißt das: Die scheinbar und tatsächlich kranken Alten von den „normalen“ Alten abzugrenzen, wegzugrenzen, auszugrenzen?

Das Demenzproblem ist wohl weniger ein medizinisches als ein soziales: Ein Integrationsproblem der Gesellschaft, ein Identitätsproblem der Alten. Es wird nicht gelöst, aber wesentlich leichter zu bewältigen sein, wenn die Einschätzung und das Selbstverständnis der 60plus-Generationen sich vom Geduldetwerden zum Gebrauchtwerden hin verschiebt. Mit halbherzigen Nachrüstungsbemühungen ist es nicht getan. Umdenken ist angesagt.

Von Hans-Arved Willberg (aus: Evangelische Zeitung)

Herausforderung Demenz – was Kirchengemeinden für Erkrankte und ihre Angehörigen tun können

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Bild: Jens Schulze

Ältere Menschen sind heute im Durchschnitt gesünder und vitaler als frühere Generationen. Doch nicht alle haben Anteil an dieser positiven Entwicklung. Nicht selten geht das hohe Alter mit einer erhöhten Verletzlichkeit und Bedürftigkeit einher. Jeder zweite Mann und drei Viertel aller Frauen werden in den letzten Lebensjahren pflegebedürftig – die Hälfte von ihnen aufgrund einer Demenz. Diese Zahl wird sich laut demographischen Prognosen in den nächsten Jahrzehnten verdoppeln.

Für die Kirchen ist die gesellschaftliche Zukunft heute schon Realität. Denn sie sind von ihrer Altersstruktur her der Gesellschaft um rund 30 Jahre voraus – die Veränderungen sind also in den Gemeinden bereits deutlich wahrzunehmen. Hinzu kommt, dass immer mehr Pflegebedürftige in ihrer vertrauten Umgebung und damit auch in ihrer Gemeinde bleiben wollen. Darauf müssen sich Gemeinden einstellen, wenn sie das Miteinander von Menschen mit und ohne Demenz aktiv gestalten wollen.

Das Schlüsselwort der gesellschaftlichen Diskussion über das Zusammenleben mit behinderten Menschen heißt Inklusion – Einschluss und Dazugehörigkeit. Für Menschen mit Demenz sollte dasselbe gelten. Doch wie gelingt es, dass sich Erkrankte und ihre Angehörigen als Teil der Gemeinde sehen, dass sie sich von einem Netz getragen wissen, Hilfe und Entlastung, Wertschätzung und Zuneigung erfahren?

Kirchengemeinden können Orte gelebter Inklusion werden: Orte, an denen niemand aufgrund seiner Einschränkung ausgegrenzt wird. Einige Gemeinden haben sich bereits auf den Weg zur demenzsensiblen Gemeinde gemacht. Sie nehmen Menschen mit Demenz in der Gemeinde aufmerksam wahr, schaffen Angebote, die auf ihre besonderen Bedürfnisse eingehen, bemühen sich um die Entlastung von pflegenden Angehörigen und kooperieren mit anderen Einrichtungen und Initiativen in der Region.

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Bild: Jens Schulze

Ein erster Schritt auf dem Weg zur demenzsensiblen Gemeinde ist das Gespräch im Kirchenvorstand über Form und Umfang der Demenzerkrankungen in der Gemeinde. Eine Informationsrunde mit der Diakonie- oder Sozialstation, einem Hausarzt oder anderen Fachstellen kann helfen, die Situation vor Ort zu erfassen. Dazu kann die Gemeinde – in Kooperation mit örtlichen Vereinen – öffentlich zu einem ersten Informationsabend in das Gemeindehaus einladen, an dem Initiativen ihre Arbeit vorstellen und darüber diskutiert wird, welche Unterstützungsmöglichkeiten die Gemeinde anbieten kann. Es sollte auch eine Gruppe gebildet werden, um weitere Schritte zur Umsetzung der Inklusion voranzubringen.

Es gibt vielfältige Ideen und Projekte für eine demenzsensible Gemeinde. Manche sind mit wenig Aufwand zu verwirklichen, andere brauchen mehr Ressourcen. Dabei gilt: Nicht jede Kirchengemeinde muss die ganze Palette möglicher Angebote initiieren. Oft helfen bereits kleine Schritte. Dazu kann gehören, dass den Selbsthilfegruppen oder Initiativen Räume zur Verfügung gestellt werden. So wird deren Arbeit unterstützt, geichzeitig aber auch der Kontakt fördert. Eine weitere Möglichkeit ist es, die Räumlichkeiten in der Gemeinde so zu gestalten, dass sie Menschen mit Demenz leichter zugänglich sind und sie sich in ihnen besser orientieren können.

Gemeinschaft und Entlastung schaffen aber vor allem spezielle Andachten und Gottesdienste, die sich sowohl an Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen, als auch an die Gemeindemitglieder richten. An der Vorbereitung können neben dem Pastor auch Mitarbeitende der Sozialstation und interessierte Mitglieder der Kirchengemeinde beteiligt werden. Dies könnte wie folgt geschehen: Gezielt werden Einladungen an Diakonie- und Sozialstationen, Wohn- und Pflegeheime sowie Gemeinschaften betreuten Wohnens verteilt, ein Fahrdienst für Erkrankte wird angeboten, die Liturgie ist kurz und vereinfacht. Es werden gängige Lieder gesungen, die auch Menschen mit Demenz kennen und mitsingen können. Bilder, Symbole und Gegenstände verstärken das Gesagte. Beim anschließenden Kirchencafé entsteht automatisch das Gespräch. Eine weitere Möglichkeit ist es, im Gemeindehaus regelmäßig ein „Café-Haus“ als Treffpunkt für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen einzurichten. In regelmäßigen Abständen könnten hier auch Fachleute über Wissenswertes informieren oder Kurse für Haupt- und Ehrenamtliche sowie Angehörige angeboten werden.

Auch Kreativangebote sind denkbar: Sing-, Tanz- und Theatergruppen ermöglichen eine ganzheitliche Ansprache, wecken Erinnerungen, fördern die Geselligkeit und einen selbstverständlichen Umgang mit Betroffenen. Der Seniorenkreis der Gemeinde, die Diakoniestation und der Tanzsportverein am Ort könnten regelmäßig einmal im Monat zu einem Tanztee in das Gemeindezentrum einladen, bei dem speziell Menschen mit Demenz willkommen sind.Eine weitere Möglichkeit sind ehrenamtliche Demenzpatenschaften. Dabei geht es schwerpunktmäßig um die Kontaktpflege und die gemeinsame Freizeitgestaltung. Aber auch wichtige Alltagstätigkeiten wie zum Beispiel Einkäufe, Fahrten mit Bus und Bahn, Besuche kultureller Veranstaltungen können nach Absprache begleitet werden. Den Paten werden eine Supervision und (bei Bedarf) entsprechende Schulungen angeboten. Als nächster Schritt könnte der Aufbau einer Besuchsdienstgruppe „Demenz“ oder einer Nachbarschaftshilfe folgen.

Ziel dieser Bemühungen ist es nicht nur, die Gemeindemitglieder über Demenz zu informieren und für die Bedürfnisse dementer Menschen zu sensibilisieren, sondern durch Kooperation und Vernetzung mit Vereinen, Pflegestützpunkten, Sozialstationen auch die Angebote und Hilfen für Demente zu verbessern. Die Gemeinde kann dazu als Ort gelebter Inklusion einen wichtigen Beitrag leisten.

Aus: Evangelische Zeitung